28.4 Informationen: Wenn Daten, die von einem Beobachter in einen sinnstiftenden Kontext gesetzt werden und dadurch für ihn einen Unterschied machen, d.h. wenn er ihnen Bedeutung/Sinn zuschreibt, so sollen sie Informationen genannt werden.

Unabhängig davon, wie ein Einzelner sich verhält, wird seinem Verhalten auf jeden Fall von ihm selbst und anderen Beobachtern ein Sinn zugeschrieben (der auch sein: „hat keinen Sinn“), und es wird als Mitteilung von Informationen
interpretiert, d. h. verstanden (selbst dann, wenn das Verhalten als „unverständlich“ bewertet wird). Mit dieser Erwartung
muss er rechnen, und diese Erwartung bzw. die wechselseitige Erwartung der Erwartung strukturiert das gegenseitige Verstehen. Diese
drei Bestandteile – Information, Mitteilung und Verstehen – sind nötig, um Kommunikation zu realisieren.

In diesem Sinn beschäftigt sich die sogenannte Informationstechnologie nicht mit Information, sondern mit Datenverarbeitung. Ob sich das mit den Fortschritten der sogenannten Künstlichen Intelligenz verändert, bleibt abzuwarten, aber Skepsis scheint angebracht.

Und für die menschliche Kommunikation gilt: Sie ist nicht die Leistung eines handelndes Subjektes, d.h. keine Handlung,
sondern ein Selbstorganisationsphänomen: Sie passiert.

 

Literatur:

[Zu Kommunikation:]

„Sie kommt zustande durch eine Synthese von drei verschiedenen Selektionen – nämlich Selektion einer Information, Selektion der Mitteilung dieser Information und selektives Verstehen oder Missverstehen dieser Mitteilung und ihrer Information. Keine dieser Komponenten kann für sich allein vorkommen. Nur zusammen erzeugen sie Kommunikation. Nur zusammen – das heißt, nur dann, wenn ihre Selektivität zur Kongruenz gebracht werden kann. Kommunikation kommt deshalb nur zustande, wenn zunächst einmal eine Differenz von Mitteilung und Information verstanden wird. Das unterscheidet sie von bloßer Wahrnehmung des Verhaltens anderer. Im Verstehen erfasst die Kommunikation einen Unterschied zwischen dem Informationswert ihres Inhalts und den Gründen, aus denen der Inhalt mitgeteilt wird. Sie kann dabei die eine oder die andere Seite betonen, also mehr auf die Information selbst oder mehr auf das expressive Verhalten achten. Sie ist aber immer darauf angewiesen, dass beides als Selektion erfahren und dadurch unterschieden wird. Es muss, mit anderen Worten, vorausgesetzt werden können, dass die Information sich nicht von selbst versteht und dass zu ihrer Mitteilung ein besonderer Entschluss erforderlich ist. Und das gilt natürlich auch, wenn der Mitteilende etwas über sich selbst mitteilt. Wenn und soweit diese Trennung der Selektionen nicht vollzogen wird, liegt eine bloße Wahrnehmung vor. Es ist von erheblicher Bedeutung, an dieser Unterscheidung von Kommunikation und Wahrnehmung festzuhalten, obwohl, und gerade weil die Kommunikation reiche Möglichkeiten zu einer mitlaufenden Wahrnehmung gibt. Aber die Wahrnehmung bleibt zunächst ein psychisches Ereignis ohne kommunikative Existenz. Sie ist innerhalb des kommunikativen Geschehens nicht ohne weiteres anschlussfähig. Man kann das, was ein anderer wahrgenommen hat, nicht bestätigen und nicht widerlegen, nicht befragen und nicht beantworten. Es bleibt im Bewusstsein verschlossen und für das Kommunikationssystem ebenso wie für jedes andere Bewusstsein intransparent.“

Luhmann, N. (1988): Was ist Kommunikation? In: F. B. Simon (Hrsg.)
(1997): Lebende Systeme. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen
Therapie. Frankfurt (Suhrkamp), S. 21.




2 Gedanken zu “28.4 Informationen: Wenn Daten, die von einem Beobachter in einen sinnstiftenden Kontext gesetzt werden und dadurch für ihn einen Unterschied machen, d.h. wenn er ihnen Bedeutung/Sinn zuschreibt, so sollen sie Informationen genannt werden.”

  1. @“die menschliche Kommunikation […] ist nicht die Leistung eines handelndes Subjektes, d.h. keine Handlung, sondern ein Selbstorganisationsphänomen: Sie passiert.“
    Selbstorganisation ist das spontane Auftreten neuer, stabiler, effizient erscheinender Strukturen und Verhaltensweisen (Musterbildung) in offenen Systemen. Das sind Systeme, die sich fern vom thermodynamischen Gleichgewicht befinden, die also Energie, Stoffe oder Informationen mit der Außenwelt austauschen. Die Selbstorganisation ist jedoch auch bei exothermen Prozessen und Prozessen im thermischen Gleichgewicht allgegenwärtig, in der Welt der Elementarteilchen, der Physik und der Chemie, im Weltall bei der Entstehung der Sterne und Planeten, in der Evolution, der Biologie bis hin zu den anfangs genannten sozialen Systemen. Emergente Systeme entstehen von selbst aus ihren Elementen durch die Wechselwirkungen zwischen ihnen. In Physik und Chemie sind dies unmittelbar die Kräfte der Naturgesetze. Die Systeme haben zusätzlich zu ihren komplexen Strukturen auch neue Eigenschaften und Fähigkeiten, die die Elemente nicht haben. Ein selbstorganisiertes System verändert seine grundlegende Struktur abhängig von seinem Entwicklungsprozess und seiner Umwelt. Die interagierenden Teilnehmer (Elemente, Systemkomponenten, Agenten) handeln nach einfachen Regeln und erschaffen dabei aus Chaos Ordnung, ohne eine Vision von der gesamten Entwicklung haben zu müssen.
    Um von Selbstorganisation sprechen zu können, müssen folgende voneinander abhängige Kriterien erfüllt sein: die Evolution eines Systems in eine räumlich/zeitlich organisierte Struktur ohne äußeres Zutun; die autonome Bewegung in immer kleinere Regionen des Phasenraumes (sogenannte Attraktoren), die Entwicklung von Korrelationen oder raumzeitlichen Mustern zwischen vorher unabhängigen Variablen, deren Entwicklung nur unter dem Einfluss lokaler Regeln steht.

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