26.2 Die Kopplung von Organismus und sozialem System führt – gewissermaßen als Nebenwirkung – zur Emergenz des Bewusstseins als Medium dieser Kopplung.

Wenn ein menschlicher Organismus in einen – für ihn – überlebenswichtigen neuen Kontext gesetzt wird (wie das bei der Geburt geschieht, s. Satz 29ff.), dann reicht es für die Fortsetzung der Autopoiese nicht mehr, die angeborenen Verhaltensautomatismen zu praktizieren. Es entsteht eine Notlage, mit immer wieder kehrenden erlebbaren Notständen der Versorgung mit Nahrungsmitteln, Flüssigkeit, Wärme usw., d.h. das rein physische Überleben ist bedroht und das extrauterine Leben besteht aus der Aneinanderreihung von Zuständen entgleister physiologischer Homöostase. Daraus entsteht die Notwendigkeit einer neuen Form der Beobachtung für den Organismus: Er muß die Beziehung Organismus/Umwelt beobachten. Das Gehirn muss neue Muster der Reaktion auf die Aktivitäten des sensorischen Systems (er-) finden. Es ist die Emergenz des Bewusstseins als Form der Beobachtung Organismus/Umwelt (sei sie nun physisch oder sozial – das macht für den Organismus zunächst keinen Unterschied, die Differenzierung erfolgt aber schnell). Da in dieser Beziehung noch keine vorgeformten Verhaltensmuster „für alle Fälle“ vorgegeben sind, ist das Gehirn längere Zeit damit beschäftigt, Antworten auf Fragen zu finden, die sich bis dato nicht gestellt hatten (um es metaphorisch auszudrücken). Und das die Dauer nervlicher Aktivitäten darüber entscheidet, welche Inhalte ins Bewusstsein treten, ist es nicht verwunderlich, dass nunmehr ein Bewusstsein entsteht…

Was das Gehirn und das soziale System miteinander koppelt ist de facto die Fokussierung der Aufmerksamkeit. Das individuelle Bewusstsein richtet seine Aufmerksamkeit auf die Phänomene, auf die auf der einen Seite das soziale System, auf der anderen Seite der Organismus die Aufmerksamkeit lenkt. Dabei fungiert das Bewusstsein als Medium, das beide Systeme verbindet.

 

Literatur:

„Bewusstsein ist für das Gehirn ein Zustand, der tunlichst zu vermeiden und nur im Notfall einzusetzen ist.“ [Hervorhebung im Original, FBS]

Roth, Gerhard  (2001): Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt (Suhrkamp), S. 231.

„Es gibt (…) gute Gründe für die Annahme, dass das Richten der Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes sensorisches Signall ein wirksamer Faktor dafür ist, die sensorische Reaktion zu einer bewussten zu machen. Wir wissen noch nicht, welcher Mechanismus im Gehirn »entscheidet«, dass die Aufmerksamkeit auf ein Signal un dnicht auf ein anderes konzentriert werden soll. Es gibt jedoch Belege dafür, dass der Aufmerksamkeitsmechanismus einige Areale der Hirnrinde zum »Aufleuchten« veranlassen oder aktivierten könnte; eine solche Zunahme des Erregbarkeitsniveaus dieser Gebiete könnte die Verlängerung der Dauer ihrer neuronalen Reaktionen erleichtern, um die für Bewusstsein notwendige Dauer zu erreichen.“

Libet, Benjamin(2004): Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Frankfurt (Suhrkamp) 2005, S. 135.




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