25.1 Was Bewusstsein (=psychisches System) und Kommunikationssystem (=soziales System) verbindet, ist, dass beide Systeme Sinn prozessieren bzw. sich im Medium Sinn formen.

Unterscheiden und bezeichnen kreieren Sinn. Das geschiet sowohl in psychischen als auch in sozialen Systemen. Der eine Typus autopoietischer Systeme könnte nicht ohne den anderen entstehen. Wie bereits näher beim Thema „Beobachten“ (Sätze 2. ff.) ausgeführt, wird so eine leere Form gebildet, die dann mit Inhalt gefüllt werden kann.

Im Blick auf die Kopplung und Ko-Evolution von Bewusstsein und sozialen Systemen wird in der Luhmannschen Systemtheorie von Interpenetration gesprochen. Ein etwas unglücklich aus der Parsonschen Soziologie übernommener Begriff, der suggeriert, dabei würde die Innen-außen-Unterscheidung zwischen den Systemen durchbrochen (=penetriert). Das ist aber nicht gemeint, sondern damit soll bezeichnet werden, dass zwei autopoietische Systeme sich gegenseitig ihre Komplexität als Umweltbedingung zur Verfügung. Wenn es um Sinnsysteme geht, heißt das, dass in dem uns interessierenden Fall Psyche und soziales System sich gegenseitig die Komplexität ihrer Sinnproduktion zur Verfügung stellen. Zur Verfügung stellen bedeutet aber nicht, dass sie sich gegenseitig kausal determinieren.

 

Literatur:

„Wir haben den Sinnbegriff (…) formal innerhalb einer Theorie sozialer Systeme eingeführt, haben aber betont, daß der Sinnbezug aller Operationen sowohl für psychische als auch für soziale Systeme eine unerläßlich Notwendigkeit ist. Beide Arten von Systemen sind im Weger der Co-evolution entstanden. Die eine ist nicht ohne die andere möglich und umgekehrt. Sie haben sich, wenn man so sagen darf, am Sinn ausdifferenziert. Sinn ist die eigentliche »Substanz« dieser emergenten Ebene der Evolution. Es ist daher falsch (oder milder: ist ein falsch gewählter Anthropozentrismus), wenn man der psychischen, das heißt der bewußtseinsmäßigen Verankerung eine Art ontologischen Vorrang vor der sozialen zuspricht. Es ist überhaupt  verfehlt, für Sinn einen »Träger« zu suchen. Sinn trägt sich selbst, indem er seine eigene Reproduktion selbstreferentiell ermöglicht. Und erst die Formen dieser Reproduktion differenzieren psychische und sozialen Strukturen.“

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp), S. 141.

„Die interpenetrierenden Systeme bleiben füreinander Umwelt. Das bedeutet: die Komplexität, die sie einander zur Verfügung stellen, ist für das jeweils aufnehmende System unfaßbare Komplexität, also Unordnung. Man kann deshalb auch formulieren, daß die pychischen Systeme die sozialen Systeme mit hinreichender Unordnung versorgen, und ebenso umgekehrt. Die Eigenselektion und Autonomie der Systeme wird durch Interpenetration also nicht in Frage gestellt.“

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp), S. 291.

„Sinn ermöglicht die Interpenetration psychischer und sozialer Systembildungen bei Bewahrung ihrer Autopoiesis; Sin ermöglicht das Sichverstehen und Sichfortzeugen von Bewußtsein in der Kommunikation und zugleicht das Zurückrechnen der Kommunikation auf das Bewußtsein der Beteiligten. Der Begriff des Sinnes löst damit den Begriff des animal sociale ab. Es ist nicht die Eigenschaft einer besonderen Art von Lebewesen, es ist der Verweisungsreichtum von Sinn, der es möglich macht, Gesellschaftssysteme zu bilden, durch die Menschen Bewußtsein haben und leben können.“

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp), S.297.




5 Gedanken zu „25.1 Was Bewusstsein (=psychisches System) und Kommunikationssystem (=soziales System) verbindet, ist, dass beide Systeme Sinn prozessieren bzw. sich im Medium Sinn formen.“

  1. Worin der Sinn (die Funktion) von „Sinn“ besteht, ist somit geklärt, doch was ist sein Inhalt?

  2. alles woran sinnvoll angeschlossen werden kann
    wobei der/ die Empfänger über „sinnvoll“ entscheiden

  3. @1: Sinn ist inhaltsleer – und daraus gewinnt er seine Funktion. Wie ein Kochtopf, der – nur wenn bzw. weil er leer ist – mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden kann.

  4. Wenn der Inhalt keine Form hat, gerät er in eine Sinnkrise, so wie Plätzchenteig, der nicht in Stern- oder Tannenbaumform gebracht wird.

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