28.7.2 Der Erwerb von Wissen/Können erfolgt in einem historischen Prozess (= Erfahrung, Gewohnheitsbildung, evolutionäre Selektion, Training…).

Da die Überlebenseinheit jeweils aus einem autopoietischen System und seinen relevanten Umwelten besteht, ist dessen aktuelles Wissen/Können immer durch die Geschichte der Interaktionen/Kommunikationen zwischen System und Umwelt bestimmt. Beide Seiten perturbieren/irritieren sich gegenseitig, sodass sie jeweils „gezwungen“ sind, sich aneinander anzupassen (qua Assimilation und/oder Akkomodation). Dabei sind die Veränderungen des autopoietischen Systems strukturdeterminiert.

Humberto Maturana nennt diesen Prozeß „strukturelles Driften„. Ein Prozeß, den weder das System noch eine seiner Umwelten einseitig steuern können. Deswegen ist das Bild des Driftens so passend (wie, wenn ein Segelboot in Stürme und Strömungen gerät, die es nicht kontrollieren kann, auf die es – bzw. der Skipper – aber reagieren kann: durch Kreuzen, Segel reffen usw.

Im allgemeinen wird solch ein Lernprozess auch als „Versuch-Irrtum-Methode“ bezeichnet. Dieser Begriff ist allerdings insofern mißverständlich, als er suggeriert, es würde aktiv nach einer bestimmten, „richtigen“ Lösung gesucht. Diese Zuschreiebung einer Intention zu dem von Maturana „Driften“ genannten Prozess, erfolgt ab in der Regel erst, nachdem der „Erfolg“ sicher ist, um dem Ganzen des Anschein einer rationalen Prozessgestaltung zu geben. Das ist – um beim Vergleich mit dem Driften zu bleiben – als ob die Besatzung eines Schiffs, das ohne Steuerruder auf dem Ozean treibt, auf einer Insel landet und einen Schatz findet, behaupten würde, es haben bewusst den Kurs auf diese Schatzinsel eingeschlagen…Von Ross Ashby stammt daher der Vorschlag, die Formulierung „Versuch und Irrtum“ durch „Suchen und Fassen“ zu ersetzen.

 

Literatur:

„Wenn die strukturelle Kopplung eines Organismus an sein Medium im Laufe der Evolution erfolgt, dann ist die Struktur des Organismus in einem bestimmten Moment das Ergebnis dieser Evolution, d.h. eines Entwicklungsprozesses, und nicht Resultat der individuellen Interaktionsgeschichte des Organismus. Jedes von einem Organismus festgestellte Verhalten, das durch eine Zustandsdynamik bestimmt wird, die von Strukturen abhängig ist, welche von der Spezies im Verlaufe der Evolution erworben worden sind, wird vom Beobachter Instinktverhalten genannt. Entwickelt sich jedoch die Koppelung der Struktur des Organismus an sein Medium im Verlaufe seiner Ontogenese  und ist sein Nervensystem daran beteiligt, dann kann ein Beobachter von Lernen sprechen, weil er adäquates Verhalten als Ergebnis der Zustandsdynamik eines Nervensystems beobachtet, dessen Struktur durch Erfahrung ausgebildet (selektiert) worden ist. Wenn der Beobachter unter diesen Umstaänden zwischen gelerntem Verhalten und Instinktverhalten zu unterscheiden sucht, wird er feststellen, daß beide Verhaltensweisen in ihrer konkreten Verwirklichung in gleicher Weise durch die Strukturen des Nervensystems bzw. des Organismus determiniert und in dieser Hinsicht föllig ununterscheidbar sind. Die Unterscheidung zwischen gelerntem und instinktivem Verhalten gehört ausschließlich zur Geschichte der Herstellung der für sie verantwortlichen Strukturen.“

Maturana, Humberto (1978): Biologie der Sprache:die Epistemologie der Realität. In: ders. (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S.  254.

„An dieser Stelle ist es vielleicht wichtig zu erwähnen, daß die übliche Bezeichnung »Versuch und Irrtum« ungefähr so irreführend ist, wie sie nur sein kann. »Versuch« steht im Singular; das wesentliche Merkmal der Methode ist aber, daß die Versuche ständig weitergehen. »Irrtum« ist ebenso falsch gewählt, denn das wichtige Element ist der schließliche Erfolg. »Suchen und Fassen« (»hunt and stick«) scheint mir den Vorgang sowohl anschaulicher als auch genauer zu beschreiben.“

Ashby, W. Ross (1956): Einführung in die Kybernetik. Frankfurt (Suhrkamp) 1974, S. 333.




13 Gedanken zu „28.7.2 Der Erwerb von Wissen/Können erfolgt in einem historischen Prozess (= Erfahrung, Gewohnheitsbildung, evolutionäre Selektion, Training…).“

  1. Auch Flugzeuge und Heißluftballons driften zuweilen ab, wenn der Wind zu stark bläst – ähnlich wie meine Kommentare, wenn meine Phantasie überhand nimmt.

  2. @1: Aber Ihr Driften ist kein strukturelles Driften, da sich Ihre psychische Struktur durchs assoziative Abdriften nicht ändern dürfte…

  3. Das wäre ja noch schöner. Meine psychische Struktur assimiliert und akkommodiert sich ständig an seine Umwelten – versuchsweise. Diese Umwelten (derzeit: Gattin, Chef, Kollegen; früher: Eltern, Lehrer, Peers) penetrieren und perturbieren permanent meine Psyche, die sich nach Kräften dagegen sträubt und alle möglichen Aus- und Abwege sucht, um dem zu entgehen (autopoietisch, vulgo: dickköpfig).

  4. Alles nicht ganz so einfach, um nicht am Blogsberg zu zerschellen bzw. überm Wiesengrund abzustürzen. …
    In weiser Voraussicht, Druck abzulassen bzw. Volumen zu reduzieren, kann helfen, noch bevor es zum Höhenkoller, gefolgt u.a.auch vom Platzen von Blasen kommt.

    Man muß -je nach Ausgangslage und das nächstgelegende Ziel vor dem inneren Auge – schon einzuschätzen wissen, an welchem Punkt man -strukturdeminierte- (noch) ansetzen kann .

    Und was Arbeiten an der Blackbox von psychischen Strukturen angeht, erscheint es bisweilen hilfreich, wenn -ohne durch Höhenflüge falsche Hoffnungen bzw. auch schlafende Hunde zu wecken- der Einsatz von zur Anwendung kommenden Instrumentarien nicht nur provokant anzulegen, sondern auch drosseln und mit Schweigemantel belegen zu können, bevor die Sensomotorik sich aufmacht, Rückschläge zu bewirken. Sich zwischenzeitlich in Bewußtlosigkeit fallen zu lassen, ohne unentwegt an alten Wunden zu kratzen bzw. diese aufzureißen, mag auch ein lebenserhaltender und funktional zweckdienlicher Schutzmechanismus sein. Ein Ansatz
    Hier dürften „psychische Systeme“ auch noch viel auszuhandeln und zu lernen haben, vor allem im Hinblick auf wirksame Schutzmechanismen sowie Aus- und Abgleich der unterschiedlichsten Perspektiven von Fehlleitungen innerhalb eines Zusammenspiels.
    (Danke im übrigen für den Kommentar zum „Ermutigende Urteil“)

    Denn gleichgültig, wo man ansetzt, entwickelt sich alles rückbezüglich relativ. Die Anwendungen eines schonenden Umgang mit Differenzen lebenserhaltender Kernfunktionen, die sich stets zeitnah im Hier und Jetzt manifestieren, muß man nicht nur erlernt haben und kennen, sondern auch adäquat zielgerichtet einsetzen können. (vgl. Ansätze zum Umgang mit der Physiologie und den Druck/Volumen-Differenzen der Compliance).

    https://de.wikipedia.org/wiki/Compliance_(Physiologie)

  5. und hier geht’s die Grenzen programmierender, aber in der Praxis an der Realität vorbeizielender Theoretiker, um manipulatierte Umleitungen ….

    und wie die Kunst -im praktischen Ansatz- aussehen könnte, derartiges zu unterbinden ohne durch Einschüchterung dem Status eines üblicherweise unterwürfig angelegten Gehorsams in angstbasierten Abwehr zu verfallen.

    „Hirne hacken“
    https://www.youtube.com/watch?v=BreKdM7CKnY

    nur was macht man, wenn auch die ITler (noch) besoffen sind?

  6. @5 „(Danke im übrigen für den Kommentar zum „Ermutigende Urteil“)“

    Dank an wen? Kommentar zu was?

  7. @5 „überm Wiesengrund abzustürzen“

    Der Philosoph Odo Marquard stellte fest, dass jeder studentische Geisteswissenschaftler in den 1960er- bis 1980er-Jahren den Denk- und Schreibgestus Adornos „wie die Masern“ überstehen musste. „Philosophie muss von der Art sein, dass zumindest der Autor sie versteht“, sagte der Gießener Philosoph, der sich selbst einen „Transzendentalbelletristen“ nannte. „Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt“, lautet einer seiner oft zitierten Sätze.

  8. @8 Kennen Sie Odo Marquard?
    „Die Falle affirmativer Kritik umgeht Marquard durch Fügungen wie: „Ich bin ein Modernitätstraditionalist“. Wenn es immerhin die Moderne ist, die konservativ festgehalten werden soll, wird auch der Mann vom linken Geist in Versuchung geführt. Er läßt womöglich die Finger von der Schublade. Doch was für eine Moderne ist es, die da gerettet werden soll? Eine, „… die als Wille zur Mündigkeit, d. h. zum Erwachsensein den Mut zur Nüchternheit zur Routine macht. Man darf, weil man von Usancen ohne Not nicht abweichen soll – auch von dieser Tradition (der Usance Modernität) nicht ohne Not abweichen.“
    Usualismus, das Lob der Üblichkeiten, ist nun keineswegs selber üblich. Es ist ja auch der neue Begriff eines Denksolisten, aber Usualismus ist notwendig zur Bewältigung dessen, was Marquard und seine „geschichtstheoretischen Hausgötzen und modernitätstheoretischen Penaten“ Hermann Lübbe und Reinhart Kosellek für die Grundfarbe des Zeitalters halten, seine „Wandlungsgeschwindigkeit“, ihr „Innovations- und Veraltungstempo“, seine zunehmende „Komplizierungsrasanz“. Es heißt bei ihm: „… das Änderungstempo der Lebensverhältnisse – des Abbaus von Vertrautheit und der Produktion von Fremdheit – zieht an: Alles fließt und zwar immer schneller.““
    https://www.zeit.de/1987/16/keine-theorie-soll-herrschen/komplettansicht

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