25.4.3 Wie fest oder lose die Kopplung zwischen einem konkreten menschlichen Bewusstsein und einem konkreten sozialen System ist, ist variabel und im Einzelfall unterschiedlich.

Dass diese Kopplung auch bei körperlicher Anwesenheit – vorübergehend oder dauerhaft – aufgehoben werden kann, zeigt sich in der sogenannten „Geistesabwesenheit“. Man ist mit seinen Gedanken weit weg von dem, was gerade in der Kommunikation thematisiert wird. Dies dürfte der Modus sein, in dem die meisten Menschen „Meetings“ in ihren Unternehmen überstehen, andere die sonntägliche Messe.

Diese Entkopplung betrifft nicht nur den aktuellen Bewusstseinszustand, sondern er gilt auch der Verbindung von individueller (subjektiver) Wahrheit und den Wahrheiten des sozialen Systems, an dem jemand teilnimmt. Das thematisiert bereits Dante in seiner Göttlichen Komödie. Er nennt diesen Bewusstseinszustand der Entkopplung Exstase. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird damit heute ein Zustand des „Außer-sich-Seins“ (was immer mit dem „In-sich-Sein“ konkret gemeint sein mag)  bezeichnet, aber bei Dante wird damit ein Zustand des Außerhalb-der-Kommunikation-Seins charakterisiert (ein Gebrauch des Wortes, der aus systemtheoretischer und ethnologischer Sicht fragwürdig ist, weil die meisten bekannten exstatischen Zustände (einer Vielzahl von Individuen gleichzeitig) im Rahmen sozialer Rituale erzeugt werden – wie beispielsweise dem jährlich stattfindenden Sonnentanz der Arapahoe, einem nordamerikanischen Indiostamm, dessen Reservat in Wyoming liegt).

Dante spricht von Exstase, als sein Wanderer auf dem Läuterungsberg (Purgatorio) sich sich geistig von seinem Führer und damit den „wahren Dingen“ entfernt und, als er zurückkehrt, seine vorherigen „nicht falschen Irrtümer“ erkennt (siehe Zitat unten).

 

Literatur:

„Quando l’anima mia tornò di fori

alle cose che son fuor di lei vere,

io rconobbi i miei non falso errori.“

„Als ich aus der Exstase wieder zu mir zurückkehrte

und mich den wahren Dingen außerhalb meines Bewusstseins

zuwandte, da erkannte ich meine doch so richtige Täuschung.“

[Fußnote des Übersetzers:]

„Diese Terzine gibt Hinweise gleichsam auf den Bewusstseinszustand des vorherigen Zustands. Tornò di f[u]ori »kehrte von außen zurück« umschreibt indirekt die »Ek-stasis, das Außer-sich-Sein; alle cose che son fuori di lei vere »Dinge, die außerhalb von ihr wahr sind, postulirert folgerichtig, dass die Dinge innerhalb der »Seele« auch wahr sind, nur anders, was im dritten Vers durch die scheinbar paradoxe Formulierung untermauert wird: i miei non falsi errori »meine nicht falschen Irrtümer», also Dinge, die »draußen« einer Verifizierung nicht standhielten, wohl aber »drinnen« richtig, wichtig und wirklich waren.“

Dante: La Commedia/Die Göttliche Komödie.Purgatorio/Läuterungsberg XV, 115-117 (italienisch/deutsch – übersetzt von Hartmut Köhler) Stuttgart (Reclam) 2011, Bd. 2, S. 303.

 

 




Ein Gedanke zu „25.4.3 Wie fest oder lose die Kopplung zwischen einem konkreten menschlichen Bewusstsein und einem konkreten sozialen System ist, ist variabel und im Einzelfall unterschiedlich.“

  1. Um seine „nicht falschen Irrtümer“ und seine „doch so richtige Täuschung“ zu erkennen, bedarf es vieler, vieler „Meetings“. Deshalb sind diese so unerlässlich.

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