28.5 Wissen: Informationen, die in einen Praxiszusammenhang (= 2. Kontext) gestellt werden, sollen Wissen genannt werden.

Aus systemtheoretischer Sicht muss Wissen abweichend von der Umgangssprache im genannten Sinne definiert werden.

Bezogen ein Individuum oder ein soziales System heißt dies, dass sich ihr Wissen in ihren Handlungsmustern, ihrer alltäglichen Praxis, realisiert. Es ist in den intern ablaufenden Prozessen impliziert. Die Tatsache, dass ein
Akteur bis zu diesem Zeitpunkt in der Interaktion mit seinen relevanten Umwelten überlebt hat, beweist, dass sein Wissen ausreichend war. Das heißt aber nicht, dass dies so bleiben muss und wird. Diese Art des Wissens wird in den praktizierten Routinen zur Lösung von Problemen immer wieder aufs Neue „erinnert“. Es zeigt sich in der Weise, wie interne – handlungsleitende – Prozesse organisiert werden (bzw. sich selbst organisieren).

 

Literatur:

„Wissen entsteht, wenn Informationen in einen Praxiszusammenhang eingebunden werden und daraus eine neue oder eine veränderte Praxis erfolgt. Unter Wissen möchte ich deshalb eine auf Erfahrung gegründete kommunikativ konstituierte und konfirmierte Praxis verstehen. […] Aus Informationen wird Wissen, wenn Informationen in einen zweiten Kontext von Relevanzen eingebunden werden. Dieser zweite Kontext besteht nicht, wie der erste, aus Relevanzkriterien, sondern aus bedeutsamen Erfahrungsmustern, die das System in einem speziell dafür erforderlichen Gedächtnis speichert und verfügbar hält. Wissen ist ohne Gedächtnis
nicht möglich, aber nicht alles, was aus einem Gedächtnis hervorgeholt werden kann, ist Wissen.“

Willke, Helmut (2004): Einführung in das systemische Wissensmanagement. Heidelberg
(Carl-Auer).(Willke 2004, S. 33 f.




4 Gedanken zu “28.5 Wissen: Informationen, die in einen Praxiszusammenhang (= 2. Kontext) gestellt werden, sollen Wissen genannt werden.”

  1. Ich hätt’s ja wissen müssen:
    Ich baue eine neue Welt
    Mit vielen, vielen Küssen,
    Ohne das ganz dicke Geld,
    Der Herrgott gab mir Wissen.
    Zum Dank hab ich ihn angebellt
    Und Tag für Tag beschissen,
    ER ist die ärmste Sau der Welt.

  2. wenn Daten produziert werden, dann ist das für mich Dokumentation.

    Wenn die Dokumentationen „abgekupfert“ werden wie das sehr häufig in Lehrbüchern oder Kochbüchern – eigentlich dasselbe – passiert, dann ist das kein Wissen.
    Auszubildende / Schüler nutzen gerne das Internet um ihr notwendiges „Wissen“ zu dokumentieren, sie schreiben ab, es klingt dann „wissend“.
    Wenn dieses „Wissen“ im Handlungkontext geprüft wird fehlen dann die Worte und/oder Handlungen. Schlaues Reden und dann Stottern..

    Wissen im Handlungskontext zeigt sich in der Handlung.
    Und lange bevor Kinder beschreiben, benennen können was sie wissen, zeigen sie in ihren Handlungen was sie wissen.

    So ist es sehr schade, dass in unserer Daten-gläubigen Kultur Menschen, die Handlungswissen haben, die die Fähigkeit haben Handlungswissen zu kreieren, gezwungen werden dies zu dokumentieren und daran gemessen werden wie sie es dokumentieren können, um beruflich qualifiziert zu erscheinen.

  3. Mit Big Data kann sich die Gesellschaft wiederentdecken, sagt der systemische der Soziologe Armin Nassehi. Er entwickelt die These, dass bestimmte gesellschaftliche Regelmäßigkeiten, Strukturen und Muster das Material bilden, aus dem die Digitalisierung erst ihr ökonomisches, politisches und wissenschaftliches Kontroll- und Steuerungspotenzial schöpft. Das das hat seinen Preis: Die Gesellschaft wird zunehmend entzaubert, das Individuum verschwindet und Freiheit und Selbstbestimmung gehen flöten. https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/Gesellschaft-Armin-Nassehi-Im-digitalen-Zeitalter-fehlt-noch-echte-Selbstbestimmung,av-o1148646-100.html

  4. @2 Ja, die Datengläubigkeit ist eine echte Pönintenz …,
    Wobei diese in der Regel -vor allem in ihrer Blockwart-Form as following function- schließlich mittlerweile einzig und allein dazu dient, einer abrechnungstauglichen Versicherungs-Dokumentation Tribut zu zollen. Um anschließend dann auch auftragsgemäß den entsprechenden Sterne- Service-Stempel aufdrücken zu können .

    NB: Kurze Zischenfrage: Reicht es eigentlich nicht, erst einmal hinzuschauen über einen gewissen Zeitraum en detail zu beobachten, was eine(r) kann? Um beschreibend und untermalen nachvollziehen zu können, wie er/sie/es -quasi aus dem Nichts, genauer gesagt vermutlich aus einer schier unendlichen Fülle offenbar bereits lange schon erfahrener Eindrücke schöpfend – an eine Sache herangeht, um ihr Profil und Gestalt zu verleihen?

    „Der berühmteste Romhistoriker ist eigentlich Archäologe. An den Wänden seiner Wohnung hängen unterschiedlich Pläne er Stadt und ihrer Umgebung. Bei den Profilkarten kann man mit dem Finger über die Hügel fahren und ertasten, wie unterschiedlich hoch sie sind. Burckhardt stellt er über Ranke und sagt das, als wäre so ein Urteil heute die größtmögliche Provokation. Seine Frau bringt Holundersaft, der Fensterladen quietscht, die Wohnung ist alt. Er ist alt. Die Geschichte ist alt. Wozu also noch Theorieklettereien, wenn doch das Fischen an den Quellen viel mehr Ertrag bringt. Heute Morgen erst hätte er in den vatikanischen Archiven einen frühheuzeitlichen Gouverneur aus Kap Verde kennengelernt, erzählt er stolz. Der hatte an den Papst geschrieben und um Vergebung für eine Sünde gebeten. Apostolische Pönitentiarie heißt eine Institution der katholischen Kirche, die als ein Art zentrale Gewissensverwaltung postalische Ablassanträge aus aller Welt entgegennimmt. Die Akte dieses kurialen Gerichtshofs sind erst seit wenigen Jahren öffentlich zugänglich. Tausende Briefe wurde in den Archiven gesammelt, geschrieben von sündenfälligen Menschen, die sich an Rom wandten, um zu erklären, warum sie trotzdem gute Christen seien. Was für eine entlastende Wirkung muss das auf die Seele gehabt haben: ein ehrlicher Sünder zu werden durch einen offenherzigen Brief. “

    Strauss, Simon „Römische Tage“, a.a.O, S. 67

    Wenn man sich nur mal überlegt, was o.g. Masters-of-Outing mit ihrem „I forgive you & now forget it“ in ihren von Anbeginn kontrovers angelegten diversen Beschwörungs-Modulen nunmehr seit über knapp mehr als zwei Jahrtausenden an Rendite eingefahren haben, um ihre eigenen wie auch fremden Blagen vom Nebengleis durchzufüttern, dann könnte man eigentlich nur noch vor Neid erblassen bzw. voller Erstaunen auf die Knie fallen, oder?

    https://www.youtube.com/watch?v=z85iqfprcRI

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