28.1.2 Organismen, soziale Systeme und psychische Systeme sind kognitive Systeme.

Jede lebende Struktur, die sich verhält, ist nach dieser Definition ein kognitives System. Das gilt für Tiere gleichmaßen wir für Zoologen. Und wahrscheinlich ist es auch angemessen, Pflanzen – nach dieser Definition – als „sich verhaltend“ zu betrachten, obwohl deren Bereich sicher eingeschränkter als der von Tieren ist.

Das Bewusstsein verhält sich – das macht die Analogiebildung schwieriger – in einer Weise, die nur einem exklusiven Beobachter (dem Eigentümer dieses Bewusstseins) zugänglich ist. Aber es erscheint durchaus sinnvoll, auch hier von Verhalten zu sprechen, da der Selbst-Beobachter oft genug erstaunt ist, welch merkwürdige und nicht immer angenehmen Kapriolen sein Bewusstsein vornimmt, wenn es um die Beziehung zu seinen Umwelt geht: dem eigenen Körper wie dem jeweils aktuellen sozialen System. Jeder Gedanke, jedes Gefühl sind nach diesem Modell als interne Verhaltensweise zu definieren.

Im Blick auf soziale Systeme die einzelnen internen Kommunikationen nicht als Handlungen des Systems zu definieren, sondern als interne Prozesse. Erst das Verhalten des ganzen Systems in Bezug auf irgendwelche Umwelten macht das soziale System zu einem handelnden System.

Was die drei Typen von Systemen verbindet, ist, dass sie im Laufe der Geschichte ihrer strukturellen Kopplungen interne Strukturen (=kognitive Muster) entwickeln und ausdifferenzieren, verändern oder bestätigen, die ihnen das Überleben (=Fortsetzung der Autopoiese) in der Kopplung mit den gegebenen Umwelten ermöglichen. Dabei ist das Überleben das einzige objektivierbare Erfolgskriterium (was allerdings – wie Suizidanten beweisen – nicht zwingend ist, wenn der Selbst-Beobachter zu einer abweichenden Bewertung seiner Autopoiese kommen sollte), d.h. es gibt keine „besseren“ oder „schlechteren“ kognitiven Strukuturen, keine besseren oder schlechteren Organismen und biologische Strukturen – Affen sind nicht besser als Ameisen, Elefanten nicht besser als Mücken (was wiederum ein menschlicher Beobachter, gemessen an seinen persönlichen Kriterien, seinem Geschmack etc., ganz anders sehen kann, wenn er von Mücken gestochen wird, während die Elefanten ihm lediglich die Erdnüsse klauen).

 

Literatur:

„Die handlungsbezogene Perspektive würde nun fordern, diese Art kognitiven Systems in eine Situation zu versetzen, in der endogene und exogene Faktoren einander über einen länger andauernden Geschichtsprozeß definieren, wobei die Viabilitätö der Koppelung der einzige Erfolgsmaßstab ist und jede Art optimaer Überlebenstüchtigkeit ohne Bedeutung bleibt.“

Varela, Francisco (1988): Kognitionswissenschaft – Kognitionstechnik. Frankfurt (Suhrkamp), 1990, S. 136.




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