27.1 Die Ganzheit des Menschen kann vom Beobachter nicht ganzheitlich erfasst, sondern bestenfalls rekonstruiert werden, da der Organismus, das Bewusstsein und die soziale Existenz des Menschen nur in unterschiedlichen Phänomenbereichen mit unterschiedlichen Methoden zu beobachten sind und darüber hinaus unterschiedlichen Funktionslogiken folgen, die nicht geradlinig-kausal aufeinander reduziert werden können.

Viele Leute, die sich mit Systemen aller Art beschäftigen und über sie nachdenken, bezeichnen ihre Konzepte als „ganzheitlich“ oder“holistisch“. Was sie damit signalisieren wollen, ist die Abkehr von einem Reduktionismus, der glaubt die Eigneschaften eines „ganzen“ Systems (oder Objekts) aus den Eigenschaften seiner Teile bestimmen zu können. Mit ihrer Kritik am Reduktionismus habe sie insofern recht, alls die Emergenz von Phänomenen auf Systemebene sich nicht aus Eigenschaften der Komponenten ableiten und sich dahernicht reduktionistisch erklären lässt. Dennoch scheint der Anspruch „ganzheitlich zu denken“ nicht wirkich realisierbar – und daher wenig nützlich.

Die Merkmale von „Ganzheiten“ – die nur dann beobachtet werden können, wenn man sie zuvor unterschieden und als Ganzheiten konstruiert hat – resultieren in ihren Erscheinungsformen aus den Wechselbeziehungen ihrer „Teile“. Da alle Beobachtung auf der Operation des Unterscheidens beruht, d.h. auf dem „Zerhacken“ der Totalität von Ganzheiten (wenn man es krude ausdrücken will), sind Ganzheiten nie tatsächich erfassbar. Wenn über sie gesprochen wird, so sind dies immer von einem Beobachter zusammengesetzte oder nicht-zusammengesetzte Einheiten. Ganzheit „als sich“ kann man als Beobachter mit seinem kognitiven Instrumentarium nicht erfassen. Man muss immer irgendwas „wegdenken“ (die Außenseite der Unterscheidung).

Vielleicht schaffen es ja wirklich Zen-Mönche (o.Ä.), die versuchen, in der Meditation in einen mentalen Zustand jenseits aller Unterscheidungen zu gelangen, eine  Erfahrung, die sie Satori nennen. Aber das ist für unsere Ziele hier relativ irrelevant.

Die Idee, ein „ganzheitliches“, d.h. nicht-zusammengesetztes Bild des „ganzen Menschen“ zu erhalten, indem, beispielsweise, nicht zwischen physischen und psychischen Prozessen unterschieden wird, ist daher wenig nützlich, weil es zur Vermischung der Abstraktionsebenen und Phänomene unterschiedlicher Funktionslogiken führt, so dass es zur Beliebigkeit der Aussagen über die Relationen zwischen den beobachtbaren Phänomenen kommt. Die „logische Buchführung“ ist nicht sauber, es werden nicht nur „Äpfel und Birne verglichen“, sondern auch noch in Kausalbeziehungen zueinander gebracht…

An dieser Stelle kommt das Konzept der Koppelung von Mustern des Funktionierens in den unterschiedlichen Phänomenbereichen, in denen der „ganze“ Mensch zu beobachten ist, ins Spiel.  Es kann dann rekonstruiert werden, wie die beobachteten Phänomene in den gegeneinander abgegrenzten, ihrer spezischen Funktionslogik folgenden Phänomenbereichen (=Systemen), in denen sich das Leben eines (bzw. aller) Menschen manifestiert, sich koppeln und wie ihre Wechselbeziehungen sind.

Das im Rahmen der hier skizzierten Systemtheorie entwickelte Menschenbild ist daher nicht „holistisch“ im tradionellen Sinne, es ist auch nicht „dualistisch“ im Sinne der Trennung von Geist und Materie, sondern „trialistisch“, d.h. es werden die Kopplungen und damit Wechselbezieungen sozialer, psychischer und physiologischer Prozesse und Strukturen untersucht – wovon allerdings, das sei zugestanden, keine Erleuchtung und kein Satori zu erwarten ist, aber vielleicht die Möglichkeit, pragmatische Konsequenzen abzuleiten.

 

Literatur:

„Zum Verständnis des Zen ist eine Erfahrung notwendig, die Satori genannt wird. Ohne diese ist keine Einsicht in die Wahrheit des Zen möglich, die – wie wir bereits sahen – im allgemeinen durch Widersprüche ausgedrückt wird:

»Wenn der Schnee alle Berge mit Weiß bedeckt, warum bleibt man dann unbedeckt (wörtlich: nicht weiß)«“ (40).

(…)

„Es ergibt sich also, daß Satori das Erfassen des Ganzen an sich ist, das keiner Unterscheidung und Bestimmtheit unterworfen ist.“ (S. 42)

(…)

„Das Licht, mit dem Satori die Ganzheit erleuchtet, erhellt auch die Welt der Teilung und Vielfalt. Das ist der Sinn der Worte Buddhas: »Shabetsu (Verschiedenheit) und byodo (Gleichheit) sind identisch.«“ (S. 43)

(…)

„Darum darf Satori nicht mit Intuition verwechselt werden. Niemals gab es vom Allerersten an ein Zweifaches. Es war der menschliche Akt der Erkenntnis, daß Gott Sichteilte und Sich Seiner Selbst als nicht Gott und doch Gott bewußt wurde. Aus diesem Grund beginnt Zen mit Verneinung, mit dem Ableugnen des Wissens, mit dem Widersprechen der menschlichen Erfahrung, die von Grund auf zur Spaltung bedingt ist.“ (S. 44)

Suzuki, Daisetz Teitaro (1973): Leben aus Zen. Frankfurt (Suhrkamp) 1982.

„»Ich habe« sagte der General, und in seinem lebenslustigen Auge glomm etwas Gereiztes oder Gehetztes auf, »noch die verschiedensten Versuche angestellt, das Ganze in eine Einheit zu bringen; aber weißt du, wie es ist?! So wie wenn man in Galizien zweiter Klasse reist, und sich Filzläuse holt! Es ist das dreckigste Gefühl von Ohnmacht, das ich kenne. Wenn man sich lange zwischen Ideen aufgehalten hat juckt es einen am ganzen Körper, und man bekommt noch nicht Ruhe, wenn man sich  bis aufs Blut kratzt!«“

Musil, Robert (1930 – 1933): Der Mann ohne Eigenschaften. Hamburg (Rowohlt) S. 374.




29 Gedanken zu „27.1 Die Ganzheit des Menschen kann vom Beobachter nicht ganzheitlich erfasst, sondern bestenfalls rekonstruiert werden, da der Organismus, das Bewusstsein und die soziale Existenz des Menschen nur in unterschiedlichen Phänomenbereichen mit unterschiedlichen Methoden zu beobachten sind und darüber hinaus unterschiedlichen Funktionslogiken folgen, die nicht geradlinig-kausal aufeinander reduziert werden können.“

  1. @Die Emergenz von Phänomenen ist nicht aus Eigenschaften der Komponenten ableitbar.
    @Ziel: In einen mentalen Zustand jenseits aller Unterscheidungen gelangen.
    Satori ist das das Erfassen des Ganzen an sich, das keiner Unterscheidung und Bestimmtheit unterworfen ist.
    @„trialistisches“ Menschenbild = Kopplungen und damit Wechselbeziehungen sozialer, psychischer und physiologischer Prozesse und Strukturen

    Gerät hier nicht einiges durcheinander? Die Emergenz eines höheren Entwicklungsniveaus, das präverbal-intuitiv-mentale Erfassen dieses höheren Entwicklungsniveaus und der Rückfall in ein zwar differenzierteres, aber dennoch altes, weil rationales Erklärungsmuster.

  2. Wie erklärt das trialistische (triale?) Menschenbild die Emergenz eines höheren Entwicklungsniveaus bzw. von Geist?

  3. Meine Vermutung: Die höhere geistige Stufe emergiert aus einem Zusammenspiel von Sinn und Sinnlichkeit. Die zuständige Disziplin wäre die philosophische Ästhetik, die solche „übersinnlichen“ Prozesse räumlich universell/global und zeitlich umfassend betrachtet, also unter Abstraktion von spezifischen (historisch, kulturell, sozial, ökonomisch, politisch bedingten) Ausprägungen. Konkret: die Ästhetiken von Kant, Hegel und Adorno.

  4. @3: Sie erklärt (im Sinne von: Konstruktion generierender Mechanismen) es nicht. Sie beschreibt lediglich Phänomene und Wechselbeziehungen…

  5. ist Satori tatsächlich ein höheres Entwicklungsniveau ?
    Ich denke, dass die „Psyche, das Bewusstsein“ defocusiert wird und in einen „Ruhezustand“ gerät …
    messbare Änderung physikalischer Größen, der Hirnströme, der Aktivität unseres Nervensystems …

  6. „Höheres Entwicklungsniveau“ im spirituellen Sinne, also weitgehend ohne Bewusstsein. Das Bewusstsein lässt sich in lebenden (im Unterschied zu toten) Organismen nie völlig ausschalten – auch nicht im Schlaf, in Vollnarkose oder im Koma.

  7. Beispiel für Emergenz: Musiker können in einen trance-ähnlichen Bewusstseinszustand gelangen. Musik kann hypnotische Zustände erzeugen, auch gänzlich ohne Drogen. Wer auditiv sensibilisiert ist, kann sich in die Kunst des vom Musiker erzeugten kunstfertigen Tons einfühlen und sich via Intensiv-Hörgenuss ins Universum des gedankenfreien Flows (no mindwandering) selbst verlieren. Ein wahrhaft authentischer Genuss. Gute Musiker sind in der Lage, sich mit ihrem Instrument in den Flow-Zustand zu spielen. Hochachtung, wenn Musiker diesen Flow auch als Band kreieren können und nochmal mehr Respekt, wenn dies auch im Studio gelingt. Pink Floyd ist eine der wenigen Bands, die in diese meta-musikalischen Sphären vorgedrungen sind. Vom trockenen musiktheoretischen Standpunkt aus sind es die sogenannten Modi (oder Kirchentonarten), und hier vor allem der dorische Modus im Allgemeinen und der D-Dorisch-Modus im Besonderen, mit dem diese Klangwelt erschaffen werden kann. Die Entwicklung geht zurück aufs Mittelalter mit den gregorianischen Gesängen, die (für jeden nachhörbar) diesen potenziellen Flow in den heutigen Aufnahmen (oder auch live) eindrucksvoll dokumentieren.
    Der Gitarrist David Gilmore ist ein Meister nicht nur des dorischen Modus (bekanntestes Beispiel: Comfortably Numb), auch seine pentatonisch moderierten Gitarren-Soli zeugen von einer unvergleichlichen Intensität. Natürlich ist das Endprodukt mehr als das rein physikalische Musikstück. Die höchste Kunst in der Musik ist die Raumzeit-Erfahrung und die praktische Umsetzung zwischen zwei Tönen, sprich die Kunst der Pausen-Zählzeit. Wer hier in der Lage ist, eine Verschmelzung von Ton/Klang und Pause/Stille zu erreichen, der dringt in die höchsten Sphären der Tonkunst vor. Aber auch der sensible Passivhörer ist in der Lage, dies unbewusst wahrzunehmen und sich in den Bann dieser Klangwelten ziehen zu lassen.
    Die hypnotischen Kräfte der Musik wirken auch in vielen Tänzen, beispielsweise im Flamenco, der nicht bloß ein sexueller Balztanz ist, sondern zugleich eine hypnotische Kunst mit therapeutischen Effekten.

  8. ach, die Ästhetik und die Messbarkeit in physikalischen Größen,
    das ist alles so eine Sache, je nachdem, wie man derartiges einzuschätzen pflegt …

    „1. Ästhetische Rätsel, Rätsel über Auswirkungen der Kunst auf uns. (4)

    Das Paradigma der Wissenschaft ist die Mechanik. Wenn die Menschen sich eine Philosophie vorstellen, ist ihr Ideal das einer Mechanik der Seele. (1) Wenn wir betrachten, was dem tatsächlich entspricht, sehen wir, daß es physikalische Experimente und daß es psychologische Experimente gibt. Es gibt Gesetze der Physik und es gibt – wenn man höflich sein will – Gesetze der Psychologie. In der Physik gibt es beinahe zu viele Gesetze, in der Psychologie dagegen kaum welche. Darum ist die Rede von einer Mechanik der Seele etwas komisch.

    S. 45, FN (4): Die Rätsel, die in der Ästhetik auftauchen sind Rätsel, die aus den Auswirkungen der Künste auf uns entstehen, nicht Rätsel darüber wie diese Dinge verursacht werden.“

    Ludwig Wittgenstein, Vorlesungen über Ästhetik
    Fischer Taschenbuch Verlag 14653, 3.Aufl. 2005
    IV ( Aufzeichnungen von Rhees) S.45 f

  9. Das Geisteswerk, das Sie dereinst der ergriffenen Nachwelt hinterlassen werden, geht weit über Selbsterhaltung sowie die Kopplungen und damit die Wechselbeziehungen sozialer, psychischer und physiologischer Prozesse und Strukturen hinaus (Ackerbau, ficken, Perlenketten auffädeln).

  10. danke für die Hinweise zur Musik !

    Wir hören jetzt eben Julia Migenes
    Weihnachtslieder ..

    eintauchen in Klangwelten …

  11. Diese Analyse der Koppelungen Körper, Psyche und Soziales erachte ich für analytisch seeehr wichtig ..und für mich unverzichtbar ..

    dennoch diese Erfahrungen in der Musik oder, wie jetzt bei uns, mit einem Enkelkind, sind kaum kommunizierbare,
    wie GSB schreibt, Gerede öffnet uns nicht diese Welt .. eine andere Dimension ..

  12. @12 „eine andere Dimension ..“

    … nämlich die emotionale im Unterschied zur rationalen (vgl. Ludwig Wittgenstein, zitiert von Frau Dr. Dorothea Menges).

    Darüber brauchen wir selbst dann nicht zu schweigen, wenn Gerede uns nicht diese Welt öffnet. Es reicht ja schon, still zu genießen und sich mit feuchten Augen im Arm zu halten – das ist schließlich auch eine Form von Kommunikation, gerade an Weihnachten oder nach dem Kirchgang oder der Meditation.
    Ich finde es immer enttäuschend, wenn Teilnehmer einer Gruppenmeditation anschließend auf die Frage „Wie war’s“ antworten: „Das kann ich gar nicht beschreiben“. Wie schade!

  13. @13
    Nicht zu vergessen: Postkoitale Dysphorie, die Melancholie, die man nach einem Orgasmus empfinden kann („Omne animal post coitum triste.“ Aristoteles).

  14. Niemand weiß was Aristoteles da beobachtet/ erlebt hat ..

    und nur weil Aristoteles das so kommuniziert hat muß/ kann weder Frau noch Mann da zustimmen 🤭

  15. … und vor allem weeß mer dann immer noch net net, welches Kuvert der benutzt hot, um sei Offerte an die richtische Adresse zu übermittele. Mit 30% kommt mer schlußendlich doch nur auf Neunzig Pro. Do n´braucht mer de Kopp net glei hänge zu losse.
    Dann dodebei det e Zwanziger fer de Abtritt eigentlich grad lange.

    Un mit denne restliche 10% kammer’s nämlich grad noch ausrolle losse, vunn de Hardt und de Ludwigshöh enunner, wann de Sprit knapp werd, gell. Vor allem wammer sich noch mitteme Holzvergaser auskennt.

    Alla hopp, mer wissen jo wie er’s gemeent hat. Un uff deere Basis kennt mer sich dann aa eenig werre.

    „Wieviel von dem, was wir tun, besteht darin, den Stil des Denkens zu ändern, und wieviel tue ich, um andere davon zu überzeugen, ihren Denkstil zu ändern.“
    Ludwig Wittgenstein, „Vorlesungen über Ästhetik“ (1938)
    ebenda, a.a.0.

  16. Das vor Aristoteles anders lautende Zitat macht eine überraschende Einschränkung: „post coitum omne animal triste est, sive gallus et mulier“.

    Nach dem Sex sind alle Tiere traurig, außer dem Hahn und der Frau.

    Dieses berühmte lateinische Sprichwort wurde ursprünglich Galen zugeschrieben, einem griechischen Arzt aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, der die vier Temperamente Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker mit körperlichen Neigungen verband.
    Manchmal (ohne den Hahn-und-Frau-Zusatz) wird Aristoteles als Autor genannt. Aber vielleicht ist es nur eine universelle Wahrheit der kollektiven Weisheit, die nicht auf eine einzige Person zurückzuführen ist.
    Der postkoitale Blues scheint besonders verheerend zu sein, wenn der Sex zuvor intensiv war und der Aufstieg zum Höhepunkt einige Zeit in Anspruch nahm. Meine Theorie ist, dass die Depression danach mit der Erkenntnis zusammenhängt, dass die Verschmelzung mit dem Partner nur vorübergehend war und die Trennung wie eine unsichtbare Wand wirkt, die plötzlich aus dem Nichts zwischen beiden errichtet wird. Das Ergebnis ist ein Gefühl extremer Einsamkeit.
    „La bête à deux dos“ (aus „Gargantua“ von Rabelais, von Shakespeare recycelt in „Othello“: „das Biest mit zwei Rücken“) verwandelt sich wieder in zwei Menschen mit zwei Rücken. Das ist der schmerzhafte Prozess der Individuation, den wir zuerst bei der Geburt erlebt haben, als wir aus dem warmen, gemütlichen Mutterleib gedrängt wurden. Der Schrei des Babys wird von der Welt begrüßt, die postkoitale Traurigkeit nicht. Es ist die Täuschung, dass die physische Verschmelzung, die Georges Bataille „la petite mort“ nannte, nicht dauerhaft ist. Wird der wahre Tod die glückselige Verschmelzung mit dem Universum sein oder wird das Individuum als Seele oder Karma bestehen, wie es die Religionen annehmen? Wir werden es in diesem Leben nicht genau wissen und vielleicht auch nie.

  17. Spiritualität, Sexualität, Musikalität sind drei wesentliche menschliche Fähigkeiten (auch als Glaube, Liebe, Hoffnung oder ähnlich bezeichnet), die sicherlich auch etwas mit perfekten Kopplungen und damit Wechselbeziehungen sozialer, psychischer und physiologischer Prozesse und Strukturen zu tun haben.
    Für Adorno enthielt autonome Musik die Hoffnung auf eine bessere Welt.

  18. Der Gedanke, dass Spiritualität, Sexualität und Musikalität, die drei wesentlichen menschlichen Fähigkeiten zur Emergenz (auch als Glaube, Liebe, Hoffnung bezeichnet), eine bessere Welt schaffen können, findet sich perfekt ausgedrückt in Leonard Cohens überaus weltlichem Song „Hallelujah“. Dabei kommt Frauen eine Schlüsselrolle zu.

    Hallelujah (1984)

    Now, I’ve heard there was a secret chord
    That David played, and it pleased the Lord
    But you don’t really care for music, do you?
    It goes like this, the fourth, the fifth
    The minor fall, the major lift
    The baffled king composing hallelujah

    4 x Hallelujah

    Your faith was strong but you needed proof
    You saw her bathing on the roof
    Her beauty and the moonlight overthrew ya
    She tied you to a kitchen chair
    She broke your throne, and she cut your hair
    And from your lips she drew the hallelujah

    4 x Hallelujah

    You say I took the name in vain
    I don’t even know the name
    But if I did, well really, what’s it to you?
    There’s a blaze of light in every word
    It doesn’t matter which you heard
    The holy or the broken hallelujah

    4 x Hallelujah

    I did my best, it wasn’t much
    I couldn’t feel, so I tried to touch
    I’ve told the truth, I didn’t come to fool you
    And even though it all went wrong
    I’ll stand before the lord of song
    With nothing on my tongue but hallelujah

    18 x Hallelujah

  19. naja, Hallelujah scheint mittlerweile vollends versypht…

    ach, waren das noch Zeiten als man U-Tube noch verlinken konnte,
    ohne daß sich diese unselig bescheidenen Werbe(hot)spots dazwischen schieben

    Ergo?

    „Ring the bells that still can ring
    Forget your perfect offering
    There is a crack
    A crack in everything
    That’s how the light gets in …“

    https://www.youtube.com/watch?v=6wRYjtvIYK0

  20. Möglicherweise verwechsle ich „Emergenz“ mit „Sublimation“. Wo liegen die Unterschiede?
    „Sublimierung, Sublimation oder Sublimieren (von lateinisch sublimare, in die Höhe heben, emporheben, im übertragenen Sinne erhöhen) bedeutet ganz allgemein, dass etwas durch einen Veredelungsprozess auf eine höhere Stufe gebracht wird. Seit dem 18. Jahrhundert wird als Sublimierung die Verwandlung von ursprünglichen, naturgegebenen Gefühlen, Empfindungen und Bedürfnissen in eine verarbeitete, „veredelte“ Form bezeichnet.“

    Sigmund Freud schrieb 1930 in seiner Abhandlung „Über das Unbehagen in der Kultur“: „Die Triebsublimierung ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie macht es möglich, dass höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche, künstlerische, ideologische, eine so bedeutende Rolle im Kulturleben spielen. Wenn man dem ersten Eindruck nachgibt, ist man versucht zu sagen, die Sublimierung sei überhaupt ein von der Kultur erzwungenes Triebschicksal. Aber man tut besser, sich das noch länger zu überlegen.“ (GW IX, S. 227).

    Mir scheint, dass für eine bestimmte Tiefe der Empfindung bzw. Höhe der geistigen Entwicklung einschlägige Erfahrungen, im Sinne von: Einschlägen und Herausforderungen (Verlust eines nahen Angehörigen, Unfall, Krankheit, Kulturschock), vonnöten sind. Wer das Glück hat, in einer heilen Welt aufgewachsen zu sein und dauerhaft in ihr zu leben, weist möglicherweise nicht die notwendige Sensibilität, Empathie und Introspektion für besondere künstlerische bzw. spirituelle Erlebnisse auf. Das zeigt das manchmal traurig-fade Schicksal verwöhnter Königs- oder Milliardärskinder oder allseits geliebter Topmodels (meinetwegen auch Playboy bunnies und Lottofeen).

  21. das Gefühl der„Ganzheit“ ist vielleicht die Abwesenheit von Perturbationen,
    somatisch, sozial, psychisch

  22. … aber wenn man dann ganz unterschiedliche Bücher aufschlägt,
    scheinen sie sich doch immer wieder anzunähern bzw. zu ähneln.

    Offenbar hängt es aber auch vom Alter ab, was für ein Alter man sich
    -je nach Bedarf und Gegebenheiten- dann gerade sucht.

    Und da gibt es dann eben auch durchaus genau benennbare Fixpunkte,
    die anschließend -wie eingebrannt- als Momentaufnahme haften bleiben.
    Die Mehrzahl dürfte sich allerdings -wie Schwellenphänomene allgemein-
    in mehr oder weniger vagen Bereichen abspielen.

  23. Liest man über Wittgenstein, dann finden sich durchaus auch Hinweise auf Freud,
    so auch „daß er Psychologie bei seinem Aufenthalt in Cambridge vor 1914 für Zeitverschwendung gehalten hatte.“
    „(Allerdings hatte er sie nicht ignoriert. Ich hlrte, wie er einem Studenten das Weber-Fechner-Gesetz in einer Weise erklärte, die einfach nicht bloß von der Lektüre des Artikels von Meinong oder von Diskussionen mit Russell herrühren konnte.)
    „Dann las ich einige Jahre später zufällig was von Freud und setzte mich vor Erstaunen auf. Hier war jemand, der etwas zu sagen hatte.“ Ich glaube, das war kurz nach 1919″

    Ludwig Wittgenstein, Vorlesungen und Gespräche,
    FTV 14653, S.61

  24. ZEITVERSCHWENDUNG
    … das ist das, was auf Objektivität gepolte Naturwissenschaftler an bzw. gegenüber Geisteswisssenschaftlern zu hassen scheinen.
    Und dennoch findet sich hier immer wieder erstaunlich Wohlformuliertes und Erbauliches, das sich wie ein Roman liest.

    “ 1. Familie

    Vor ein paar Jahren fing ich an, mich für meine Vorfahren zu interessieren. Der unmittelbare Grund war der fünfzigste Jahrestag der Vereinigung Österreichs mit Deutschland (1938). Ich beobachtete die Ereignisse von der Schweiz aus, wo ich damals gerade lebte. Die Österreicher hatten Hitler mit überwältigendem Ethusiasmus begrüß. Und jetzt hörte ich strenge Verurteilungen und ständig huanitäre Appelle, Nicht alle von dihnen waren unehrlich, allerdings erschiebnen sie mir reichlich nutzlos. Das lag wohl daran, daß sie so unbestimmt waren und ich dachte, daß ein persönlicher Bericht vielleicht eine bessere Art wäre, einen Blick auf die Geschichte zu werfen. Außerdem war ich ziemlich neugierig. Nach vier Jahrzehnten an anglo-amerikanischen Universitäten hatte ich meine Jahre im Dritten Reich beinahe vergessen, die ich erst als Student, dann als Soldat in Frankreich, Rußland und Polen verbracht hatte. Sogar meine Eltern waren mir fremd geworden. Was waren das für Leute, die mich aufzogen, mir eine Sprache beigebracht und mich zu dem nervösen Optimisten gemacht haben, der ich noch bin, und die heute noch gelegentlich in meinen Träumen auftauchen? Und wie kam es dazu, daß ich als eine Art Intellektueller endete, sogar als Professor, mit einem ahnsehnlichen Gehalt, einer zweifelhaften Reputation und einer wunderbaren Frau? “

    Paul Feyerabend, Zeitverschwendung, (OT „Killing Time“)
    ST 2722, 1997. S. 9

  25. Das ist das faszinierende in der Medizin,
    wir bewegen uns in den Geisteswissenschaften wie auch in den Naturwissenschaften ..

    Wenn wir genau hinschauen erkennen wir die Macht der Koppelungen, das Unvermeidliche ..

  26. @26: „was auf Objektivität gepolte Naturwissenschaftler an bzw. gegenüber Geisteswisssenschaftlern […] hassen“
    Ludwig Josef Johann Wittgenstein war einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er lieferte bedeutende Beiträge zur Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins.
    Paul Karl Feyerabend war ein österreichischer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker. Er war von 1958 bis 1989 Philosophieprofessor an der Universität von Kalifornien in Berkeley.

    @27: „Das ist das faszinierende in der Medizin, wir bewegen uns in den Geisteswissenschaften wie auch in den Naturwissenschaften“
    Die Medizin ist die Wissenschaft und Praxis zur Feststellung der Diagnose, Prognose, Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten.
    Die Humanmedizin befasst sich ausschließlich mit der Forschung und Behandlung des menschlichen Körpers, deren Funktion, Beschaffenheit und Krankheiten.

    Humanwissenschaftler haben es mit Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften zu tun. In den Sozialwissenschaften werden Strukturen und Funktionen sozialer Verflechtungszusammenhänge von Institutionen und Systemen und auch deren Wechselwirkung mit Handlungs- und Verhaltensprozessen der einzelnen Akteure theoriegeleitet und empirisch analysiert, insbesondere in Soziologie, Politologie, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, aber auch in Philosophie, Demografie und Pornografie.

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