28.2.1 Er-Rechnen = Operation, bei welcher Zeichen (indication/2. Unterscheiden), die auf Unterschiedenes (distinction/1. Unterscheiden) verweisen, geordnet, transformiert und/oder neu geordnet werden.

Alle aus der Perspektive der Beobachtung 2. Ordnung identifizierbaren physikalischen Unterschiede oder Eigenarten eines
Gegenstandes in der Umwelt eines lebenden Systems werden von seinem Gehirn auf dieselbe Art und Weise kodiert, d. h., sie werden in Aktivitäts-Inaktivitäts-Muster von Nervenzellen „übersetzt“. Dies ist ein Vorgang, den Heinz von Foerster als „Prinzip der undifferenzierten Kodierung“ bezeichnet hat (s.u.). Welche sensorischen Zellen auch immer gereizt werden, sie reagieren nie auf die Qualität dieser Reize, sondern nur auf die Quantität. Daraus ergibt sich die Frage, wie das Gehirn es schafft, aus der Menge an Zellen, die auf quantitative Veränderungen reagieren, die Qualitäten subjektiver Wirklichkeit zu konstruieren, die nun einmal so vielfältig, vielfarbig, voller Töne und Melodien, differenziert und sinnvoll sind.

Die Antwort von Konstruktivisten besteht darin, das, was wir üblicherweise als Erkenntnis oder Kognition bezeichnen, zu umschreiben: Kognition ist das Errechnen einer Realität.

Das führt zwangsläufig zur nächsten Frage, was denn unter „Rechnen“ zu verstehen ist. Heinz von Foersters Antwort ist unten zu lesen.

 

Literatur:

„Die Reaktion einer Nervenzelle enkodiert nicht die physikalischen Merkmale des Agens, das ihre Reaktion verursacht. Es wird lediglich das ‚so viel‘ an diesem Punkt meines Körpers enkodiert, nicht aber das, ‚was‘“.

Foerster, Heinz von (1973): Über das Konstruieren von Wirklichkeiten. In: H.
von Foerster (1985): Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie.
Heidelberg (Carl-Auer) 1999, S. 29).

„Das Wort ‚rechnen‘ kommt von einem im Hochdeutschen nicht mehr vorhandenen Adjektiv, das ‚ordentlich, genau‘ bedeutet. ‚Rechnen‘ heißt also ursprünglich ‚in Ordnung bringen, ordnen‘. Dazu gehört u. a. auch ‚Rechenschaft‘ und ‚recht‘. Es braucht somit also keineswegs auf numerische Größen Bezug genommen werden. Ich möchte den Begriff des ‚Rechnens‘ in diesem sehr allgemeinen Sinn verwenden, um jede (nicht notwendig numerische) Operation zu benennen, die beobachtete physikalische Entitäten (‚Objekte‘) transformiert, modifiziert, ordnet, neu anordnet usw. So werde ich z.B. die einfache Permutation der drei Buchstaben A, B, C zu C, A, B, zu einer Anordnung also, in der der letzte Buchstabe an die erste Stelle rückt, als ‚Rechnen‘ bezeichnen. In ähnlicher Weise nenne ich die Operation eine Errechnung, die Kommas zwischen den Buchstaben beseitigt: CAB, in gleicher Weise die semantische Transformation, die CAB zu TAXI verändert usw.“

Foerster, Heinz von (1973): Über das Konstruieren von Wirklichkeiten. In: H.
von Foerster (1985): Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie.
Heidelberg (Carl-Auer) 1999, S. 30..

 




1 Gedanke zu “28.2.1 Er-Rechnen = Operation, bei welcher Zeichen (indication/2. Unterscheiden), die auf Unterschiedenes (distinction/1. Unterscheiden) verweisen, geordnet, transformiert und/oder neu geordnet werden.”

  1. @„Die Reaktion einer Nervenzelle enkodiert nicht die physikalischen Merkmale des Agens, das ihre Reaktion verursacht. Es wird lediglich das ‚so viel‘ an diesem Punkt meines Körpers enkodiert, nicht aber das, ‚was‘“.

    Ähnlich funktioniert die digitale Bildverarbeitung im Videofilm. Dabei werden lediglich die Veränderungen des neuen Bildes gegenüber dem vorgehenden gespeichert.

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