25.2.3 Passung des Bewusstseins an das soziale System heißt: Es gibt viele unterschiedliche mögliche Formen und Prozessmuster des Bewusstseins, die mit den Kommunikationsmustern des sozialen Systems kompatibel (=viabel) sind.

Das Konzept der Viabilität (von lat. via, Weg) eines Weltbildes wird im von Ernst von Glasersfeld begründeten bzw. von ihm so benannten „radikalen Konstruktivismus“ an die Stelle seiner Wahrheit gesetzt. Das heißt, um es mit der Metapher der Landkarte (für eine kognitive Struktur) zu illustrieren, die Landkarte muss so zur Landschaft passen, dass man mit ihr seinen Weg findet, sie muss aber nicht zeigen, wie die Landschaft wirklich ist. Bezogen auf die Existenz von Lebewesen bedeutet dies, dass sie gut genug „passen“ muss, um das Überleben (sei es eines Individuums, sei es eines sozialen Systems) zu ermöglichen. Wenn darüber hinaus noch Ziele verfolgt werden sollten, muss dann eben überprüft werden, ob sie dazu taugt. Was über die Welt immer nur mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, was nicht der Fall ist, d.h. welche Aussagen falsch sind. Das gilt für Aussagen über die physische wie die soziale Welt, in der es jeweils zu überleben gilt.

 

Literatur:

„Ganz allegemein betrachtet, ist unser Wissen brauchbar, relevant, lebensfähig (oder wie immer wir die positive Seite der Wertungsskala nennen wollen), wenn es der Erfahrungswelt standhält und uns befähigt, Vorhersagen zu machen und gewissen Phänomene (d.h. Erscheinugnen, Erlebnisse) zu bewerkstelligen oder zu verhindern. Wenn es diesen Dienst nicht erweist, wird es fragwürdig, unverläßlich, unbrauchbar und schließlich als Aberglaube entwertet. Das heißt, vom funktionalen, pragmatischen Standpunkt aus, betrachten wir Ideen, Theorien und »Naturgesetze« als Strukturen, die der Erlebenswelt  (der wir sie abgerungen haben) dauernd ausgesetzt sind und ihr weiterhin standhalten oder nicht. Wenn nun so eine kognitive Struktur etwa bis heute standgehalten hat, so beweist das nicht mehr und nicht weniger als eben, daß sie unter den Umständen, die wir erlebt und dadurch bestimmt haben, das geleistet hat, was wir von ihr erwarteten. Logisch betrachtet, heißt das aber keineswegs, daß wir nun wissen wie die objektive Welt beschaffen ist; es heißt lediglich, daß wir einen gangbaren Weg zu einem Ziel wissen, das wir unter von uns bestimmten Umständen in unserer Erlebenswelt gewählt haben. Es sagt uns nichts – und kann uns nichts darüber sagen – wieviele andere Wege es da geben mag und wie das Erlebnis, das wir als Ziel betrachten, mit iener Welt jenseits unserer Erfahrung zusammenhängt.“ (S. 22f)

Glasersfeld, Ernst von (1981): Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: Watzlawick, Paul (Hrsg.)(1981): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wir wissen, was wir zu wissen glauben. Beiträge zum Konstruktivismus. München (Piper) 2. Auflage der Neuausgabe, S. 16 – 38.

„The best guess may go wrong. The scientist knows this to his cost; for every hypthesis is a guess as to the outcome of an infinite number of possible experiments. We expect that every hypothesis will be disproved. Surely none can be proved. This is, in fact, its glory; for we know, when we have proved it false, that was a significant proposition.“ (S. 154)

McCulloch, Warren S. (1948): Through the Den of the Metaphysician. In: ders. (1988): Embodiments of Mind. Cambridge, Massachusetts (MIT-Press) S. 142 – 156.




13 Gedanken zu “25.2.3 Passung des Bewusstseins an das soziale System heißt: Es gibt viele unterschiedliche mögliche Formen und Prozessmuster des Bewusstseins, die mit den Kommunikationsmustern des sozialen Systems kompatibel (=viabel) sind.”

  1. Man kann durchaus auch sagen, was der Fall ist! Das genau ist das Grundproblem dieser Philosophie des radikalen Konstr., zu setzen, was für andere nicht der Fall zu sein hat. Ich bin dafür, dass radikale Konstruktivisten keine Bücher schreiben. Das wäre konsequent. Wozu ein Buch drucken. Für wen?

  2. @1: Man kann ja sagen oder reden, was man will: auch, was der Fall ist. Aber beweisen kann man es nicht. Das heisst: Man kann auch ganz was anderes sagen…

  3. Wem beweisen? Alleine die Tatsache, dass man überhaupt Hypothesen formuliert zeigt, dass man in der Lage ist, sinnvolle Aussagen zu tätigen und damit auch schon Wissen über die Welt hat. Dazu muss ich noch gar nichts falsifizieren. Es genügt das Aufstellen einer Hypothese in der Sprache. Und alleine die Tatsache, dass Von Glasersfeld behauptet (Beispiel), dass (Beispiel) Wortbedeutungen subjektiv seien, zeigt, dass er in der Lage ist, zumindest diese Begriffe auf intersubjektive Weise zu gebrauchen, sonst bräuchten wir (und er) nicht darüber zu diskutieren. Das Hier und Jetzt bewahrt vor der Beliebigkeit. Im Hier und Jetzt ist es nie „auch anders“ möglich. Ich rede hier nicht vom Falsifizieren von Hypothesen (nur um mich nicht misszuverstehen), sondern vom Tätigen von Aussagen in der Sprache und den dadurch keineswegs beliebig erzeugten Welten. Die Existenz dieser Sprache ist alleine dadurch zu beweisen, dass wir nicht verneinen können, dass wir sie gebrauchen, außer wir wollen uns unmittelbar widersprechen. Wenn einem die Logik egal ist – dann, aber nur dann (scheint mir) – können wir uns in Beliebigkeit baden (auch nicht so schlecht, vermutlich …). Es ist schon spät und ich mag mich irren …

  4. @3: Man kann (und muss) sich intersubjektiv einigen (aber man könnte sich auch auf was anderes einigen), was der Fall ist.

  5. @4) Man kann aber auch dabei bleiben (im Zeitverlauf). Man kann sich darauf einigen, was gerade im Fokus der Aufmerksamkeit erscheinen möge. Wir können uns gegenüber stehen und uns darauf einigen, dass wir beide Augen im Gesicht haben und sich dazwischen eine Nase mit zwei Löchern befindet (glaube mich zu erinnern, dass Du auch eine hast). Dann können wir uns beide gleichzeitig die Nase zuhalten, uns darauf einigen, dass wir die Luft anhalten und abwarten, wer zuerst blau anläuft (oder nach Luft schnappt). Wir können uns dann darauf einigen, dass Menschen gewöhnlich durch diese beiden Öffnungen (Nase und Mund) Luft nach innen saugen. Das können wir aber nur, wenn wir das Spiel unterbrechen. Dann kann man darüber nachdenken, welche Formen der Beatmung es noch gibt (für Menschen). Es gibt ja noch ein paar Möglichkeiten, aber nicht unbegrenzt und auch nicht beliebig, im Rahmen dessen, was wir beschreiben können und auch schon beschrieben haben. Beschreibungen/Begrifflichkeiten sind nicht beliebig zu formen (anders gesagt: Das Begriffene ist nicht beliebig zu begreifen …). Meines Erachtens.

  6. Ich denke,
    zu sagen was der Fall ist ist möglich,
    jedoch
    nur in diesem und für diesen spezifischen Kontext, örtlich, zeitlich sozial ..
    Dann ist diese Beschreibung was der „Fall“ ist in diesem spezifischen Kontext der „Weg“, die Beschreibung der Viabilität von etwas jetzt, im Moment der Beschreibung, bereits Vergangenem.

    Und darüber hinaus ist die Beschreibung „was der Fall ist“ die Beschreibung eines Beobachters. Wer schon einmal erlebt hat wie kontrovers eine Familie ein bestimmtes Ferienerlebnis beschreibt, bei dem alle anwesend waren, wird merken, dass zu denken oder zu sagen was der „Fall“ ist, doch sehr subjektiv ist.

    Im Sozialen bemüht sich der Gesetzgeber seit Jahrhunderten, Jahrtausenden, Situationen zu definieren, zu definieren was der Fall ist, strafrechtlich, zivilrechtlich, sozialrechtlich. Wir wissen wie beschäftigt die Gerichte sind, um zu definieren was jeweils der Fall ist.

    Der Radikale Konstruktivismus des Ernst von Glasersfeld hilft uns aus dieser Falle,
    dieser Klemme, indem er beschreibt wie die kontextuellen Gegebenheiten einschließlich der Beobachter und der Beobachter der Beobachter usw. die Wahrnehmung/ Beschreibung von „Fällen“ konstruieren.

    Dazu der uralte Film „Die Zwölf Geschworenen“.

    Nur, im sogenannten praktischen Leben ist diese Idee des „Radikalen Konstruktivismus“ sehr hilfreich:

    Fehler werden dann nicht als Fehler benannt und bewertet sondern als vom sozialen Konsensus abweichendes Konstrukt.

  7. Interessant darüber nachzudenken :

    Radikaler Konsruktivismus ist das Gegenteil von beliebig.
    Es werden die kontextuellen Gegebenheiten, die eben nicht beliebig sind sondern beobachtbar, genutzt um einen oder mehrere Wege, gangbare Wege zu konstruieren.

    Wenn ich von Mariahilf zum Stephans Dom will gibt es kontextuelle definierte Möglichkeiten, in mir, in meinem sozialen Umfeld und in Wien etc. , die ich beachten muss, wenn ich erfolgreich mein Ziel erreichen will.
    Laufe ich beliebig ist es eher unwahrscheinlich überhaupt anzukommen.
    Es empfiehlt sich kontextuell zu konstruieren.

  8. Zur Viabilität von Sprache/ Worten

    „Wer der Sprache Gewalt antut“ von Olga Martynova
    FAZ 21.9.19 – Seite 9 – Feuilleton

  9. Ja, werner, aber – sie waren eben alle gemeinsam irgendwo! Sie kommen an bestimmten Sachverhalten nicht vorbei, die eben genau nicht perspektivisch zu nennen sind und über die man sich auch nicht streiten kann („Man kann nicht ein bisschen schwanger sein.“).
    Es ist also nicht „alles“ eine Frage der Perspektive. Wohl muss man immer den Kontext beachten, aber dazu brauche ich keinen radikalen Konstruktivismus. Ich brauche nicht die Setzungen von der operationalen Geschlossenheit, über ein konstruierendes Nervensystem bis hin zu einem „Wirklichkeiten errechnenden Beobachter“. Was es wohl braucht ist eine Kybernetik zweiter Ordnung – das hat aber nur peripher etwas mit dem radikalen Konstruktivismus zu tun.
    Und – ad Glasersfeld: Wortbedeutungen werden intersubjektiv im Hier und Jetzt erzeugt, sie werden weder „subjektiv“ erlernt, noch sind sie sinnvoll als „subjektiv“ zu begreifen. Wenn Sie Glasersfeld hier zu Ende denken, dann landen sie in der Beliebigkeit …

    Und da sind auch viele schon gelandet, die diesem Denken gefolgt sind. Insofern halte ich es für zu radikal, ich finde es weitaus günstiger, Wortbedeutungen als intersubjektiv zu begreifen, keinesfalls als subjektiv. Das liegt einfach auch an den intersubjektiven Regeln der Sprachbenutzung, die wir alle gebrauchen. Bei Wittgenstein finden Sie das berühmte Argument gegen eine „Privatsprache“.

  10. Es ist nicht beliebig, wie man die Welt konstruiert, weil manche Konstruktionen nicht viabel sind; aber es gibt nicht die eine „wahre“ Konstruktion.

  11. ich denke es geht nicht um Brauchen oder Wahrheit oder …
    es geht darum ob ein Denkansatz nützlich ist …

    und die Intersubjektivität von Wortbedeutungen ist sicher ein Aspekt,
    nur wenn die Zeit vergeht verändert sich die kulturell definierte Wortbedeutung,
    „Fräulein“ war früher ein positiv besetztes Wort, heute nahezu eine Beleidigung,
    und demnächst wird „Frau“ auch eine Beleidigung sein oder vielleicht auch „Mann“,
    je nach sozialer Konstruktion …

    und es gibt das schon, dieses ein bisschen schwanger;
    heutzutage ist es üblich die ersten 3 Monate der Schwangerschaft sozial zu verschweigen
    bis alles ganz sicher ist, ca. nach Ablauf der ersten 3 Monate, bis sich das Ei verlässlich eingenistet hat,
    bis dahin ist nur etwas im Schwange …

    ich mag Glasersfeld mit seinem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht ..

  12. Sagen Sie das bitte einer Frau, die in den ersten 3 Monaten eine Fehlgeburt erleidet, die ja gar nicht wirklich eine war. „Es war nur etwas im Schwange …“ (Ich betreue diese Frauen dann gerne vor Ihre Praxis …).

    Natürlich ist es sicher, wenn man schwanger ist (auch in den ersten 12 SSW) – aber: Man kann es wieder verlieren. Das ist aber wohl ein Unterschied und zwar nicht nur ein semantischer Unterschied!

    Andererseits nützt es vielen Frauen, wenn man ihnen sagt, dass sie damit nicht alleine sind – Fehlgeburten nahezu jede Frau erlebt (und sie diese oft gar nicht mitbekommen).

    Dennoch war eine Frau, die vor der 12. SSW ein Kind verliert, schwanger (und nicht ein bisschen schwanger), oder wollen Sie mir hier vielleicht sagen, dass man nicht sagen kann, ob ein Herz schlägt und man dies auch nicht zuverlässig mittels Ultraschall darstellen kann (das kann man ab der 6. SSW). Man merkt da übrigens auch, wenn das Herz nicht mehr schlägt (falls es vorher zwei waren …). Dann hat man – Hoppla – ein Kind verloren. Aber eines lebt ja noch … (Aber Sie sind ja Ärztin, was ich mich erinnere … vielleicht sehen Sie nicht so viele Schwangere …).

    Eines hat man ja dann noch … oder lebt es vielleicht doch nicht mehr. Wer weiß …

  13. 10) Ja! (Wäre ja auch langweilig …). Aber ich würde – im buddhistischen Sinne – gerne ergänzen, dass relative und absolute „Wahrheit“ letztlich ununterschieden sind 😉

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