28.8 Lernen: Quantitativ und/oder qualitative Veränderungen des Wissens/Könnens eines kognitiven Systems soll als Lernen bezeichnet werden.

Über Lernen kann man nicht sprechen, ohne über Wissen oder Können zu sprechen. Denn mit dem Begriff „Lernen“ wird eine Veränderung beschrieben. Gregory Bateson vergleicht ihn mit dem Begriff „Beschleunigug“. Denn wenn man von Beschleunigung spricht, so spricht man über die Veränderung von Geschwindigkeit.

Was der Beschleunigung die Geschwindigkeit, ist dem Wissen oder Können das Lernen. Und diese Veränderung kann bei Null starten (= es wird nicht gelernt) und sich dann steigern…

Bateson unterscheidet der „logischen Typenlehre“ folgend unterschiedliche Stufen des Lernens (lernen, lernen zu lernen, lernen zu lernen zu  lernen usw.), die er Lernen 0, Lernen I, Lernen II, Lernen III nennt. Dabei entspricht  Lernen 0 dem, was man auf Deutsch als »informiert werden« bezeichnen würde; z.B. sagt man im Englischen »I learned it was twelve o’clock«, was man im Deutschen  nicht als lernen bezeichnen würde.

 

Literatur:

„Das Wort »Lernen« bezeichnet zweifellos eine Veränderung irgendeiner Art. Zu sagen, um was für eine Art der Veränderung es sich handelt, ist eine schwierige Angelegenheit.

Wir können jedoch von dem groben Hauptnenner »Veränderung« deduzieren, daß unsere Beschreibungen des »Lernen« genauso die Mannigfaltigkeit logisccher Typen berücksichtigen müssen, wie dies in der Physik seit der Zeit Newtons gang ung gäbe war. Die einfachste und bekannteste Form der Veränderung ist Bewegung, und selbst wenn wir auf dieser sehr einfachen physikalischen Ebene arbeiten, müssen wir unsere Beschreibungen mit Hilfe von »Position oder Ruhelage«, »konstante Geschwindigkeit«, »Beschleunigung«, »Maß der Veränderung von Beschleunigung« und so weiter strukturieren.

Veränderung bedeutet Prozeß. Aber Prozesse sind selbst der »Veränderung« unterworfen. Der Prozeß kann sich beschleunigen, er kann sich verlangsamen, oder er kann andere Typen der Veränderung durchlaufen, so daß wir sagen werden, daß es sich nunmehr um einen »anderen« Prozeß handelt.“ (S. 366)

[…]

„In gewöhnlinicher, nichttechnischer Redeweise wird das Wort »Lernen« häufig auf das angewandt, was hier als »Lernen null« bezeichnet wird, d.h. aufdie einfache Informationsaufnahme von einem äußeren Ereignis, dergestalt, daß ein ähnliches Ereignis zu einem späteren (und geeigneten) Zeitpunkt dieselbe Information übermitteln wird: Ich »lerne« von der Werkssirene, daß es zwälf Uhr ist.“ (S. 367f.)

[…]

Lernen I

Folgt man der formalen Analogie, die sich aus den »Gesetzen« der Bewegung ergibt (d.h. den Regeln der Beschreibung von Bewegung), dann hat man sich jetzt nach der Menge von Phänomen umzusehen, die passen als Verändreungen im ‚Lernen null‘ beschrieben werden (wie »Bewegung« die Veränderung der Position beschreibt). Dies sind die Fälle, in denen ein Einzelwesen zum Zeitpunkt 2 eine andere Reaktion zeigt als zum Zeitpunkt 1, und erneut  begegnen wir einer Vielfalt von Fällen, die unterschiedliche auf Erfahrung, Physiologie, Genetik und mechanische Prozesse bezogen sind.“ (S. 370f.)

[…]

Lernen II

(…) In der Literatur sind verschiedene Termini für die verschiedenen Phänomene dieser Klasse vorgeschlagen worden. »Deutero-Lernen«, »Set-Lernen«, »Lernen lernen« und »Lerntransfer« seien hier erwähnt.

Wir rekapitulieren und erweitern die Definitionen, soweit sie vorliegen:

Lernen null ist durch die spezifische Wirksamkeit der Reaktion charakterisiert, die – zu Recht oder zu Unrecht – keiner Korrektur bedarf.

Lernen I ist Veränderung inder spezifischen Wirksamkeit der Reaktion durch Korrektur von Irrtümern der Auswahl innerhalb einer Menge von Alternativen.

Lernen II ist Veränderung im Prozeß des Lernens I, z.B. eine korrigierende Veränderung in der Menge von Alternativen, unter denen die Auswahl getroffen wird, oder es ist eine Veränderung in der Art und Weise, wie die Abfolge der Erfahrung inerpunktiert wird.

Lernen III ist Veränderung im Prozeßdes Lernens II, z.B. eine korrigierende Veränderung im System der Mengen von Alternativen, unter denen die Auswahl getroffen wird. (…)

Lernen IV wäre Veränderung im Lernen III, kommt aber vermutlich bei keinem ausgewachsenen lebenden Organismus auf dieser Erde vor. Der Evolutionsprozeß hat jedoch Organismen hervorgebracht, deren Ontogenese sie zum Lernen III bringt. Die Verbindung von Ontogenese und Phylogenese erreicht in der Tat Ebene IV.“ (S. 378f.)

Bateson, Gregory (1964): Die logischen Kategorien von Lernen und Kommunikation. In: ders. (1972): Ökologie des Geistes. Frankfurt (Suhrkamp) 1981.




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