27.5.1 Assimilation: Veränderungen in einer der gekoppelten Umwelten machen für das jeweilige autopoietische System keinen Unterschied (Beobachtung 1. Ordnung), d.h. sie werden de facto den bereits etablierten Mustern angepasst und interne Veränderung von eigenen Strukturen und/oder Mustern werden nicht nötig, da sie de facto bestätigt (=confirmiert) werden.

Das Prinzip der Assimilation (von lat. similis ähnlich, gleichartig) lässt sich am einfachsten an einem Beispiel illustrieren: Das ja wohl jedem vertraute (und manchen zur Verzweiflung bringende) Verfahren, dass (von den ignoranten Mitmenschen, mit denen man täglich zu tun hat) Neues nicht als neu bewertet, sondern als eine Wiederholung des Alten bzw. dem ähnlich betrachtet wird („War doch schon immer so!“, „Was soll denn daran originell und neu sein?“) ist, bei aller Kritik, die sicher oft genug berechtigt sein dürfte, ziemlich funktionell und letztlich eine der Grundlagen menschlicher Erkenntnis: Man kann Erfahrungen aus der Vergangenheit auf die Gegenwart übertragen und muss nicht immer wieder neu das Rad erfinden. Neue Phänomene werden nach dem Muster bekannter Phänomene eingeordnet und interpretiert, Ähnliches wird de facto miteinander identifiziert. Dies kann als Bestätigung (confirmation) eines bereits früher einmal vollzogenen Unterscheidens und Bezeichnens gewertet werden (s. Satz 5.6).

Kritisch bewertet – der Preis, der eventuell für dieses Verfahren der Assimilation des Neuen an das Alte gezahlt werden muss, kann man feststellen, dass dies eine gute Methode ist, Lernen erfolgreich zu verhindern.

Ein Beispiel für Assimilation des unbekannten Neuen an Bekanntes: Engel sind auch nur eine Art von Vögeln (wahrscheinlich, da sie sich zwischen Himmel und Erde bewegen, oder so ähnlich… [offizieller katholischer Kirchenengel vor dem Petersdom, Weihnachten 2017]):

 

 

Literatur:

„Wir können davon ausgehen, daß keine Erkenntnis, auch nicht die mittels einer Wahrnehmung zustande gekommene, ein einfaches Abbild der Wirkllchkeit darstellt, weil sie immer einen Prozeß der Assimilation an frühere Strukturen impliziert.

Wir verwenden den Begriff der Assimilation im weiten Sinn einer Integration in schon bestehende Strukturen. Schon in der Biologie wird dieses Wort in sehr verschiedenen Bedeutungen gebraucht: ide »Chlorophyll-Assimilation« ist eine Umwandlung des sichtbaren Lichts in Energien, die in das Funktionieren des Organismus miteinbezogen werden; die »genetische Assimilation« (Waddington) it die Einverleibung von ursprünglich an eine Interaktion mit der Umwelt gebundenen Merkmalen in das genetische System; usw. Die allen diesen Verwendungsformen gemeinsame Bedeutung ist die Integration in vorhandene Strukturen, die unverändert bleiben können oder durch diese Integration selbst  mehr oder weniger modifiziert werden, wobei jedoch keine Diskontinuität gegenüber dem vorhergehenden Zustand entsteht, da sich die vorhandenen Strukturen ohne zerstört zu werden, einfach der neuen Situation anpassen.“

Piaget, Jean (1967): Biologie der Erkenntnis. Über die Beziehungen zwischen organischen Regulationen und kognitiven Prozessen. Frankfurt (S. Fischer) 1983, S. 4f.




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