25.3.2 Das kindliche Bewusstsein passt sich in seiner Struktur den wahrgenommenen Bedürfnissen des eigenen Körpers an und damit zwangsläufig auch den Mustern der Interaktion/Kommunikation, durch die diese Bedürfnisse befriedigt werden.

Das Bewusstsein des Kindes beobachtet gewissermaßen die Beziehung und Interaktion zwischen Organismus und sozialem System. Es reagiert – um ein Beispiel zu nennen – auf den Abfall des Blutzuckers (Phänomenbereich Organismus) mit dem Erleben von Hunger und das Gestilltwerden als Reaktion auf das eigene Schreien (Phänomenbereich soziales System) mit einem Gefühl der Sättigung. Wenn diese Abfolge sich wiederholt, entwickeln sich selbstorganisiert spezifische Erwartungsmuster der Verknüpfung von körperlich begründetem Erleben und Interaktionen mit anderen Menschen, d.h. psychische Strukturen. Sie sind zum einen  von den Besonderheiten des kindlichen Organismus und zum anderen von den Besonderheiten des sozialen Systems bestimmt, das für das Überleben des Kindes sorgt und unverzichtbar ist.

Hier zeigen sich – wenig verwunderlich – Übereinstimmungen zur den von Sigmund Freud in seiner zweiten Theorie des psychischen Apparats entwickelten Vorstellungen von Es, Ich und Über-Ich. Dabei setzt er allerdings das Ich nicht mit dem Bewusstsein gleich, da in seiner psychoanalytischen Konzeption große Teile bzw. Funktionen des Ich unbewusst bleiben. Aber –  hier zeigt sich eine gewisse Aänlichkeit zu seiner Modellbildung – er sieht das Ich als Vermittler zwischen der äußeren Realität, den Anforderungen des Organismus (der „Libido“) und den internalisierten Forderungen des sozialen System in Form eines mehr oder weniger strengen Über-Ichs. (Dass mit den Begriffen Ich und Es usw. die Gefahr einer verdinglichten Vorstellung verbunden ist, sei nur kurz vermerkt – aber das gilt für „das Bewusstsein“ natürlich gleichermaßen).

Einen Schritt weiter in Richtung einer Systemtheorie des „Ich“ geht die psychoanalytische Ich-Plychologie, die das Ich durch seine Funktion definiert und als Organisationsprozess definiert.

 

Literatur:

„Aber andererseits sehen wir dasselbe Ich als armes Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und demzufolge unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet, von der Außenwelt her, von der Libido des Eis und von der Strenge des Über-Ichs.  Dreierlei Arten von Angst entsprechen diesen drei Gefahren, denn Angst ist der Ausdruck eines Rückzugs von der Gefahr. Als Grenzwesen will das Ich zwischen der Welt und dem Es vermitteln, das Es der Welt gefügig machen und die Welt mittels seiner Muskelaktionen dem Es-Wunsch gerecht machen.“

Freud, Sigmund (1923): Das Ich und das Es. G.W. XIII, 286; Studienausgabe Bd. 3, S. 322. Frankfurt (S. Fischer) 1975.

„Das Ich ist als der Organisationsprozeß per se anzusehen. (…) Wir gehen davon aus,, daß das Ich durch sein Funktionieren definiert wird.“

Blanck, GErtrude und Rubin (1979): Ich-Psychologie II. Stuttgart (Klett-Cotta) 1980, S. 23.




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