25.2.1 Die Selektion des Sinns/der Bedeutung, die den gebrauchten Bezeichnungen zuzuschreiben ist, wird durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit durch die Kommunikationsteilnehmer bestimmt.

Da die Psyche eines anderen Menschen nicht von außen im Sinne einer determinierenden Eingabe-Ausgabe-Relation gesteuert werden kann, ist die Kommunikation zwischen Menschen immer daran gebunden, dass sie sich de facto „einigen“, worüber sie gerade sprechen bzw. worum es in der Interaktion gerade geht.

Das Wort „einigen“ ist in Anführungsstriche gesetzt, weil niemand wirklich weiss, ob man sich tatsächlich einig ist. Aber es reicht die Illusion, um die Interaktion und Kommunikation fortzuführen.

Es kann jedenfalls festgestellt werden, dass die Lenkung (bzw. Beinflussung) der Fokussierung der Aufmerksamkeit anderer Menschen die mächtigste Möglichkeit – wenn nicht die einzige – ist, sich in Kommunikationssysteme steuernd einzumischen. Denn implizit ist in der Fokussierung der Aufmerksamkeit die Innen-außen-Unterscheidung des Beobachtens: eine Innenseite, die „bemerkt“ (=markiert) wird, und eine Außenseite, die „unbemerkt“ (=unmarkiert) bleibt – der Blinde Fleck (obwohl Fleck hier natürlich untertrieben ist, denn es wird ja bestenfallsein umrissener Fleck durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit beleuchtet, während der Rest bleibt im Dunkeln). Diese Kreation von geteilten Unterscheidungen ist das Mittel der Steuerung der Kommunikation und der Koordination der Beobachtung einer Vielzahl „an sich“ autonomer Beobachter.

Die Fokussierung der Aufmerksamkeit ist in mehrfacher Hinsicht von Relevanz, weil auch die Kopplung von sozialen Systemen und Organismus (indirekt) auf diese Weise geschieht, denn auch die Aktivitäten des Gehirns werden durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit beeinflußt.

 

Literatur:

„Etwas steht im Blickpunkt, im Zentrum der Intention, und anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und-so-weiter des Erlebens und Handelns. Alles, was intendiert wird, hält in dieser Form die Welt im ganzen sich offen, garantiert also immer auch die Aktualität der Welt in Form der Zugänglichkeit. Die Verweisung selbst aktualisiert sich als Standpunkt der Wirklichkeit, aber sie bezieht nicht nur Wirkliches (bzw. präsumtiv Wirkliches) ein, sondern auch Mögliches (konditional Wirkliches) und Negatives (Unwirkliches, Unmögliches). Die Gesamtheit der vom sinnhaft intendierten Gegenstand ausgehenden
Verweisungen gibt mehr an die Hand, als faktisch im nächsten Zuge aktualisiert werden kann. Also zwingt die Sinnform durch ihre Verweisungsstruktur den nächsten Schritt zur Selektion.“

Luhmann; Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp) , S. 93f.

Aufmerksamkeit spielt im Zusammenhang mit dem Bewusstsein eine besondere Rolle. Zum einen ist Aufmerksamkeit der generelle Zugang zum Bewusstsein: Alles, worauf wir nicht unsere Aufmerksamkeit richten, ist uns nur schwach oder überhaupt nicht bewusst, auch wenn die entsprechenden Geschehnisse unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle oder unser Handeln  beeinflussen. Zum anderen ist Aufmerksamkeit als Konzentration eine Steigerung konkreter Bewusstseinszustände, die mit erhöhten, räumlich, zeitlich und inhaltlich gleichermaßen eingeschränkten (»fokussierten«) Sinnesleistungen oder mentalen Zuständen einhergeht. Der Fokus der Aufmerksamkeit wird entweder durch physisch auffällige oder unerwartete äußere Ereignisse bestimmt (externe Aufmerksamkeitssteuerung), oder er ist innengeleitet durch Erwartungen oder willentliche Kontrolle (interne Aufmerksamkeitssteuerung). Jeder von uns kann folgende Tatsache an sich beobachten: Je mehr wir unsere Aufmerksamkeit auf eein einzelnes Geschehen richten, desto mehr schwinden andere Geschehnisse aus unserem Bewusstsein.“

Roth, Gerhard (2001): Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt (Suhrkamp), S. 200f.




7 Gedanken zu „25.2.1 Die Selektion des Sinns/der Bedeutung, die den gebrauchten Bezeichnungen zuzuschreiben ist, wird durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit durch die Kommunikationsteilnehmer bestimmt.“

  1. Neben dem Sinn kann freilich auch der Unsinn die Aufmerksamkeit fesseln und die Kommunikation vorantreiben oder der sechste Sinn ebenso wie die Sinnlichkeit. Wie Luhmann treffend bemerkte, kommt es im Liebesgeflüster nicht auf den wahren Sinn des Gesprochen an.

  2. Ein sinnentstellende Fehler kann unsere Aufmerksamkeit in die Sinnlosigkeit oder in die Irre leiten, und Blödsinn uns ohne tieferen Sinn in den Wahnsinn treiben.

  3. Auch Unsinn ist nach der hier verwendeten Definition Sinn. Auch Wahnsinn, denn Sinn hat keine Aussenseite der Unterscheidung, d. h. Sinn entsteht immer dort, wo man die Frage nach ihm stellt. Die Antwort kann dann eben auch sein: gibt‘s nicht… Und das ist dann der Sinn.

  4. Genau … Shared attention … grundlegend für den Spracherwerb. Die Forschungen dazu sind umfassend! Wo schaut die Mutter im Hier und Jetzt hin, wo das Kind. Nur durch Shared Attention ist das Sprechenlernen möglich.

    Die akustische Aufmerksamkeit ist hauptsächlich durch Ohrenzuhalten zu regulieren (Türen/…). Also wir können nicht steuern wo die Schallwellen reizen. Das ist REZEPTIV!! Schall kommt einfach bei den Ohren rein, nicht willkürlich, wir können nur weglaufen etc pp

  5. @3: „Sinn entsteht immer dort, wo man die Frage nach ihm stellt.“
    „Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind.“ Hermann Hesse

    @Wahnsinn: „Die Antwort kann dann eben auch sein: gibt‘s nicht… Und das ist dann der Sinn.“
    „Besser das Leben ist sinnlos, als dass es einen Sinn hat, dem ich nicht zustimmen kann.“ Stanislaw Jerzy Lec

  6. ach Gott, dann liegt er eben doch im Wiesengrund, der Sinn, und kümmert vor sich hin …

    Aber darum dreht sich ja im Grunde gar nicht,
    wenn Gesundheit als Zeitgeist vorherrscht,
    obgleich Niesattacken dort mittlerweile die Regel sind:

    Ergo?
    „Was nützt einem die Gesundheit, wenn man sonst ein Idiot ist“
    Th. W. Adorno

    😉

  7. @ 9 @ 8 ….oh, ein solches Ansinnen dürfte aber der Clique an Frühstücksdirektoren, die es sich auf ihren Handelsplattformen mit magna carta derart vorzeigbar gemütlich eingerichtet haben (incl. permanenter „Naturverjüngung“ durch stetigen Wechsel ihrer stets im jugendlichen Alter verbleibenden ehelichen Gespielinnen…) garnicht so gut gefallen….
    😀😁😂😎

    … bereit zum Löschen,
    anne Bar …

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