27.7 Resilienz: Die Fähigkeit eines autopoietischen Systems (sei es ein Organismus, ein psychisches oder soziales System), angesichts eigener, negativ bewerteter systeminterner Veränderungen und/oder Veränderungen einer Umwelt (=Krisen) interne Ressourcen für die eigene Entwicklung zu nutzen (=Akkomodation/Assimilation), so dass das Überleben bzw. als positiv bewertete Qualitäten der eigenen Existenz erhalten oder wiederhergestellt werden.

Resilienz ist zwar ein Begriff, der in der Medizin zur Beschreibung der Tatsache verwendet wirdd, dass Menschen mehr oder weniger gut Krankheiten und Krisen körperlich und psychisch verdauen können, d.h. die Fähigkeit haben, sie zu überleben und, wenn auch vielleicht unter unterschiedlichen Bedingungen, weiter zu leben und manchmal sogar besser als vorher. Dieses Konzept wird auch auf soziale Systeme – z.B. auf Familien oder Unternehmen – angewendet. So gibt es Organisationen, die Krisen besser überstehen als andere und daher langlebiger sind. Familienunternehmen sind z.B. – anders als es die öffentliche Darstellung suggeriert – in der Lage weit länger zu überleben als börsennotierte Kapitalgesellschaften, weil sie resilienter sind. Die Bedingungen der Resilienz von Unternehmen zu untersuchen, dürfte in Zukunft ein vielversprechender Forschungsansatz sein. Aber auch zwischen Kulturen dürfte es gravierende Resilienzunterschiede geben.

 

Literatur:

„Resilienz hat mit der Fähigkeit zu tun, sich von Schwierigkeiten zwar beeinträchtigen, aber nicht zerstören zu lassen. Die Fähigkeit, sich zu biegen, ohne zu zerbrechen, ist das Wesentliche dabei. Allerdings weiß ich im Voraus nie, wer an Schwierigkeiten »gedeiht« und wer nicht. Und ich weiß auch nie, was für Kräfte im Leben es braucht, damit Gedeihen möglich wird.“ (S. 22)

[…]

„Das Hauptparadox von Resilienz liegt darin, dass die schlimmste Zeit eines Lebens auch das Beste bewirken kann. Eine Lebenskrise kann zu Lernen, Verwandlung und Entwicklung in ungeahnte Richtung führen.“ (S. 149)

Welter-Enderlin, Rosmarie (2010): Resilienz und Krisenkompetenz. Heidelberg (Carl-Auer-Verlag).

„Allgemein gilt dabei, dass der Konstruktion von Resilienz als psychosozialer Ressource auf einer tiefenstrukturellen Ebene eine Art allgemeines »Interaktionsschema« zugrunde liegt. Wir sind resilient (oder eben auch nicht) immer nur in Bezug auf etwas anderes, das etwas »mit uns macht« und daher auf irgendeine Weise ein Problem für uns darstellt, auf das wir reagieren. Dieses Interaktionsschema beinhaltet also jeweils eine beliebige Entität als Protagonisten (etwa ein Subjekt, ein Selbst, ein System, einen Organismus usw.), der durch eine weitere Entität als Antagonisten (ein Problem, ein Trauma, Stress etc.) bedroht, beeinträchtigt oder beschädigt wird. Als Resilienz erscheint in diesem Schema nicht nur das Vermögen des Protagonisten, diesen Beeinträchtigungen standzuhalten, er kann auch bestimmte Aktvitäten in Gang setzen, um die eigene Resilienz zu stärken oder den Antagonisten zu schwächen. In dem Maße, als der Protagonist eine wie auch immer geartete Hilfe für diesen Zweck in Anspruch nimmt oder angeboten bekommt, erweitert sich das Schema von einer Dyade zur Triade. Hilfe kann etnweder die Stärkung der Resilienz des Protagonisten zum Ziel haben doer die Verkleinerung, Schwächung, Auflösung des Antagonisten.“

Levold, Tom (2006): Metaphern der Resilienz. In: Welter-Enderlin, Rosmarie, Bruno Hildenbrand (Hrsg.) (2006): Resilienz – Gedeihen trotz widriger Umstände. Heidelberg (Carl-Auer Verlag), S. 234f.




3 Gedanken zu „27.7 Resilienz: Die Fähigkeit eines autopoietischen Systems (sei es ein Organismus, ein psychisches oder soziales System), angesichts eigener, negativ bewerteter systeminterner Veränderungen und/oder Veränderungen einer Umwelt (=Krisen) interne Ressourcen für die eigene Entwicklung zu nutzen (=Akkomodation/Assimilation), so dass das Überleben bzw. als positiv bewertete Qualitäten der eigenen Existenz erhalten oder wiederhergestellt werden.“

  1. Dieses Phänomen, dass Krisen Bestes bewirken können, begegnet einem auch bei kulturellen Höchstleistungen. Für eine bestimmte Tiefe und Intensität der Empfindung bzw. Höhe der geistig-kulturellen Entwicklung sind einschlägige Erfahrungen vonnöten, im Sinne von: Einschlägen und Herausforderungen (Tod eines nahen Angehörigen, Unfall, Krankheit, Kulturschock).

    Beispiele: Der ergreifende Song „Tears in Heaven“ von Eric Clapton, der die Trauer Claptons nach dem Unfalltod seines vierjährigen Sohnes verarbeitet. Die musikalisch ausgedrückte Trauer von Pink Floyd über den Verlust des schizophren gewordenen charismatischen Band-Gründers, Lead-Gitaristen und Sängers Syd Barrett. Sakrale Weihen empfangen einige christliche Oratorien von Johann Sebastian Bach und anderen, die Jesus‘ Foltertod behandeln.
    Auch der Glaube an höhere Mächte kann dazu beitragen. Der Country-Musiker Johnny Cash (1932-2003) schuf ergreifende Songs, weil er ein Mensch war, der sich seiner Fehler bewusst war. Das freundliche menschliche Wesen seiner Mutter gehörte ebenso zu seinem Erbe wie die harten launischen Züge seines Vaters. „Manchmal bin ich zwei Personen: Johnny ist der Nette, und Cash macht all den Ärger. Sie kämpfen miteinander!“, bekannte er einmal. Immer wieder kämpfte er mit der Sucht nach Aufputschmitteln und Alkohol, die er gebraucht hatte, um die endlosen Tourneen durchzuhalten. Die Ehe mit seiner Frau Vivian zerbrach, weil sie nicht viel mit dem Starrummel anfangen konnte und Cash meistens unterwegs war, statt sich um seine Frau und die Kinder zu kümmern. Cash verletzte andere durch sein zunehmend launisches Verhalten und schadete sich selbst. Konzerte wurden abgesagt, da er nicht in der Lage war, zu spielen. Ende der 1960er-Jahre fand der sensible Künstler in der Sängerin June Carter neuen Halt, seine Seelenverwandte und die große Liebe seines Lebens. Doch der Kampf mit der „Bestie in mir“ ging weiter und führte ihn bis an den Rand des Selbstmords. Er schreibt es dem Eingreifen Gottes zu, dass er diesen Kampf nicht verlor: „Ich spürte diese große tröstende Gegenwart, die sagte: ‚Nein, du wirst nicht sterben. Es gibt noch Aufgaben für dich!‘ Also stand ich wieder auf.“ Johnny Cash war gläubiger Christ geworden. „Gott hat seine Hand auf dir, mein Sohn“, mit diesen Worten hatte seine tiefgläubige Mutter Carrie einst ihren Sohn im ländlichen Arkansas im Süden der USA ermutigt, sein musikalisches Talent als göttliche Gabe zu verstehen. Sie und sein älterer Bruder Jack, der Pfarrer werden wollte, waren die beiden Menschen, die Cash früh dazu brachten, sich mit Gott auseinanderzusetzen und ein Leben mit Jesus zu beginnen. Jacks früher Unfalltod, an dem ihm sein Vater eine Mitschuld gab, stellte ein lebenslanges Trauma für Johnny dar.

  2. Wer dagegen das Glück hat, in einer heilen Welt aufgewachsen zu sein und dauerhaft in ihr zu leben, weist möglicherweise nicht die notwendige Sensibilität, Empathie und Introspektion für Resilienz und für besondere künstlerische bzw. spirituelle Erlebnisse auf. Das zeigt beispielsweise das manchmal fade Schicksal verwöhnter Königs- oder Milliardärskinder oder allseits geliebter Topmodels, Playboy bunnies und Lottofeen, die in ihrem allzu schönen Leben nie existenziellen Herausforderungen ausgeliefert waren.

  3. @ „Die Fähigkeit eines autopoietischen Systems, angesichts eigener, negativ bewerteter systeminterner Veränderungen und/oder Veränderungen seiner Umwelt, interne Ressourcen für die eigene Entwicklung zu nutzen, sodass das Überleben bzw. als positiv bewertete Qualitäten der eigenen Existenz erhalten oder wiederhergestellt werden.“

    Dieser Satz ist unvollständig.

    Meinten Sie: „Ein autopoietisches System besitzt die Fähigkeit, angesichts eigener, negativ bewerteter systeminterner Veränderungen und/oder Veränderungen seiner Umwelt, interne Ressourcen für die eigene Entwicklung zu nutzen, sodass das Überleben bzw. die als positiv bewertete Qualitäten der eigenen Existenz erhalten oder wiederhergestellt werden.“

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