28.4.4 Die Zuschreibung von Bedeutung/Sinn zu Daten/Mustern von Daten (=Kreation von Information) soll Semantik genannt werden.

Die Semantik stellt das Hauptproblem menschlicher Kommunikation dar, da – wie dargestellt – die Freiheit, irgendwelchen Symbolen, Zeichen, Worten oder allgemein: Daten/Unterscheidungen Bedeutungen zuzuschreiben, groß ist. Man muss sich auf die Bedeutungen von Zeichen einigen, was nicht so einfach ist.

Die hier und im folgenden vorgenommene Unterscheidung zwischen Semantik, Syntaktik und Pragmatik geht auf Charles W. Morris und seine „Grundlagen der Zeichentheorie“ (1938) zurück.

 

Literatur:

„Die Semantik behandelt die Beziehung der Zeichen zu ihren Designaten und darum zu den Objekten, die sie denotieren oder denotieren können. Wie in den anderen zeichentheoretischen Disziplinen kann man eine Unterscheidung zwischen reiner und deskriptiver Semantik machen; die reine Semantik liefert den Begriffsapparat und die Theorie, die zur Behandlung dr semantischen Dimensionen erforderlich ist, während die despriptive Semantik sich mit tatsächlich vorkommenden Beispielen dieser Dimension befaßt.“

Morris, Charles W. (1938): Grundlagen der Zeichentheorie. München (Hanser) 1972,  S. 42.

„Während es durchaus möglich ist, Symbolserien mit syntaktischer Genauigkeit zu übermitteln, so würden sie doch sinnlos bleiben, wenn Sender und Empfänger sich nicht im voraus über ihre Bedeutung geeinigt hätten. In diesem Sinn setzt jede Nachricht ein semantisches Übereinkommen voraus.“

Watzlawick, Paul, Janet H. Beawin, Don D. Jackson (1967): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern (Huber) 1969, S. 22.

„Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes »Bedeutung« – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.

Und die Bedeutung eines Namens erklärt man manchmal dadurch, daß man auf seinen Träger zeigt.“ (S. 41)

[…]

Wir können sagen: Nach der Benennung fragt nur der sinnvoll, der schon etwas mit ihr anzufangen weiß.

Wir können uns ja auch denken, daß der Gefragte antwortet: »Bestimme die Benennung selber« – und nun müßte, der gefragt hat, für alles selber aufkommen.“ (S. 34)

Wittgenstein, Ludwig (1952): Philosophische Untersuchungen. Franfurt (Suhrkamp) 1971.




15 Gedanken zu „28.4.4 Die Zuschreibung von Bedeutung/Sinn zu Daten/Mustern von Daten (=Kreation von Information) soll Semantik genannt werden.“

  1. Es sind die Regeln der Sprache, die Regeln der Aussprache im Hier und Jetzt, die „etwas“ nicht anders klingen lassen, vorausgesetzt man hat die Regeln gelernt, wovon auszugehen ist, wenn jemand etwas als „etwas“ aussprechen kann. Die Regeln sind mE zu betonen, nicht die regellosen Möglichkeiten (sie werden eher selten genutzt und wenn dann nennen wir das „Kunst“ oder „Krankheit“ oder manchmal auch beides).

  2. Wie erfolgt die Zuschreibung von Bedeutung/Sinn zu Daten/Mustern von Daten (=Kreation von Information)?
    Durch die sozialstrukturelle bzw. soziokulturelle Evolution (Autopoiese?). Die Sozialstruktur ist der Semantik (determinierend?) vorausgesetzt. Dabei spielt die beobachtbare Kommunikation die entscheidende Rolle, da durch deren Beschreibungen – sowohl durch die Selbst- als auch die Fremdbeschreibungen sowie die Wechselwirkungen dieser Beschreibungen – Informationen entstehen und sozial verstehbar gemacht werden. Die Sinnzuschreibung erfolgt also nachträglich: nach der Beobachtung und nach der Information über die Beobachtung und der Interpretation der Information – und zwar, innerhalb des historisch gegebenen soziokulturellen Rahmens. Diese kommunikativ erzeugte soziokulturelle Rahmen ist permanenten Veränderungen und Umdeutungen ausgesetzt, sodass sich die Bedeutungen von Informationen verändern können.
    Beispiele: Populismus (Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden als Bedrohung des Eigenen); Me-Too-Debatte (Zudringlichkeiten mächtiger Männer als Karriere-Chance oder als sexuelle Belästigung).

  3. @3 Die Semantik koppelt soziale und psychische Strukturen bzw. individuelle Beobachtungen und Handlungen mit kollektiven Beobachtungen und Handlungen.

  4. @3 Anderseits sind semantische Strukturen konstitutiv für Sozialstrukturen. Die Semantik funktioniert nicht nur als Produzentin von bewahrenswertem Sinn und Reflexionswissen, sondern auch als konstituierende Kraft in der Reproduktion der autopoietischen Operationen. Die generative Rolle von Symbolen verdeutlichen Kunstwerke, wie etwa die hier immer wieder zitierten Proust-, Musil- und Mann-Werke, in denen die Selbstbeschreibungen der Gesellschaft soziokulturelle Sinnzuschreibungen konstruieren und konstituieren.

  5. „Bei dem einzigen Einbruch, mit dem ich je zu tun gehabt hatte, war der Hausbesitzer totgeprügelt und anschließend angezündet worden, und da ich meine Zweifel hatte, daß sie das hören wollten , behielt ich es lieber für mich. Aber wir unterhielten uns gut, und so ließ ich mir schließlich doch nachschenken. Mir war vage bewusst, dass jemand neben mi stand, doch erst als er etwas sagte, nahm ich ihn zur Kenntnis.
    <>
    Es war der Mann, der mir der jungen Frau ge-kommen war. Mein Puls überschlug sich, als ich sie an seiner Seite stehen sah. Sie lächelte mir zu, und eine Sekunde lang fragte ich mich, ob sie sich von den Grillfest noch an mich erinnerte. Dann brach die Wirklichkeit über mich herein, und ich sagte mir, dass das jetzt ohnehin keine Rolle mehr spielte.“

    Simon
    Beckett
    „Ein ganz normaler Tag“
    ro
    ro
    ro
    2.Aufl.2016
    S. 24
    Preisreduziertes Mängelexemplar

    http://sweeps7783.nonameland4.live/2218673431/?utm_campaign=QPF8euu28II5lw7O2iHhCugVqK5RzfdNsTpLaMM91qY1&t=main9_d42d1fcc5c1cfe6b0203036e6a&f=1&fp=60YiLDfpkWEzDs%2BTONfSGjaWxciLEwq2v%2BSYQr5l5adcKMGKM0GJD0qALenOeXo%2BDSe5Adv3X3vxqDMODnD52ceZW9DpGzYbIxju799g4gBRe%2BwdggrRsBatl06ZMBjKENaZbHKYKx6e%2Fm0QTCBrCaURRDHP4joSx3RLqLw0mlF6Qb2NVRuvX7YmM0Es%2B0xCYe3YlOTCnJZXew2Vz%2F%2FWPEgmA6T3%2BdOdAZE4eyrZ1qYNEe99vJQccox8X%2BT5PD7xPoLAc2gNkkz5936IUPIlYj%2F4TB1j%2BzmVVYATqPNppmdMooH%2FKujHhyzaDIyBcPqVOhzorkrC8Jf0W9%2BRSkSCsB7J%2BpLg8If5pfaS5PYt5xl%2FU%2Fdiafg20%2FX36acTigzH9gwb9NBOL5XnLMuHDgSzCHWKumZ6n0PA1y%2FPPZF%2BXuuyGOZSMtnCF3JSBRYRxSPg%2BsDxjpU8Y2dM7fPYQEZtzz%2FlZEbIWAoWNRDZE8lPCX13ioFF9ze2rZ9lCljAqUwGL6nx3MTjdfoKUAyvWbwQJBhB%2FolsFFRhAHxFxZTsNMYv4WlcrZmowzw4QAL0W2egISiy85wYNKrEnnAnH46klZP59cs5zOwUlUEevyTdp0So9bEK9wSnZBVhDLak4d5L7fk76hGbxQNLcfgRHeH6VwBdMSvQ6SecpUvVONfVvepctEOd9A31Yb0e5NPq4MNpMa9T%2Bbcz%2FnKwMnxar1PPqF8sdghm%2B60rOCKdp9n%2BhGAHIxc%2FlRq5CmkwKqkARHzXtKbsLUnQf0fYt1puTAjQwg%3D%3D

  6. @0+5
    „Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Es gibt nichts, was einem in diesem Land motivieren könnte, KEIN Verbrechen zu begehen, das ist das Problem.“

    a.a.0.,
    S.23

  7. „In diesem Sinn setzt jede Nachricht ein semantisches Übereinkommen voraus.“

    „In der Beweislehre bezieht sich der Begriff ENTSCHEIDUNGSVERFAHREN auf die Methoden der Beweisdindung für die Wahrheit oder Falschheit eines Satzes -oder einer Klasse von Sätzen- innerhalb eines gegebenen Systems. Der damit zusammenhängende Begriff ENTSCHEIDUNG bezieht sich auf die Frage, ob in einem gegebenen Fall eine Verfahren der eben beschriebenen Art besteht oder nicht. Ein Entscheidungsproblem hat daher eine positive Lösung, wenn eine Entscheidungsverfahren dafür gefunden werden kann, während eine negative Lösung in dem Nachweis besteht, daß kein Entscheidungsverfahren existiert. Entscheidungsprobleme sind deshalb entweder lösbar oder unlösbar.“

    Watzlawick, Paul, Janet H. Beawin, Don D. Jackson (1967): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern (Huber) ,
    10., unveränderte Auflage 2000
    S. 250

  8. Sinnstiftende Teilsysteme der Gesellschaft, wie Kunst und Religion (ursprünglich: Kultus und Mythos), stellen Kommunikationssysteme dar, die Erwartungen bündeln und einen Themenvorrat bereitstellen. Die soziale Funktion von Kunst und Religion ist in der Wechselbeziehung von Ästhetik und Kommunikation zu finden. Das Rätsel der Kreativität liegt in der Willkür des Anfangens begründet. Alle Kreation folgt laut Luhmanns „Die Kunst der Gesellschaft“ der Weisung, „draw a distinction, die keiner Begründung bedarf, weil sie alle weiteren Operationen erzeugt“. Ich lese das als Hinweis darauf, dass gerade das Schöpferische kein Zentrum hat, auch kein transzendentes, sondern dass es sich ins Werk setzt, indem es die eigene Unbegründbarkeit operationalisiert und sie doch immer auch ausstellt. Kunst und Religion sind Medien der Kommunikation, indem sie nicht festlegen, wie Künstler und Betrachter durch das Kunstwerk bzw. wie das Transzendente und die Gläubigen durch die Religion gekoppelt werden, aber gleichzeitig dafür sorgen, dass es dabei nicht beliebig zugeht. Lyrik ist also nicht bloß gereimte Prosa und ein Gebet nicht bloß fromme Worte.

  9. @ 11:
    SIC!

    „Wenn jemand sagt: „Uns fehlt die Technik“, setzt er voraus, daß wir einen neuen Ausdruck hätten, eine neue Art der Übermittlung, nicht die alte Art, wenn wir sie hätten. Aber woher weiß er, daß ich mit der Beschreibung auf eine neue Weise -nimm an, ich hätte eine Art von Beschreibung von kinästhetischen Empfindungen oder eine Art, Gesten zu beschreiben – das gleiche erhalte wie mit der Übermittlung einer Geste? Angenommen, ich sage „Ich spüre dort ein Kribbeln“ [die Finger fahren die Hand herunter]. Nimm an, ich hätte sechs Kribbelgefühle und eine Methode, jedes einzelne davon zu erzeuge. Nimm an, ich hätte eine Instrument so an meine Nervenenden angeschlossen, daß es einen elektrischen Strom, der durch meine Nerven geht mißt. Du erhältst die Instrumentenanzeige.“

    L. Wittgenstein
    Vorlesungen und Gespräche
    a.a.0.
    ISBN 3-596-14653-4,
    S. 60

  10. @11
    “Das Rätsel der Kreativität liegt in der Willkür des Anfangens begründet. Alle Kreation folgt laut Luhmanns „Die Kunst der Gesellschaft“ der Weisung, „draw a distinction, die keiner Begründung bedarf, weil sie alle weiteren Operationen erzeugt“.

    In der Architektur ist es „die Angst vor dem ersten Strich“..

  11. „Man muss sich auf die Bedeutungen von Zeichen einigen, was nicht so einfach ist.“

    Diese Einigungen bezüglich Bedeutungen sind @Michael „evolutionär“ …
    ich würde gerne hinzufügen phylogenetisch und ontogenetisch
    in allen 3 Phänomenbereichen ..

    und Bedeutungen sind kontextuell definiert „was dem inen sin Nachtigall ..

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