29.2.2 Den Verhaltensweisen des Kindes wird von den Interaktionsteilnehmern Bedeutung zugewiesen (z.B. „hat Hunger“, „ist müde“, „hat Bauchschmerzen“ etc.), aufgrund deren sie mit einem eigenen Verhalten reagieren.

Was immer das Neugeborene tun mag – Schreien, Weinen, Lächeln, Schlafen usw. -, seinem Verhalten wird eine Bedeutung zugewiesen und die Menschen, die mit ihm direkt zu tun haben,  wählen ihre eigenes Verhalten entsprechend der Interpretationen, die sie dem kindlichen Verhalten geben. Wenn ein Baby schreit, kann dies als als Ausdruck von Bauchschmerzen oder des Hungers oder irgendeines anderen, nicht direkt beobachtbaren Zustandes oder Prozesses im Körperinneren des Kindes „verstanden“ werden. Wenn es als Zeichen von Hunger genommen wird, dann wird das Kind meist gestillt (es sei denn, die Betreuungspersonen glauben, Schreien sei gut für die Lungen) oder ihm wird ein Fläschchen mit Babynahrung zubereite usw.

Das Verhalten des Kindes „an sich“ hat keine Bedeutung, aber es gewinnt sie durch derartige Zuschreibungen durch seine Interaktionspartner bzw. die Kommunikation innerhalb des sozialen Systems, das für das Kind nun zur relevanten, das Überleben sichernden Umwelt geworden ist. Das schließt nicht aus, dass das Ausdrucksverhalen des Kindes tatsächlich das ausdrückt, was bzw. wie es den Augenblick erlebt.

 

Literatur:

„Wir wissen nun einmal nicht, ob Säuglinge das, was ihr Gesicht, ihre Stimme und ihre Körper uns so eindringlich zu vermitteln scheinen, tatsächlich empfinden; doch es fällt schwer, angesichts dieser Ausdrucksfähigkeit nicht auf eine entsprechende Empfindungsfähigkeit zu schließen. Daß Säuglinge anfangs mit einem Signal ausgestattet sein sollten, das für sie selbst ohne Bedeutung ist, ihrem Interaktionspartner auber sehr wohl eine Bedeutung zu vermitteln vermag, kann man sich ebenfalls nur schlecht vorstellen; denn schließlich sind sie auf diese Gefühle angewiesen, um ihre Zustände zu regulieren, um sich selbst zu »definieren« und um Erfahrungen zu sammeln.“

Stern, Daniel N. (1985): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart (Klett-Cotta) 1982, S. 101




Ein Gedanke zu „29.2.2 Den Verhaltensweisen des Kindes wird von den Interaktionsteilnehmern Bedeutung zugewiesen (z.B. „hat Hunger“, „ist müde“, „hat Bauchschmerzen“ etc.), aufgrund deren sie mit einem eigenen Verhalten reagieren.“

  1. @“Das Verhalten des Kindes „an sich“ hat keine Bedeutung“
    Wirklich nicht? Warum reagieren die „Interaktions“partner dann? Gibt es „bedeutungsloses“ Verhalten?

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