28.6 Können: Informationen, die in einen Produktionszusammenhang bzw. zielorientierten Handelns (=2. Kontext) gestellt werden, sei es die Herstellung von Objekten, Dienstleistungen, Ereignissen, Kunstwerken oder körperlichen Leistungen etc., sollen Können genannt werden.

Zwischen Wissen und Können besteht nur ein gradueller Unterschied, denn auch Wissen ist ja immer handlungsbezogen. Aber es erscheint trotzdem sinnvoll beides analytisch zu trennen, weil es beim Können um spezielle Formen des Verhaltens handelt, um „technische Fähigkeiten“, die in der Regel eines spezifischen Trainings, einer Lehre oder Ausbildung bedürfen, da sie nicht nebenbei und ohne Entscheidung dazu durch das alltägliche Leben selbst (in einem sozialen Kontext) erworben werden.

Dirk Baecker (1999) weist auf die bereits im klassischen Altertum vorgenommene Unterscheidung zwischen Praxis und Poiesis hinWenn wir die hier vorgeschlagene Differenzierung zwischen Wissen und Können betrachten, so gehört die Praxis zum Bereich des Wissens, das Können zu dem der Poiesis. Diese Unterscheidung  stammt von Aristoteles (Nikomachische Ethik/Poetik). Er definiert Praxis als ein Handeln, das als „Tätigkeit“ nicht auf davon unterscheidbare Ziele gerichtet ist (s. Nikomachische Ethik). Dem stellt er (in seiner Poetik) die Poiesis gegenüber und er bewertet sie höher als einfaches Tätigsein. Dabei wird ein Werk geschaffen – im engeren Sinne: einer Dichtung -, was besonderer Kompetenzen und Entscheidungen bedarf. In seiner Poetik schreibt er über Dichtung – insbesondere das Drama, die Tragödie -, was für die Analyse bzw. Synthese spezifischer sozialer Systeme von Bedeutung ist, da es nach Aristoteles um die „Zusammensetzung von Handlungen“ geht. Wenn man so will: um die zielgerichtete Konstruktion von Prozessen, die sich außerhalb der Dichtung und im Gegensatz dazu – d.h. im alltäglichen Leben – als Praxis selbstorganisiert entwickeln (so würde man das heute einordnen(.

Die Tragödie erscheint dabei von besonderer Bedeutung, da sie die Lage des Menschen, der mit pragmatischen Paradoxien konfrontiert und in sie verstrickt ist, darstellt und dem entsetzten Zuschauer vor Augen hält (vgl. auch Sätze 46ff.).

Wenn man, um noch einmal auf die beiden Begriffe Praxis und Poiesis zurückzukommen, die aristotelische Herkunft und Intention des Begriffs der Poiesis analysiert, fragt man sich zunächst, ob Maturanas Wahl von „Autopoiesis“ für Leben sehr glücklich ist. Die Kognition, von der er spricht, wenn er lebende Systeme als kognitive Systeme definiert, entspricht dem, was als Praxis im aristotelischen Sinne betrachten kann (dessen Grundlage Wissen – wie oben definiert – ist). Allerdings, wenn man Überleben als Ziel das den Prozess des Lebnes als Schaffung und Erhaltung eines Werkes (des eigenen Körpers, des Bewusstseins oder auch eines sozialen Systems) ansieht, dann wird wieder ein Schuh draus. Dann ist es nicht nur sich selbst genügende Tätigkeit, sondern ein Können, das für den Erfolg und die Herstellung und Erhaltund des „Werkes“ sorgt.

 

 

Literatur:

„Die Praxis ist in ihrem griechischen Begriff (…) all das, was man tun kann, ohne etwas hervorzubringen. Die Praxis genügt sich selbst. Nicht die Theorie ist bei den Griechen der Gegenbegriff zur Praxis, sondern die Poiesis. Wenn jemand praktisch handelt, liegt der Sinn der Handlung ausschließlich in der Handlung selbst. Schwimmen wäre dafür ein Beispiel, oder Rauchen. Sobald etwas beabsichtigt wird oder produziert wird, was über die Handlung selbst hinausreicht, handelt es sich um Poiesis.“ Und ein paar Seiten weiter: „Vielleicht führt es weiter, zur Bestimmung des Unternehmerischen auf den aristotelischen Gegenbegriff zur Praxis zurückzugreifen, nämlich auf den oben bereits genannten Begriff der Poiesis. Beim Begriff der Praxis liegt der Akzent auf Handlungen, die sich selbst genügen. Beim Begriff der Poiesis geht es dagegen um Handlungen, die außerhalb ihrer selbst ein Werk hervorbringen. Interessant ist daran, daß diese Poiesis nicht etwa creatio ex nihilo ist, sondern Produktion in jenem Sinne, daß zur Hervorbringung eines Werkes Umstände erforderlich sind, die man zum Teil selbst kontrolliert, zum Teil jedoch nicht kontrollieren kann. Das alte Verständnis der Agrikultur stellt in genau diesem Sinne auf Poiesis ab: Man kann nur produzieren, wenn die Natur mitspielt.“

Baecker, Dirk (1999): Perspektiven einer Fakultät für Wirtschaftswissenschaften. In: ders. (1999): Organisation als System: Aufsätze. Frankfurt (Suhrkamp), S. 297–329.

„Jede Kunst und jede Lehre, desgleichen jede Handlung [im griech. Original: praxis, Anm. FBS] und jeder Entschluß, scheint ein Gut zu erstreben, weshalb man das Gute treffend als dasjenige bezeichnet hat, wonach alles strebt. Doch zeigt sich ein Unterschied der Ziele. Die einen sind Tätigkeiten [im griech. Original: praxeis, Anm. FBS], die anderen noch gewisse Werke oder Dinge außer ihnen. Wo bestimmte Ziele außer den Handlungen bestehen, da sind die Dinge ihrer Natur nach besser als die Tätigkeiten.

Da der Handlungen, Künste und Wissenschaften viele sind, ergeben sich auch viele Ziele“

Aristoteles: Nikomachische Ethik. Philosophische Schriften Bd. 3. Hamburg (Felix Meiner) 1995, S. 1.

„Von der Dichtkunst selbst und von ihren Gattungen, welche Wirkung eine jede hat und wie man die Handlungen zusammenfügen muß, wenn die Dichtung [im griech. Original: poiesis, Anm. FBS] gut sein soll, ferner aus wie vielen und was für Teilen eine Dichtung besteht, und ebenso auch von den anderen Dingen, die zu demselben Thema gehören, wolle wir hier handeln, inde wir der Sache gemäß zuerst das untersuchen, was das erste ist.“

Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Stuttgart (Reclam) 1982, S. 5.

 




7 Gedanken zu „28.6 Können: Informationen, die in einen Produktionszusammenhang bzw. zielorientierten Handelns (=2. Kontext) gestellt werden, sei es die Herstellung von Objekten, Dienstleistungen, Ereignissen, Kunstwerken oder körperlichen Leistungen etc., sollen Können genannt werden.“

  1. „In der Philosophie bezeichnet der Begriff Poiesis (von altgriechisch ποιέω ‚machen‘) ein (im Kontrast zum praktischen und theoretischen Handeln stehendes) zweckgebundenes Handeln (Aristoteles: Poietik).
    Während in der Praxis das Handeln Selbstzweck ist (Freizeit, Kunst, Meditation), ist poietische Arbeit darauf ausgerichtet, etwas zu produzieren oder auf dem Umweg der Arbeit einen anderen Zweck (z. B. Bezahlung oder Vorteil) zu erreichen. Poietische Handlungen sind eher in sich abgeschlossen und erreichbar (definierter Endzustand > materielles Produkt > Gebrauchsobjekt). Aristoteles hebt insbesondere das Kriterium der Lehrbarkeit und präzisen Beschreibbarkeit der Handlungsschritte des poietischen Handelns hervor, die durchgeführt werden müssen, um ein Werk oder Werkstück herzustellen. Mit der Vollendung eines solchen Werkstücks ist die poietische Handlung abgeschlossen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Poiesis

  2. Nun gut … @ 0
    „Da der Handlungen, Künste und Wissenschaften viele sind, ergeben sich auch viele Ziele“.

    und wenn’s denn halt heute und jetzt sein muß.
    Zwar wär mir beinahe die Weißwurst angebrannt, beim Nachschlagen, was das nun wieder bedeuten soll und in wessen Kalkül es im Einzelnen liegt, sich an dieser Stelle ausgerechnet auf Aristoteles zu beziehen, um sein Glück zu machen,
    aber sei’s drum …

    “ Die bis heute umstrittene Frage, worin das Strebensglück denn bestehe, erörtert Aristoteles entlang von BIOI. Damit sind Lebensformen gemeint, man kann auch sagen: Lebensentwürfe oder Sinnhorizonte, jedenfalls Grundmuster, nach denen man sein Leben als ganzes führt und unter denen, da es sich um Alternativen handelt, eine Wahl zu treffen ist. (bion probairoumenoi. I 3, 1095b20).

    Schon diese Art, das Glück zu diskutieren, enthält wichtige Aussagen. Erstens deutet sie eine Schwierigkeit an, die jede Lebenserfahrung bestätigt: Man strebt nach Glück und kann trotzdem nicht unmittelbar darauf hinarbeiten, das Glück selber ist keine Gegenstand einer Wahl oder Entscheidung: man kann sich nicht entschließen, glücklich zu werden. Entschließen kann man sich aber zu einer Lebensform, die dasGlück mit gutem Grund erwarten läßt. Der Versuch von Utilitaristen wie Bentham, das Glück zu berechnen und zu diesem Zweck ein „hedonistisches Kalkül“ zu entwerfen, erscheint im Vergaich zu Aristoteles als naiv. Auf die Frage nach dem Glück bedarf es zunächst einer dreistufigen Antwort; und diese geht über die Verbesserung über die Verbesserung des Utilitarismus zum sog. Regelutilitarismus hinaus:

    (1) Man suche eine glückstaugliche Lebensstrategie;
    [FN (1)]: Annas, J. 1993, the Morality of Happiness, New York/Oxford.

    (2) in ihrem Rahmen entwickle man Grundhaltungen („Tugenden“);
    [FN (2)]: Bien, G. 1981, Aristotelische Ethik und Kantische Moraltheologie, in: Freiburger Universitätsblätter, Heft 1973, 57-74.

    (3) erst von ihnen aus läßt sich das konkrete Handeln bestimmen.
    [FN (3)]: Chapman, J.W./Galston, W.A. 1992, Virtue, In: Nomos Bd. XXXIV, New York

    Aristoteles
    Die Nikomachische Ethik
    Hrsg. von Otfried Höffe
    Akademie Verlag GmbH,
    Berlin 1995, Bd. 2
    S. 301 f

  3. @28.6
    Was wäre, wenn man das Wort „Informationen“ durch den Ausdruck „Fähigkeiten und Fertigkeiten“ austauschen würde?
    Ich fände es besser, das Wort „Zusammenhang“ im Ausdruck: „Informationen, die in einen Produktionszusammenhang bzw. zielorientierten Handelns (=2. Kontext) gestellt werden“ zu wiederholen. Etwa so: „Informationen, die in einen Produktionszusammenhang gestellt werden bzw. in einen Zusammenhang zielorientierten Handelns (=2. Kontext)“.

  4. @3 … woraus beziehen Sie denn aus der Textauswahl aktuell den Verweis auf „Informationen, die in einen Produktionszusammenhang bzw. zielorientierten Handelns (=2. Kontext) gestellt werden“?
    Oder meinen Sie etwa nur die als Überschrift gedachte Definition in 28.6?

    Dann müßte m.E. Kap. 28 aber die gesamte Überschrift auch noch durch „Können“ ergänzt werden. Denn an 28.6 mangelt es auch, sofern man die Texte in 28.6 von 28.6.1 bis 28.7.3 durchforstet.

    Eingebunden in die Überschrift „28 Kognitive Systeme: …“ sind eigentlich nur fünf Komponenten:

    Daten,
    Informationen,
    Wissen,
    Lernen,
    Intelligenz

    …während anschließend alle Neune durchgehechelt bzw. durchge –
    hegelt oder.auch – häkelt werden.
    Besonders schmerzlich aus der Verankerung gerissen,
    liest sich das im Zusammenhang von Ver- vs. Entlernen.

    Und schlußendlich bedarf es dann schon eines Experten -wahlweise einer Expertin, was heutzutags nicht vergessen werden darf-
    um das hier:

    „Allerdings, wenn man Überleben als Ziel das den Prozess des Lebnes als Schaffung und Erhaltung eines Werkes (des eigenen Körpers, des Bewusstseins oder auch eines sozialen Systems) ansieht, dann wird wieder ein Schuh draus.“

    „auseinanderzuglamüsern.“
    [keine Ahnung wie man das schreibt]

  5. Zum Überleben gehören auch Fähigkeiten und Fertigkeiten – nicht bloß: Daten, Informationen, Wissen, Lernen, Intelligenz.

  6. Schon richtig,
    aber was ist, wenn einem plötzlich,
    sprich von jetzt auf gleich, die bisher sicher geglaubten
    F&Fs flöten gehen?

    Kann ja passieren, wenn einen der Schlag trifft
    oder eine Dachziegel auf den Kopf trifft …;
    … um mit Vollgas gegen die Mauer ganz zu schweigen

    Das Alter besagt – in diesem Zusammenhang- rein garnichts.
    Im Zusammenhang mit der „Denk-Maschine“ allerdings ziemlich viel.

    GONG!

  7. nun, um’s kurz zu machen:
    (bin schließlich langjährig bekannt als glühende Verehrerin von HvF – Zitaten)
    [ich finde zwar auf die Schnelle nicht die exakte Stelle, wo es sich um „Leben vs. Überleben“ dreht und muß mich jetzt auch fertigmachen zum Ausgang bzw. Ausklang …

    und der Plan – wenn er denn aufgeht- geht so:

    Montag: Materie
    Dienstag: Leben
    Mittwoch: Sensomotorik
    Donnerstag: Kognition
    Freitag: Sprache
    Samstag: Foerster-Heuristiken
    Sonntag: Ruhe

    … un was hammer heit?

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