27.2 Die Individualität eines Menschen ist durch die Unverwechselbarkeit seines sich im Laufe seines Lebens verändernden Körpers, seines sich im Laufe seiner Lebensgeschichte entwickelnden Bewusstseins, sowie der verschiedenen sozialen Systeme, an die Organismus und Psyche im Laufe des individuellen Lebens gekoppelt sind/waren, und schließlich durch die Muster der Kopplung dieser drei Typen autopoietischer Systeme bestimmt.

Die Unverwechselbarkeit des Individuums resultiert daraus, dass sein Bewusstsein mit zwei Typen von Umwelten umgehen muss („muss“, weil es ihnen nicht entgehen kann), auf die es zwar Einfluß nehmen kann, die es aber nicht unter Kontrolle hat. Da ist zum einen sein Körper, der es mit bestimmten Bedürfnissen und einer äußeren Gestalt konfrontiert, mit denen es sich irgendwie – wie das geschieht, ist kontingent, d.h. es könnte immer auch anders geschehen – arrangieren muss. Und zum anderen ist da das soziale Umfeld, d.h. das soziale System, als dessen Mitglied es überlebt.

Auf beide Typen Systeme nimmt das lebende (d.h. den Körper am Leben erhaltende) und mit den Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung interagierende Individuum Einfluß. Im Laufe des Lebens – mit dem Wachsen und Altern des Organismus / dem Wandel der sozialen Systeme – ändern sich die Muster der Kopplung mit beiden Umwelten, und die individuellen Geschichten, die jeder Mensch durchläuft, sind durch die sich ändernden oder auch sich gleich bleibenden Beziehungen zu beiden Umwelten bestimmt. Es ist eine Ko-Evolution von drei autonomen Systemen, die sich gegenseitig perturbieren/irritieren, d.h. die sich gegenseitig anregen oder stören und damit  gegenseitig ihre Entwicklung anstoßen.

Selbst Zwillinge, deren körperliche Ausstattung bei der Geburt relativ ähnlich ist und die sich äußerlich lange Zeit ähneln mögen, entwickeln im Laufe ihrer Geschichte höchst unterschiedliche Bewusstseinsstrukturen, selbst dann, wenn sie ihr Leben lang dieselbe Wohnung teilen sollten oder miteinander zig Jahre auf der Bühne stehen. Wie jeder Zwilling den anderen erlebt, das soziale Umfeld, in denen beide nicht dieselbe Rolle einnehmen, die unterschiedlichen Beziehungen zu Dritten usw., sorgen im Laufe der gemeinsamen, aber individuell unterschiedlich erlebten Geschichte für hinreichende Differenzen ihrer Bewusstseine, sodass deren Unverwechselbarkeit gesichert ist (auch wenn beide Personen sich äußerlich immer ähnlich genug sein mögen, dass Fremde sie verwechseln).

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2 Gedanken zu „27.2 Die Individualität eines Menschen ist durch die Unverwechselbarkeit seines sich im Laufe seines Lebens verändernden Körpers, seines sich im Laufe seiner Lebensgeschichte entwickelnden Bewusstseins, sowie der verschiedenen sozialen Systeme, an die Organismus und Psyche im Laufe des individuellen Lebens gekoppelt sind/waren, und schließlich durch die Muster der Kopplung dieser drei Typen autopoietischer Systeme bestimmt.“

  1. Ihre Vermutung klingt plausibel. Doch die Unterschiedlichkeit bzw. Individualität der zwei Welten eineiiger Zwillinge ist für einen Außenstehenden nicht so leicht zu erkennen, zumal dann, wenn beide zusammen leben und arbeiten. Man müsste die Beiden nach Differenzen befragen und diese mit verhaltenswissenschaftlichen Studien beleuchten.

  2. Eine individuell unterschiedliche soziale Pertubation erfahren eineiige Zwillinge durch ihre Lebenspartner, von denen es bei den Kessler-Zwillingen einige, aber doch nicht so eindrückliche gab: „Wir haben uns schon als Kinder gegen die Ehe entschieden, Männer hatten eigentlich nie eine Chance.“ Zwar gab es Partner in ihren Leben – zwanzig Jahre lang war Ellen mit Umberto Orsini, einem italienischen Schauspieler liiert, davon achtzehn Jahre verlobt, einen gemeinsamen Alltag gab es wegen der ständigen Auftritte nie. Alice führte über die Jahre mehrere Beziehungen, unter anderem mit dem französischen Schauspieler Marcel Amont.
    Geblieben ist niemand. Beide Zwillinge sind betrogen worden, im Nachhinein sprechen sie erleichtert über die Trennungen. Augenrollend erinnern sie sich: „Was für ein idiotischer Macho“, „Männer sind schwach, sie wollen angehimmelt werden“, „Weißt du noch, wie er mich einmal fragte, ob wir nun endlich heiraten würden. Wieso, sagte ich und lachte, bist du schwanger?“
    Wie die Geschichte einer Abschottung lesen sich weite Teile ihrer Biografie. Ein Hüpfen von Schutzraum zu Schutzraum, um bloß keiner Nähe ausgesetzt zu sein. Ihre Anleitung zur Männervermeidung: Mit Schwulen befreundet sein, die im Notfall den Partner mimen können. Stets zu zweit bleiben, im Flugzeug immer hinunterschauen, in ein Buch, das man gar nicht lesen muss, Hauptsache, keinen Augenkontakt zulassen. Auch befreundete ältere Ehepaare waren für die Zwillinge immer wieder ein Refugium, etwa, als der Regisseur ihres ersten Films Okay Mama den jungen Mädchen derartig nachstellte, dass sie in ihrer Pension nicht mehr sicher waren und einen Schlafplatz brauchten.

    Es ist eine Parallelgeschichte zu ihren schillernden Erfolgen: die ambivalenten Erfahrungen zweier allzu hübscher junger Frauen im vorigen Jahrhundert. Umworben und umschwärmt, gleichzeitig Belastungen und Belästigungen ausgesetzt, von denen sie wie Selbstverständlichkeiten sprechen. Mal gab es wüste Beschimpfungen, wenn sie sich Männern verweigerten. Einmal schwängerte ein nur als „Mr. Capri“ bezeichneter Mann Alice, als sie Anfang zwanzig war. Einen Tag nach der Abtreibung ohne Narkose stand sie wieder auf der Bühne, vierzig Grad Fieber und Blutungen. Sie habe sich eine „seelische Hornhaut“ zugelegt, schreibt Alice in ihrer Biografie. „Drüsen, Hormone“, mehr sei die Liebe doch meist sowieso nicht. Familie, auch dieses Wort hat bis heute keine Bedeutung für die beiden. „Das kennen wir nicht.“ Kinderlos, Eltern und Geschwister tot, keine Verwandten: Alice und Ellen Kessler haben ihr gesamtes Erbe den „Ärzten ohne Grenzen“ verschrieben. Weihnachten feiern sie zu zweit, eine andere Beziehung außer die zur Schwester vermissen sie nicht.
    Und doch. Vielleicht haben die Verhärtungen der Kindheit und ihre schlechten Erfahrungen einiges unmöglich gemacht, was eine Chance verdient hätte. Worin denn das Risiko bestanden hätte, sich zu öffnen? Es ist der erste Konjunktiv im ganzen Gespräch, den sie zulassen, die erste längere Stille. „Man leidet“, sagt Alice entschieden. Sie war es auch, die an einer Stelle im gemeinsamen Buch schrieb: „Irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, etwas zu vermissen, ich weiß noch nicht, was.“ Hat sie es gefunden? Hier mischt sich Ellen ein: „Ich hätte diesen Satz nicht geschrieben. Ich bin stärker als sie, vom Charakter her.“
    Es passt nicht zusammen und dann wieder doch: zwei ineinander verschlungene Leben in kompletter Abhängigkeit, eine „Zwangsjacke“, wie beide es immer wieder nennen. Doch genau diese Zwangsjacke bescherte ihnen die Unabhängigkeit, die sie brauchten, um sich von der Kindheit zu emanzipieren und den Erfolg auf der Bühne ein Leben lang halten zu können. Alleine, sind die Schwestern sich einig, hätte es nie im Leben funktioniert. Nicht ohne das Geschenk, den Fluch, das Wunder der Gleichheit.“
    https://www.zeit.de/2016/35/alice-ellen-kessler-filme-zwillinge-schauspielerin/seite-3

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