28.8.1 Durch den Prozess des Lernens wird altes Wissen/Können durch neues Wissen/Können modifiziert, ergänzt oder ersetzt.

Wie dieses Lernen erfolgt, ist gut am Beispiel des Meteorologen zu studieren, der im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ immer wieder denselben Tag zu durchleben hat. Zunächst ist er erschüttert, dass dies so geschieht. Es dauert aber nicht lange, dass er die Chance in diesem täglichen da capo erkennt. Er will eine Kollegin anbaggern, aber scheitert bei seinen ersten Versuchen. Im Laufe einiger Tage, an denen er sich immer wieder im selben Restaurant zur selben Zeit mit ihr trifft, erfährt er vieles über ihre Interessen, ihre Geschichte, ihre Vorlieben, so dass er dieses Wissen dann am nächsten selben Tag nutzen kann, um die beidseitige Geistes- und Seelenverwandtschaft zu demonstrieren.

Das ist eine hübsche Fiktion, die durch ihre Abweichung von unserem alltäglichen Erleben hilft uns bewusst zu machen, was wir tun, wenn wir lernen: Wir behandeln unterschiedliche Situationen und Sachverhalte, als wären sie identisch. Nur so können wir aus Erfahrung lernen: Wir können zwar nicht zweimal in denselben Fluss/Tag steigen, aber wir können so tun, als ob wir immer wieder in denselben Fluss steigen. Deshalb könne wir aus dem ersten Mal etwas für das zweite und alle weiteren Male lernen. Wir können das tun, weil unser Wissen und Lernen nicht die tatsächliche Welt um uns herum repräsentiert, sondern wir konstruieren sie uns…

Alle Modelle des Repräsentatismus sind aus Sicht der Theorie autopoietischer Systeme fehlgeleitet. Das Wissen des Individuums (oder eines sozialen Systems) muss gut genug zum Überleben sein, das heißt aber nicht, dass es irgendwie die äußere Welt intern abbilden muss.

 

Literatur:

„Jede Beschreibung des Lernens im Sinne des Erwerbs eine Repräsentation der Umwelt ist daher bloß metaphorisch und ohne jeden Erklärungswert. Außerdem ist eine derartige Beschreibung notwendig irreführend, da sie ein System voraussetzt, das instruktiven Interaktionen unterliegt; ein solches System ist daher epistemologisch ausgeschlossen. Das Problem wird außerdem einfacher, wenn keinerlei Instruktionsvorstellung verwendet wird, denn Lernen erscheint dann als forgesetzte ontogenetische Verkoppelung der Struktur eines Organismus mit seinem Medium, und zwar im Prozeß dessen Richtung durch den selektiven Strukturwandel des Organismus determiniert wird, wie er ständig durch das Verhalten bewirkt wird, das der Organismus durch seine in vorausgegangenen plastischen Interaktionen selektierte Struktur erzeugt.“

Maturana, Humberto (1978): Biologie der Sprache:die Epistemologie der Realität. In: ders. (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S.  254.

 

 

 




3 Gedanken zu „28.8.1 Durch den Prozess des Lernens wird altes Wissen/Können durch neues Wissen/Können modifiziert, ergänzt oder ersetzt.“

  1. Übung macht den Meister. Also besteht für mich noch Hoffnung, dass ich durch den selektiven Strukturwandel meines Organismus, also durch das tägliche Lernen, wie ich meine Kollegin erfolgreich anbaggern kann, bald zum Erfolg komme.

  2. Das Verlernen von Glaubenssätzen, also biographisch tief verwurzelten privaten Lebensweisheiten, ist deshalb so schwierig, weil diese Glaubenssätze mit Vorteilen bzw. vermeintlichen Vorteilen verbunden sind. Wenn ich es also niemals schaffen werde, meine Kollegin erfolgreich anzubaggern, hängt das womöglich mit meinem Glaubenssatz zusammen, dass ich ein treuer Ehemann sein soll und auch mit Überzeugung bin. Das bietet Sicherheit für alle Beteiligten: meine Kollegin, meine Frau und mich. Diese Sicherheit wiegt schwerer als mein heimlicher Wunsch, dass mich alle schönen Frauen liebens- und begehrenswert finden. (In dieser Hinsicht beneide ich Sie!)

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