28.1 Kognitive Systeme: Systeme, die durch die Muster ihrer internen Prozesse in der Lage sind, eine Lebenswelt zu definieren, in der sie zum Zwecke des Selbsterhalts agieren bzw. interagieren können, sollen als kognitive Systeme bezeichnet werden.

Der Begriff der Kognition und/oder Erkenntnis, wie er hier verwendet wird, weicht von seiner gewohnten philosophischen oder psychologischen Verwendung ab. Denn er steht nicht primär und allein für psychische Prozesse, sondern er bezeichnet zunächst erst einmal biologische Phänomene: die Funktionsweise lebender Systeme – nicht nur, aber vor allem die des Gehirns (sei es nun das eines Menschen oder eines Tieres). Das erfordert ein gewisses Maß an Umdenken, denn biologische Muster, der anatomische Bau eines Organismus wie auch die funktionellen Muster der Physiologie, werden nun als kognitive Funktionen betrachtet. Und ihre Funktion besteht, aus der Sicht des Beobachters 2. Ordnung gesprochen, darin, in einer Umwelt mit den darin vorgefundenen Gegenständen und lebenden Systemen oder sonstigen Phänomenen in einer Weise handeln bzw. interagieren zu können, die mit dem eigenen Überleben kompatibel ist.

Wenn man autopoietische Systeme – d.h. Organismen, psychische Systeme und soziale Systeme (was Humbero Maturana als Kreateur des Begriffs zwar ablehnt, Niklas Luhmann aus soziologischer Sicht hingegegen befürwortet und hier auch für psychische Systeme postuliert wird) generell als kognitive Systeme betrachtet, so sind ihre Strukturen als Erkenntnisformen zu definieren.

Um dieses Konzept zu konkretisieren: Biologische Strukturen sind die Verkörperung eines Wissens, mit dessen Hilfe ein Lebewesen in einer bestimmten physischen Umwelt überleben (=die Autopoiese fortsetzen) kann. Da es unterschiedliche biologische Strukturen (Arten, Gattungen von Lebewesen), die alle in der Lage sind, in der – mehr oder weniger – selben physischen Welt zu leben, heisst das, dass für deren Überleben jeweils andere Kognitionen funktionell (=“passend“) sind.

Auch soziale Systeme sind – dieser Definition folgend – kognitive Systeme. Durch ihre Spielregeln und Strukturen realisieren sie ein Wissen über die Gesellschaft, das gut genug ist, um ihre Autopoiese fortzusetzen (oder eben auch nicht). Und auch in Bezug auf soziale Systeme gilt, dass ganz unterschiedliche Strukturen in der Lage sind zu überleben, d.h. sich über die Zeit zu erhalten.

Und das Bewusstsein zeigt Funktionsmuster, die es dem Individuum – der aus Organismus und Psyche zusammengesetzten Überlebenseinheit – ermöglicht, sowohl die Autopoiese seines Körpers wie seines Bewusstseins fortzusetzen.

Jeder Typus dieser drei Systeme muss lernfähig  (d.h. in der Lage, seine eigenen Strukturen zu verändern) sein, da er in seiner Entwicklung mit den anderen beiden Typen von Systemen gekoppelt ist und auf deren Veränderungen mit eigenen Veränderungen anworten muss, bis erneut ein (vorübergehender) Zustand der Stabilität erreicht ist.

 

Literatur:

„Ein kognitives System ist ein System, dessen Organisation einen Interaktionsbereich definiert, in dem es zum Zweck der Selbsterhaltung handeln kann. Der Prozess der Kognition ist das tatsächliche (induktive) Handeln oder Verhalten in diesem Bereich. Lebende Systeme sind kognitive Systeme, und Leben als Prozess ist ein Prozess der Kognition. Diese Aussage gilt für alle Organismen, ob diese ein Nervensystem besitzen oder nicht.“

Maturana, Humberto, Francisco Varela (1970): Biologie der Kognition. In: H. Maturana (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg),  S. 39.




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