27.5.2 Akkomodation: Veränderungen in einem der gekoppelten Umwelten führen dazu, dass das jeweilige System seine eigenen Strukturen und/oder Prozess-Muster so verändert, so dass sie zu den gekoppelten Umwelten passen (=viabel sind).

Diese Änderung der eigenen Struktur eines Systems bei der Akkomodation (von lat. commodare, anpassen, sich gefällig erweisen) ist das, was man – bezogen auf kognitive Strukturen – als Lernen bezeichnet. Da dies kurzfristig erst einmal als unökonomisch erscheint, wird es üblicherweise vermieden, wo und wann es immer geht.

Akkomodation ist meist mit der Differenzierung interner Strukturen verbunden, da ja die alten Strukturen nicht “an sich” als generell dysfunktionell bewertet werden können (immerhin war das Überleben mit diesen Strukturen bis dato möglich), aber es ist dennoch eine Änderung erforderlich, wenn weiterhin die Autopoiese aufrechterhalten werden soll.

Welche Folgen die Akkomodation auf körperlicher Ebene hat, zeigt Woody Allens Film “Zelig” (1983). Die Titelfigur passt sich ihrer Umwelt perfekt an, zum einen, wie die meisten Menschen, in ihrem Verhalten oder in ihren Denkmustern (bei der Psychiaterin wird er auch zum Psychiater usw.), sondern auch körperlich: Wenn er in Irland ist, bekommt er rote Haare und eine Säufernase (und er. feiert natürlich den St. Patricks Day), unter Schwangeren bekommt er einen dicken Bauch, unter Chinesen ändert sich die Form seiner Augen usw.

https://www.youtube.com/watch?v=w8N3dxiqu5g

 

Literatur:

“Akkomodation nennen wir (in Analogie zum biologischen Anpassungsprozeß) jede Modifikation der Assimilationsschemata unter dem Einfluß der äußeren Gegebenheiten (Umwelt), auf die sie angewandt werden. Aber, wie es keine Assimilation ohne (vorangegangene oder gleichzeitige) Akkomodation gibt, so auch keine Akkomodation ohne Assimilation; das bedeutet, daß die Umwelt den Organismus nicht zu bloßem Registrieren von Eindrücken oder zur Anfertigung von Kopien veranlaßt, sondern zu aktiven Umformungen. Wenn wir von »Akkomodation« sprechen, ist daher immer mitgemeint »Akkomodation von Assimilationsschemata«. So ist z.B. das Ergreifen eines Gegenstandes mit beiden Händen bei einem Kind von 5 oder 6 Monaten sein Assimilationsschema. Aber das Mehr-oder-weniger-weit-Auseinandernehmen oder Zusammenbringen der Hände – je nach dem Umfang des Gegenstands – stellt eine Akkomodation dieses Schemas dar.”

Piaget, Jean (1967): Biologie der Erkenntnis. Über die Beziehungen zwischen organischen Regulationen und kognitiven Prozessen. Frankfurt (S. Fischer) 1983, S. 9.




19 Gedanken zu „27.5.2 Akkomodation: Veränderungen in einem der gekoppelten Umwelten führen dazu, dass das jeweilige System seine eigenen Strukturen und/oder Prozess-Muster so verändert, so dass sie zu den gekoppelten Umwelten passen (=viabel sind).“

  1. 2007 entdeckten italienische Psychologen eine seltene Form von Hirnschäden, die ihre Opfer in einen ähnlich Zustand wie Zelig versetzt, natürlich ohne die damit verbundenen körperlichen Veränderungen. Die Forscherin Giovannina Conchiglia und ihre Mitarbeiter schlugen wegen der Parallelen zum Film den Namen “Zelig-like-Syndrom” für die Störung vor.

  2. Das Wort “zelig” ist ein jiddisches Wort, das übersetzt “gesegnet” oder “liebe verstorbene Seele” bedeutet. Sein Klang ähnelt den deutschen Wörtern “selig” und “seelisch”.

  3. Im abschließenden Epilog des Films heißt es: “Leonard Zelig und Eudora Fletcher lebten erfüllte und glückliche Jahre zusammen. Sie praktizierte weiterhin Psychoanalyse, während er gelegentlich Vorträge über seine Erfahrungen hielt. Zeligs Episoden der Charakteränderung wurden immer seltener, und schließlich verschwand seine Krankheit vollständig. Auf seinem Sterbebett erzählte er den Ärzten, dass er ein gutes Leben gehabt habe und das einzig Ärgerliche am Sterben sei, dass er gerade angefangen hatte, Moby Dick zu lesen, und wissen wollte, wie es ausging”.
    Der Witz dieser Schlussworte scheint mir darin zu liegen, dass der Roman, den Zelig kurz vor seinem Tod anfing zu lesen, mehr als 1.000 Seiten lang ist (oder auch dick). Zu ärgerlich!

  4. Ob die Menschheit zur Anpassung bereit ist, wird sich zeigen. Lernen ist mühsam.
    Greta Thunberg sagte in Davos: “Our house is on fire. I am here to say, our house is on fire.
    You say nothing in life is black or white. But that is a lie. A very dangerous lie. Either
    we prevent 1.5 C of warming or we don’t. Either we avoid setting-off that irreversible
    chain-reaction beyond human control or we don’t. Either we choose to go on as a
    civilization or we don’t. That is as black or white as it gets There are no grey areas,
    when it comes to survival. We all have a choice.
    Adults keep saying: We owe it to the young people to give them hope. But I don’t
    want your hope. I don’t want you to be hopeful. I want you to panic. I want you to feel
    the fear I feel every day. And then I want you to act. I want you to act as if you would
    in a crisis. I want you to act as our house is on fire. Because it is.”

  5. @4: Zum Abschluss des Weltsozialforums des Jahres 2003 in Puerto Alegre sprach Arundhati Roy, 42 Jahre, indische Polit-Aktivistin und weltweit bekannte Schriftstellerin unter dem Titel “Confronting the Empire”: “Our strategy should be not only to confront empire, but to lay siege to it. To deprive it of oxygen. To shame it. To mock it. With our art, our music, our literature, our stubbornness, our joy, our brilliance, our sheer relentlessness. And our ability to tell our own storys. Storys that are different from the ones we’re being brainwashed to believe. The corporate revolution will collapse if we refuse to buy what they are selling – their ideas, their version of history, their wars, their weapons, their notion of inevitabiliy.
    Remember this: We are many and they are few. They need us more than we need
    them. Another world is not only possible, she is on her way. On a quiet day, if you
    listen very carefully, you can hear her breathing.”

  6. Der Traum von der „anderen Welt“ war in thüringischen Jena um 1800 sehr präsent. In Jena war nichts „alternativlos“. Das Mögliche war Teil der Realität. Die Zukunft hatte schon begonnen. Einen großen Anteil an dieser geistigen Atmosphäre hatten drei junge Dichter und Denker, die aus der schwäbischen Provinz an die Saale gekommen waren: Hegel, Schelling und Hölderlin. Ihr sogenanntes „Erstes Systemprogramm des deutschen Idealismus“ entstand um 1796. Es wirft die Frage auf: „Wie muss die Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein?“

    Eine erste Antwort: „Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also auch über den Staat hinaus! Denn jeder Staat muss freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln, und das soll er nicht, also muss er aufhören.“

    Hegel hatte in seiner frühen Schrift „Der Geist des Christentums“ das „Himmelreich“
    der Bergpredigt als eine „andere Welt“ charakterisiert, in der „ein anderes Recht und
    Licht“, eine „andere Gerechtigkeit“ herrsche. In der „Phänomenologie des Geistes“
    ging er 1806 einen Schritt weiter und setzte durchaus politisch gemeint der „vorgefundenen allgemeinen Wirklichkeit eine andere Welt, anderes Recht, Gesetz
    und Sitten entgegen.“

    Schelling, Hegels Mitschüler im Stift Tübingen, interessierte sich in jenen Jahren vor
    allem für das, was er „Productivität“ nannte. Aber im Unterschied zu den heutigen
    Davos-People ging es ihm um die „Productiviät in der Natur“, um die „Permanenz“
    des „sich selbst organisierenden Ganzen“, um, könnte man sagen: Nachhaltigkeit.
    Auch Schelling benutzte den Begriff von einer anderen Welt, die in der bestehenden
    enthalten sei.
    „Je mehr wir die Eingeschränktheit dieser Welt erkennen, desto heiliger wird uns jede
    Erscheinung einer höheren und besseren in ihr sein.“
    Er mahnt, die Grenzen zwischen beiden Welten „in Ehren zu halten, da sonst alles ohne Unterscheidung in einanderflösse und wir bald weder in der einen noch in der anderen Welt recht zu Hause wären.“

    Friedrich Hölderlin, der dritte im Bunde, schlug einen noch höheren Ton an. In einer
    Vorstufe zu seinem Briefroman Hyperion, verfasst 1795 in Jena, erklärt Diotima, die
    Heldin des Romans, die andere Welt zur „Heimat unseres Herzens“.
    „Oft leb’ ich unter ihr im Geiste, fuhr Diotima fort, und mir ist, als wär’ ich ferne in
    einer andern Welt, und ich entbehre der gegenwärtigen so leicht – wir singen andre
    Lieder, wir feiern neue Fest, die Feste der Heiligen in allen Zeiten und Orten, der
    Heroen des Morgen- und Abendlands… Und wenn auf unsern Wiesen die goldne
    Blume glänzt, in seiner bläulichen Blüte das Ährenfeld uns umrauscht, und am
    heißen Berge die Traube schwillt, dann freun wir uns der lieben Erde, dass sie noch
    immer ihr friedlich schönes Leben lebt.“

    Noch war Schiller auf der Bildfläche. In dem bis heute wirkmächtigsten Gedicht der
    Epoche, seiner Ode „An die Freude“ aus dem Jahr 1785, hatte der damals 25-jährige
    Dichter schon in den ersten Versen das „Elysium“ beschworen, die „Inseln der
    Seligen“ aus der griechischen Antike. Es ist der Ort der Sterblichen, denen die Gunst
    der Götter Unsterblichkeit verliehen hat.
    Man hat Schillers Gedicht als eine „große Kantate des Kosmos“ bezeichnet. Es ist
    auch eine Ode an die „andere Welt“. Schiller feiert die „Freude“ und als Quelle der
    Freude die wechselseitige zwischenmenschliche Anziehungskraft in allen ihren
    Spielarten: Freundschaft, eheliche Liebe, „Sympathie“, „Wollust“, kollektiv erlebte
    trunken-ekstatische Bewusstseinszustände und – übergreifend – die Brüderlichkeit,
    die das „Erdenrund“ umspannende Solidarität.
    „Alle Menschen werden Brüder“ ist der Vers, den Beethoven in seiner Vertonung von 1827 so vehement hervorhebt. Schiller rückt die – modern gesagt – zivilgesellschaftlichen Strukturen in den Fokus: die intime Zweierbeziehung, den Freundschaftsbund, die gesellige Runde, die „heilgen Zirkel“ der emanzipatorischen Bewegungen. Sein Text ist eine Attacke auf die feudale Klassengesellschaft seiner Zeit. Die Verse „Deine Zauber binden wieder, / was der Mode Schwert getheilt“ zielen auf die politische Macht, die von ihr betriebene rigide Spaltung der Gesellschaft in Klassen, die Aufteilung der Welt in Nationen, Machtsphären und Rassen. Allein die ‚Freude’ könne die Basis für neue Bindungen zwischen den Menschen bilden. In dem Wort schwingen Erotik, Empathie,
    wechselseitiger Respekt und Solidarität mit.
    Schillers Ode bleibt jedoch keineswegs anthropozentrisch auf die Sphäre der
    zwischenmenschlichen Beziehungen fixiert. Sie ist von einem Denken über Natur
    und Kosmos geprägt. Die dritte Strophe erklärt die Natur – als fruchtbare, Leben
    spendende mater natura angesprochen – zur Quelle der Freude, und zwar für „alle
    Wesen“. Die provokanten Verse „Wollust ward dem Wurm gegeben. / Und der
    Cherub steht vor Gott“ spielen auf Linnés Hervorhebung der Sexualität in der Natur
    an. Und gleichzeitig auf die antike Vorstellung von der „großen Kette der
    empfindenden Wesen“. Von der unbelebten Materie über die einfachsten Formen
    von Leben bis hin zu überirdischen Wesen erstreckt sich eine innige Verkettung, ein
    untrennbarer Zusammenhang.
    Direkt anschließend bringt Schiller seine „kosmologische Metaphorik“ in Gang. Die
    zwischen den Menschen bestehende Anziehungskraft setzt er gleich mit der
    zwischen Himmelkörpern wirkenden Gravitation. Das kosmische Geschehen tritt in
    Analogie zu den seelischen Bewegungen. Beides, sagt Schiller an anderer Stelle sei
    „Widerschein“ einer „einzigen Urkraft“, die zugleich im außerirdischen Kosmos und in
    der Welt der menschlichen Gefühle wirksam sei und die tote Materie ebenso wie die
    Fülle des Lebens trage und bewege.

    Alle Menschen werden Brüder?
    100 Jahre nach der Uraufführung von Beethovens Neunter waren die Blütenträume
    zerstoben. Drei große Erzählungen kämpften im 20. Jahrhundert um die
    Weltherrschaft.
    Die liberale Erzählung versprach das „größte Glück der größten Zahl“ durch die
    Herrschaft des freien Marktes, die Massenproduktion von Waren und den
    Konkurrenzkampf der Produzenten.
    „Reinen Tisch macht mit den Bedrängern“ forderte die Erzählung von der Befreiung
    der Menschheit durch den Klassenkampf und die Diktatur des Proletariats.

  7. Teil 1
    Der Traum von der „anderen Welt“ war in thüringischen Jena um 1800 sehr präsent. In Jena war nichts „alternativlos“. Das Mögliche war Teil der Realität. Die Zukunft hatte schon begonnen. Einen großen Anteil an dieser geistigen Atmosphäre hatten drei junge Dichter und Denker, die aus der schwäbischen Provinz an die Saale gekommen waren: Hegel, Schelling und Hölderlin. Ihr sogenanntes „Erstes Systemprogramm des deutschen Idealismus“ entstand um 1796. Es wirft die Frage auf: „Wie muss die Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein?“

    Eine erste Antwort: „Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also auch über den Staat hinaus! Denn jeder Staat muss freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln, und das soll er nicht, also muss er aufhören.“

    Hegel hatte in seiner frühen Schrift „Der Geist des Christentums“ das „Himmelreich“
    der Bergpredigt als eine „andere Welt“ charakterisiert, in der „ein anderes Recht und
    Licht“, eine „andere Gerechtigkeit“ herrsche. In der „Phänomenologie des Geistes“
    ging er 1806 einen Schritt weiter und setzte durchaus politisch gemeint der „vorgefundenen allgemeinen Wirklichkeit eine andere Welt, anderes Recht, Gesetz
    und Sitten entgegen.“

    Schelling, Hegels Mitschüler im Stift Tübingen, interessierte sich in jenen Jahren vor
    allem für das, was er „Productivität“ nannte. Aber im Unterschied zu den heutigen
    Davos-People ging es ihm um die „Productiviät in der Natur“, um die „Permanenz“
    des „sich selbst organisierenden Ganzen“, um, könnte man sagen: Nachhaltigkeit.
    Auch Schelling benutzte den Begriff von einer anderen Welt, die in der bestehenden
    enthalten sei.
    „Je mehr wir die Eingeschränktheit dieser Welt erkennen, desto heiliger wird uns jede
    Erscheinung einer höheren und besseren in ihr sein.“
    Er mahnt, die Grenzen zwischen beiden Welten „in Ehren zu halten, da sonst alles ohne Unterscheidung in einanderflösse und wir bald weder in der einen noch in der anderen Welt recht zu Hause wären.“

  8. Teil 2

    Friedrich Hölderlin, der dritte im Bunde, schlug einen noch höheren Ton an. In einer
    Vorstufe zu seinem Briefroman Hyperion, verfasst 1795 in Jena, erklärt Diotima, die
    Heldin des Romans, die andere Welt zur „Heimat unseres Herzens“.

    „Oft leb’ ich unter ihr im Geiste, fuhr Diotima fort, und mir ist, als wär’ ich ferne in
    einer andern Welt, und ich entbehre der gegenwärtigen so leicht – wir singen andre
    Lieder, wir feiern neue Fest, die Feste der Heiligen in allen Zeiten und Orten, der
    Heroen des Morgen- und Abendlands… Und wenn auf unsern Wiesen die goldne
    Blume glänzt, in seiner bläulichen Blüte das Ährenfeld uns umrauscht, und am
    heißen Berge die Traube schwillt, dann freun wir uns der lieben Erde, dass sie noch
    immer ihr friedlich schönes Leben lebt.“

  9. Teil 3

    Noch war Schiller auf der Bildfläche. In dem bis heute wirkmächtigsten Gedicht der
    Epoche, seiner Ode „An die Freude“ aus dem Jahr 1785, hatte der damals 25-jährige
    Dichter schon in den ersten Versen das „Elysium“ beschworen, die „Inseln der
    Seligen“ aus der griechischen Antike. Es ist der Ort der Sterblichen, denen die Gunst
    der Götter Unsterblichkeit verliehen hat.
    Man hat Schillers Gedicht als eine „große Kantate des Kosmos“ bezeichnet. Es ist
    auch eine Ode an die „andere Welt“. Schiller feiert die „Freude“ und als Quelle der
    Freude die wechselseitige zwischenmenschliche Anziehungskraft in allen ihren
    Spielarten: Freundschaft, eheliche Liebe, „Sympathie“, „Wollust“, kollektiv erlebte
    trunken-ekstatische Bewusstseinszustände und – übergreifend – die Brüderlichkeit,
    die das „Erdenrund“ umspannende Solidarität.

    „Alle Menschen werden Brüder“ ist der Vers, den Beethoven in seiner Vertonung von 1827 so vehement hervorhebt. Schiller rückt die – modern gesagt – zivilgesellschaftlichen Strukturen in den Fokus: die intime Zweierbeziehung, den Freundschaftsbund, die gesellige Runde, die „heilgen Zirkel“ der emanzipatorischen Bewegungen. Sein Text ist eine Attacke auf die feudale Klassengesellschaft seiner Zeit. Die Verse „Deine Zauber binden wieder, / was der Mode Schwert getheilt“ zielen auf die politische Macht, die von ihr betriebene rigide Spaltung der Gesellschaft in Klassen, die Aufteilung der Welt in Nationen, Machtsphären und Rassen. Allein die ‚Freude’ könne die Basis für neue Bindungen zwischen den Menschen bilden. In dem Wort schwingen Erotik, Empathie,
    wechselseitiger Respekt und Solidarität mit.

    Schillers Ode bleibt jedoch keineswegs anthropozentrisch auf die Sphäre der
    zwischenmenschlichen Beziehungen fixiert. Sie ist von einem Denken über Natur
    und Kosmos geprägt. Die dritte Strophe erklärt die Natur – als fruchtbare, Leben
    spendende mater natura angesprochen – zur Quelle der Freude, und zwar für „alle
    Wesen“. Die provokanten Verse „Wollust ward dem Wurm gegeben. / Und der
    Cherub steht vor Gott“ spielen auf Linnés Hervorhebung der Sexualität in der Natur
    an. Und gleichzeitig auf die antike Vorstellung von der „großen Kette der
    empfindenden Wesen“. Von der unbelebten Materie über die einfachsten Formen
    von Leben bis hin zu überirdischen Wesen erstreckt sich eine innige Verkettung, ein
    untrennbarer Zusammenhang.

  10. Teil 5
    Direkt anschließend bringt Schiller seine „kosmologische Metaphorik“ in Gang. Die
    zwischen den Menschen bestehende Anziehungskraft setzt er gleich mit der
    zwischen Himmelkörpern wirkenden Gravitation. Das kosmische Geschehen tritt in
    Analogie zu den seelischen Bewegungen. Beides, sagt Schiller an anderer Stelle sei
    „Widerschein“ einer „einzigen Urkraft“, die zugleich im außerirdischen Kosmos und in
    der Welt der menschlichen Gefühle wirksam sei und die tote Materie ebenso wie die
    Fülle des Lebens trage und bewege.

    Alle Menschen werden Brüder?
    100 Jahre nach der Uraufführung von Beethovens Neunter waren die Blütenträume
    zerstoben. Drei große Erzählungen kämpften im 20. Jahrhundert um die
    Weltherrschaft.
    Die liberale Erzählung versprach das „größte Glück der größten Zahl“ durch die
    Herrschaft des freien Marktes, die Massenproduktion von Waren und den
    Konkurrenzkampf der Produzenten.
    „Reinen Tisch macht mit den Bedrängern“ forderte die Erzählung von der Befreiung
    der Menschheit durch den Klassenkampf und die Diktatur des Proletariats.

  11. Teil 3

    Teil 3

    Noch war Schiller auf der Bildfläche. In dem bis heute wirkmächtigsten Gedicht der
    Epoche, seiner Ode „An die Freude“ aus dem Jahr 1785, hatte der damals 25-jährige
    Dichter schon in den ersten Versen das „Elysium“ beschworen, die „Inseln der
    Seligen“ aus der griechischen Antike. Es ist der Ort der Sterblichen, denen die Gunst
    der Götter Unsterblichkeit verliehen hat.
    Man hat Schillers Gedicht als eine „große Kantate des Kosmos“ bezeichnet. Es ist
    auch eine Ode an die „andere Welt“. Schiller feiert die „Freude“ und als Quelle der
    Freude die wechselseitige zwischenmenschliche Anziehungskraft in allen ihren
    Spielarten: Freundschaft, eheliche Liebe, „Sympathie“, „Wollust“, kollektiv erlebte
    trunken-ekstatische Bewusstseinszustände und – übergreifend – die Brüderlichkeit,
    die das „Erdenrund“ umspannende Solidarität.

    „Alle Menschen werden Brüder“ ist der Vers, den Beethoven in seiner Vertonung von 1827 so vehement hervorhebt. Schiller rückt die – modern gesagt – zivilgesellschaftlichen Strukturen in den Fokus: die intime Zweierbeziehung, den Freundschaftsbund, die gesellige Runde, die „heilgen Zirkel“ der emanzipatorischen Bewegungen. Sein Text ist eine Attacke auf die feudale Klassengesellschaft seiner Zeit. Die Verse „Deine Zauber binden wieder, / was der Mode Schwert getheilt“ zielen auf die politische Macht, die von ihr betriebene rigide Spaltung der Gesellschaft in Klassen, die Aufteilung der Welt in Nationen, Machtsphären und Rassen. Allein die ‚Freude’ könne die Basis für neue Bindungen zwischen den Menschen bilden. In dem Wort schwingen Erotik, Empathie,
    wechselseitiger Respekt und Solidarität mit.

  12. Teil 4

    Schillers Ode bleibt jedoch keineswegs anthropozentrisch auf die Sphäre der
    zwischenmenschlichen Beziehungen fixiert. Sie ist von einem Denken über Natur
    und Kosmos geprägt. Die dritte Strophe erklärt die Natur – als fruchtbare, Leben
    spendende mater natura angesprochen – zur Quelle der Freude, und zwar für „alle
    Wesen“. Die provokanten Verse „Wollust ward dem Wurm gegeben. / Und der
    Cherub steht vor Gott“ spielen auf Linnés Hervorhebung der Sexualität in der Natur
    an. Und gleichzeitig auf die antike Vorstellung von der „großen Kette der
    empfindenden Wesen“. Von der unbelebten Materie über die einfachsten Formen
    von Leben bis hin zu überirdischen Wesen erstreckt sich eine innige Verkettung, ein
    untrennbarer Zusammenhang.

  13. Teil 4

    Schillers Ode bleibt jedoch keineswegs anthropozentrisch auf die Sphäre der
    zwischenmenschlichen Beziehungen fixiert. Sie ist von einem Denken über Natur
    und Kosmos geprägt. Die dritte Strophe erklärt die Natur – als fruchtbare, Leben
    spendende mater natura angesprochen – zur Quelle der Freude, und zwar für „alle
    Wesen“.

  14. Teil 4
    Die provokanten Verse „Wollust ward dem Wurm gegeben. / Und der
    Cherub steht vor Gott“ spielen auf Linnés Hervorhebung der Sexualität in der Natur
    an. Und gleichzeitig auf die antike Vorstellung von der „großen Kette der
    empfindenden Wesen“. Von der unbelebten Materie über die einfachsten Formen
    von Leben bis hin zu überirdischen Wesen erstreckt sich eine innige Verkettung, ein
    untrennbarer Zusammenhang.

  15. Eine andere Welt, wie immer sie aussehen mag, hat eine Konstante: Nachhaltigkeit.
    Die Regenerationsfähigkeit der natürlichen Lebensgrundlagen ist ebenso
    unantastbar wie die Würde des Menschen. Dieses Umdenken begann, wie so vieles,
    1968. Anfang April jenen Jahres versammelte sich in Rom ein kleiner, international
    zusammengesetzter Kreis von Experten: Wissenschaftler, Wissenschaftsmanager,
    Kader von OECD und UNESCO, ein elitäres, handverlesenes, exklusives
    Grüppchen. Den Initiatoren ging es tatsächlich um nichts Geringeres als eine neue
    „kopernikanische Wende“. Die Versammlung im April 1968 war die Geburtsstunde
    des „Club of Rome“. Eingeladen hatte der damals 60jährige italienische Manager
    Aurelio Peccei. Seine Leidenschaft galt der einen Welt. Peccei sah das Ende der
    Nationalstaaten kommen und einen Prozess fortschreitender „Globalisierung“ oder,
    wie er lieber sagte: Planetarisierung. Pecceis Weltbild basierte auf der Gewißheit,
    dass es eine unausweichliche und nicht reduzierbare Wechselbeziehung zwischen der
    Menschheit und der Biosphäre gebe.

    Diese Beziehung aber, das war Konsens zwischen Peccei und seinen
    Gesprächspartnern 1968 in Rom, war in eine tiefe Krise geraten. Die unbequeme
    Wahrheit: Die Erde ist begrenzt. Damit ist eine Obergrenze für alle materiellen
    Wachstumsprozesse vorgegeben. Wo diese Schranken liegen, ist ungewiß. Sie sind
    flexibel. Durch neue technologische Entwicklungen beispielsweise können sie
    hinausgeschoben werden. Die Vernichtung von immer mehr Ökosystemen dagegen
    senkt diese Schwelle. Sicher ist jedoch, dass diese Grenzen da sind und irgendwann
    wirksam werden. Daraus ergeben sich zwei Alternativen des Handelns: Lernen, mit
    den Schranken zu leben, sich selbst beschränken und innerhalb der Tragfähigkeit
    bleiben, indem man vor Erreichen dieser Grenzen das Wachstum abbremst, die
    Belastungen zurückschraubt und einen Zustand des Gleichgewichts erreicht. Oder
    die Grenzen nicht akzeptieren, in der Hoffnung, sie immer weiter hinausschieben zu
    können, sie ignorieren und dann darüber „hinausschießen“. Die Folge wäre eine von
    der Natur auferlegte Beschränkung des Wachstums. Dieser Prozess aber verlaufe
    disruptiv und katastrophal, nämlich als Kollaps. Der sei – noch – nicht zwangsläufig.
    Noch gebe es die Möglichkeit des Umsteuerns. Das Ziel wäre die Stabilisierung von
    Bevölkerungszahl, industrieller und landwirtschaftlicher Produktion und
    Verschmutzung in einem tragfähigen Bereich, ein dynamisches Gleichgewicht, eine
    sorgfältig kontrollierte Balance zwischen den einzelnen Kräften. Ein solches
    Gleichgewicht sei mit technischen Lösungen allein nicht zu erreichen. Absolut
    notwendig sei die Kombination von technischen Lösungen mit einem grundlegenden
    Wertewandel in der Weltgesellschaft.
    Hier ist etwas Aufregendes passiert: Mit dem Bericht an den Club of Rome über die
    Grenzen des Wachstums stehen wir am Beginn einer neuen Stufe von Bewusstwerdung, am Beginn eines globalen Brainstormings. Ab jetzt geht es um Erdpolitik.
    „Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt”, schrieb Erich Fried.

  16. @ führen dazu, dass das jeweilige System seine eigenen Strukturen und/oder Prozess-Muster so verändert, so dass sie zu den gekoppelten Umwelten passen (=viabel sind).

    in lebenden Systemen werden die Strukturen verändert/ ändern sich..
    und diese Strukturveränderungen können sich wieder ändern …
    es sind lebende Systeme ..

    die Akkommodation der Augenlinse ändert sich fortwährend mit der Entfernung des fokussierten Gegenstandes
    und das ändert sich erst wenn die Linse altert und nicht mehr akkommodieren kann ..

  17. zurück zu Hegel:

    im Folgenden zitiert aus
    G. Wilh. F. Hegel
    Einleitung in die Geschichte der Philosophie
    Vorlesungen 1823 – 1827/28
    B. Verhältnis zu den übrigen Gestaltungen
    PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND 166
    Verlag von FELIX MEINER © HAMBURG 1940
    Hrsg. von Johannes Hoffmeister
    3., gekürzte Auflage 1959, besorgt von FRIEDHELM NICOLIN
    8888888888888888888888888888888888888888888888888888888888888888888888888

    In England wird unter Philosophie Naturwissenschaft verstanden. Auf diese Weise ist es z.B. der Fall, daß eine Zeitschrift, die über Ackerbau (den Mist), Wirtschaftskunde, Gewerbekunde, Chemie usf. schreibt (wie Hermbstädts Journal) ²) und Erfindungen darüber mitteilt, eine philosophische heißt, ³) und daß optische Instrumente, Barometer, Thermometer usf. philosophische Instrumente genannt werden. Auch Theorien, besonders über Moral, welche mehr aus den Gefühlen des menschlichen Herzens und aus Erfahrung, als aus dem Begriff, aus Bestimmungen des Rechts genommen sind, gehören in England zur Philosophie.

    ²) D.i. Gemeinnütziger Ratgeber für den Bürger und Landmann oder Sammlung auf Erfahrung gegründeter Vorschriften zur Darstellung mehrerer der wichtigsten Bedürfnisse der Haushaltung. Berlin 1816 – 1825
    ³) Vgl. Enzyklopädie d. philos. Wiss. 1827, 1830, Anm. 1 zu § 7.

Schreibe einen Kommentar