25.4 Das Bewusstsein eines Menschen und das soziale System, dessen Teilnehmer er ist, sind (im Prinzip) lose gekoppelt, da die konkreten sozialen Systeme als Umwelten für ein entwickeltes Bewusstsein (im Prinzip) austauschbar sind.

Dass psychische und soziale Systeme als strukturell gekoppelt zu betrachten sind, heißt, dass die Mitglieder des sozialen Systems in der Lage sind, dessen Strukturen zu beeinflussen (wobei Absicht und Wirkung sehr verschieden sein können), und die Spielregeln der Kommunikation der jeweiligen sozialen Systeme verändernde Wirkungen auf die Psyche ihrer Mitglieder haben können (ebenfalls in einer nicht eindeutig vorhersehbaren und nicht durchschaubaren Weise).

Doch, auch wenn das Bewusstsein eines sozialen Systems als Umwelt und das soziale System einer gewissen (mindestens zwei) Zahl von Bewusstseinen als relevanter Umwlet bedarf, um sich zu bilden bzw. zu erhalten, so sind diese Umwelten austauschbar (=lose gekoppelt). Das heißt, ein Individuum ist in der Lage, sich als Teilnehmer in die Kommunikation unteschiedlicher sozialer Systeme ein- und auszuklinken. Bei kleinen Kindern mag dies noch nicht im gleichen Maße der Fall sein, aber Erwachsene können z.B. in unterschiedlichen Unternehmen arbeiten, in wechselnden Familien glücklich werden, Nationen und Sprachwelten wechseln usw. Das Maß dieser Flexibilität variiert von Individuum zu Individuum und ist abhängig von seiner „polykontexturalen Kompetenz“, d.h. der Fähigkeit und/oder Bereitschaft, sich an unterschiedliche soziale Kontexte anzupassen.

Weite Bereiche unserer Gegenwartsgesellschaft beruhen darauf, dass die Mitglieder sozialer Systeme für ihr Überleben nicht an ein bestimmtes System gebunden sind und dass die sozialen Systeme – z.B. Organisationen – nicht auf die Mitgliedschaft unersetzbarer, einzigartiger Personen angewiesen sind. In Familien ist das allerdings ein wenig anders (siehe Sätze  50. ff.), hier ist die Austauschbarkeit begrenzt.

Diese Flexibilität bedeutet auch, dass psychische Systeme sich als Teilnehmer unterschiedlicher sozialer Kontexte unterschiedlich entwickeln und sich soziale Systeme aufgrund wechselnder Mitglieder in ihren Spielregeln und Strukturen verändern können.

Beide Typen von Systemen haben die Option sich andere Umwelten „zu suchen“  (andere soziale Systeme/andere Mitglieder). Es besteht keine Zwangsgemeinschaft, keine derart feste Kopplung, dass deren Auflösung lebensbedrohend wäre.

 

Literatur:

„Die Grenze zwischen psychischen und sozialen Operationen mag auf der operativen Ebene eindeutig, scharf und unüberwindbar gezogen sein. Das verhindert jedoch nicht, sondern provoziert geradezu, dass dies in den jeweiligen Systemen reflektiert wird. Die undurchschaubare Differenz irritiert sowohl die psychischen als auch die sozialen Systeme.“

Luhmann, Niklas (2000): Organisation und Entscheidung. Frankfurt (Suhrkamp), S. 116.




Ein Gedanke zu „25.4 Das Bewusstsein eines Menschen und das soziale System, dessen Teilnehmer er ist, sind (im Prinzip) lose gekoppelt, da die konkreten sozialen Systeme als Umwelten für ein entwickeltes Bewusstsein (im Prinzip) austauschbar sind.“

  1. @ „Die undurchschaubare Differenz [zwischen psychischen und sozialen Operationen] irritiert sowohl die psychischen als auch die sozialen Systeme.“

    Sozialkritische Beobachter, die Begriffe konstruieren wie: verwaltete Welt, Kolonisierung der Lebenswelt, Entzauberung, Versachlichung, Verdinglichung und Entfremdung, könnten zu der steilen These gelangen, dass es schwachsinning ist, Kinder nichtdeutscher Zunge vom Grundschulbesuch zurückzustellen, doch darum geht es natürlich gar nicht. Es geht ums Draußenhalten, denn ganz objektiv ist es so, dass in der globalisierten Welt Sprachen nützen, und wenn es heute überhaupt noch um irgendetwas geht, dann um den Nutzen. Weil aber in der offenen Konkurrenzgesellschaft das, was dem einen nützt, dem anderen schadet, soll man Migrantenkinder, wo sie schon diese unlernbaren Sprachen aus dem Effeff beherrschen, dann wenigstens erst mal unter sich lassen, damit ihnen Deutsch möglichst Fremdsprache bleibe. Jenes Deutsch, das sich immer vorbehaltloser auf eine Sprache verwalteter Welt reduziert, auf den „zeitnahen“ Schrottsprech der Apparate. Haargenau darum hat die Grundschule meiner Enkelin jetzt „Lerncoaches“, und darum wird, in München wie überall, jener Ewige Jude angespuckt, dessen ortlose Akzentfreiheit man hassen soll, weil man sie lieben soll, da – wie es schon Adorno schien -, „die Menschen in Deutschland in einer immerwährenden Angst um ihre nationale Identität“ leben.

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