27.4 Die interne Struktur der drei Systeme (=Strukturdeterminiertheit) zeigt die selbstorganisierte Tendenz zum Ausgleich/Kompensation von Unterschieden, die durch Veränderung der jeweiligen Umwelten ausgelöst werden (=Äquilibration).

Jedes dieser drei Systeme kann durch jedes andere, mit dem es gekoppelt ist, aus dem Gleichgewicht gebracht werden. So können körperliche Veränderungen eines Familienmitglieds nicht nur diesen Menschen bzw. sein Bewusstsein erheblich aus dem Gleichgewicht bringen (indem z.B. das Selbstbild beeinträchtigt wird), sondern auch die Familie kann extrem durcheinander gerüttelt werden. Wenn z.B. die Person, die bislang für den finanziellen Unterhalt der Familie gesorgt hat, aus Gesundheitsgründen ausfällt oder wenn er oder sie auflippt, dann wird die Familie mit kompensatorischen Maßnahmen reagieren (z.B. geht ein anderes Familienmitglied arbeiten, das bislang studiert hat oder die Kinder versorgt oder auf der „faulen Haut gelegen“- oder was auch immer getan – haben mag). Im Falle des Ausflippens wird das soziale System wahrscheinlich eher mit kontrollierenden Maßnahmen reagieren…

Insgesamt kann man sich das so ähnlich wie beim Fahrradfahren vorstellen, wo die Unebenheiten der Straße oder des Seitenwindes (Umwelt), die zur Bedrohung des Gleichgewichts führen können, vom Fahrer durch Gegenbewegungen ausgeglichen werden.




11 Gedanken zu „27.4 Die interne Struktur der drei Systeme (=Strukturdeterminiertheit) zeigt die selbstorganisierte Tendenz zum Ausgleich/Kompensation von Unterschieden, die durch Veränderung der jeweiligen Umwelten ausgelöst werden (=Äquilibration).“

  1. Fahrradfahren ähnelt dem Fremdgehen: Alle paar Monate baue ich besoffen einen (Verkehrs)Unfall und muss die Bedrohungen meines inneren Gleichgewichts durch geeignete Gegenmaßnahmen ausgleichen.

  2. „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie dagegen ist unglücklich auf ihre besondere Art.“ Lew Nikolajewitsch Tolstoi, Anna Karenina, 1877

  3. “Als der siebzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von Newyork einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgötting wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.”
    Franz Kafka: Der Verschollene [Amerika] (erschienen 1927, auf der ersten von 286 Seiten)

  4. “Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz- und eines Morgens stand er mit der Morgenröte aus, trat vor die Sonne hin und sprach ihr also: „Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht die hättest, welchen du leuchtest! Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange. Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss ab und segneten dich dafür. Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken. Ich möchte verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen sich wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind. Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends tust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn! Ich muss, dir gleich, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will. So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzu großes Glück sehen kann! Segne den Becher, welcher überfließen will, dass das Wasser golden aus ihm fließe und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage! Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden.”- Also begann Zarathustras Untergang.“
    Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra (erschienen 1883–1885, erste von 256 Seiten)

  5. “In meinen jüngeren Jahren, als ich noch zarter besaitet war, gab mein Vater mir einmal einen Rat, der mir seitdem wieder und wieder durch den Kopf gegangen ist. „Bedenke”, sagte er, “wenn du an jemand etwas auszusetzen hast, daß die meisten Menschen es im Leben nicht so leicht gehabt haben wie du.”
    F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby, (erschienen 1925; erste von 189 Seiten)

  6. Das Konzept, Konstrukt „Ich“ wird immer wieder gerne benutzt um Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen vorzunehmen.
    Beschreibungen, insbesondere literarische, Schärfen unseren Blick, fokussieren.

    Wenn das Ich-Konzept be- bzw. genutzt wird um störenderes Verhalten nicht nur zu beschreiben sondern auch zu erklären, dann wird gerne von Ich-Schwäche, Ich-Stärke, multipler Persönlichkeit etc. gesprochen und als Erklärung angenommen ohne diese Erklärung genau zu hinterfragen.

    Wenn es in diesem Modus weitergeht wird die Erziehung als weitere Erklärung bemüht etc. , die Mutter, der Vater, die Geschwister und überhaupt alles aus der Vergangenheit.

    Zu schauen was jetzt koppelt, somatisch, psychisch, sozial, ist die erhellende Differenzierung, die uns die Systemtheorie zur Verfügung stellt.
    Die Frage ist dann nicht mehr „was ist das für ein Ich“ mit all den in dieser Frage beinhalteten Implikationen, sondern was koppelt mit welchem Ergebnis, psychisch, somatisch, sozial.

  7. @6: Worin liegt der Unterschied zwischen der Frage: „was ist das für ein Ich?“
    und der Frage: „was koppelt mit welchem Ergebnis, psychisch, somatisch, sozial?“

  8. @7: Wonach wird gefragt, wenn gefragt wird „Was ist das für ein…?“?

    Ich vermute, es wird nach Eigenschaften von … gefragt. Damit wird es implizit aller Wahrscheinlichkeit nach als ein isoliertes Objekt konzeptualisiert, dem bestimmte Merkmale „an sich“ eigen sind.

    Wenn hingegen nach Kopplungen gefragt wird, dann wird nach Beziehungen bzw. besser: Wechselbeziehungen gefragt, d.h. nach einem komplexen Netzwerk aufeinander einwirkender Systeme, das nicht statisch ist und dessen Gestalt ständigem Wandel ausgesetzt ist.

  9. Diese Idee der „Äquilibration“ ….

    Meine Assoziation, es hat allerdings einen Moment gedauert bis ich sie hatte, ist das Bild eines Steins, der, flach auf eine Wasserfläche geworfen, neue Wellen erzeugt mit seiner Energie.

    Hier, im lebenden System, koppelt die Perturbation über die Koppelungsstellen …
    z.B.: eine soziale Perturbation koppelt mit der Psyche und, bei hinreichender Energie, mit dem Körper, führt z.B. zu veränderter, hier verminderter Muskelspannung mit der Folge Mehrbelastung der Wirbelsäule, Bandscheibenvorfall …

    Das Konzept „Psychosomatik“ wird beschreibbar, erklärbar, erweitert, differenziert,
    bekommt, aus meiner Sicht, endlich Boden unter die Füße und wird objektiv messbar, auch wenn wir noch lange nicht alle Parameter ausreichend genau messen können.

    In der alten Medizin, als noch lateinisch bezeichnet wurde, gab es den Begriff, das Konstrukt, „locus minoris resistentiae“, das würde passen zu einer Situation in der der Ausgleich, die Äquilibration nicht gelingt …

    ja, so meine Assoziation ..

  10. @10: „Assoziation […] eines Steins, der, flach auf eine Wasserfläche geworfen, neue Wellen erzeugt mit seiner Energie“

    Das gilt auch in geistigen Gefilden: Ist der Stein des Anstoßes groß genug (Trump, Greta usw.) schlägt die Nachricht davon reichlich Wellen auf der medialen Oberfläche unseres Bewusstseins und unserer Gefühle.

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