29.2.3 An die Stelle physiologischer, die aktuellen körperlichen Bedarfe des kindlichen Organismus selbstverständlich erfüllender Regulationsmechanismen, treten Interaktionen und Interaktionsmuster mit anderen Menschen, d.h. die Bildung eines sozialen Systems, dessen Mitglied/Teilnehmer das Kind ist.

Da Mütter in der Regel bei der Geburt ihrer Kinder anwesend sind, ist die Mutter meist – aber keineswegs zwangsläufig – ein Mitglied dieses sozialen Systems (traditionell einer Familie), das nun die überlebenssichernden Funktionen des Kindes gewährleistet, die es (noch) nicht selbst erfüllen kann und die vorher innerhalb des mütterlichen Organismus geregelt waren. Offenbar machen körperliche Veränderungen im Organismus während der Schwangerschaft und der Geburt es wahrscheinlicher, dass die Mutter eine fürsorgende Funktion für ihr Kind übernimmt (aber das ist nicht zwangsläufig der Fall).

Wer immer es im konkreten Fall sein mag: Andere Menschen übernehmen nach der Geburt kompensatorische Funktionen für die Ausfälle der vorgeburtlichen physiologischen Regelungsmechanismen. Das Kind wird eingebunden in – meist kulturell vorgegebene – Interaktionsmuster. Für das Kind, so ist aus der Außenperspektive festzustellen, sein Organismus nicht als souverände Einheit überlebensfähig. Die Überlebenseinheit ist für es immer ein soziales System, dessen Teilnehmer es ist: meist die Mutter-Kind-Dyade (wobei die Mutter durch eine oder mehrere andere fürsorgende Personen ersetzt sein kann). Ob das Kind diese Einheit auch – wie es psychoanalytische Entwicklungspsychologen postulieren – auch als „Verschmelzung“ oder „Fusion“ erlebt, ist nicht entscheidbar.

 

Literatur:

„In der Vergangenheit konzentrierte man sich vor allem auf die körperlichen Zustände des Säuglings, die durch andere Personen reguliert werden. Diese frühkindlichen Erfahrungen, nämlich die Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses und der Übergang von wacher Müdigkeit zu Schlaf, haben seit jeher die Psychoanalyse beschäftigt. Mit all diesen Regulationsvorgängen ist eine dramatische VEränderung des neurophysiologischen Zustands verbunden. Im Gegensatz zu anderen Formen des Zusammenseins lassen sie sich mit der libidinösen Energie und im Rahmen des ökonomischen Modells relativ problemlos erklären, und das war zweifellos einer der Gründe, weshalb diese Vorgänge in der Psychoanalyse eine so große Beachtung fanden, daß man die Bedeutung jener anderen Formen der Gemeinschaft mit dem Anderen lange Zeit überhaupt nicht zur Kenntnis nahm. Und natürlich ist diese Form des Zusammenseins überaus wichtig. Diese Erfahrung und ihre Repräsentation, so vermutet man, kommen dem Empfinden der totalen Verschmelzung, der Auslöschung der Grenzen zwischen Selbst und Anderem und der Fusion zur »Dualunion« näher als alle anderen Erfahrunge. Es besteht jedoch kein Grund, die Stillung des Hungers oder das Einschlafen als Übergang in einen Zustand der Dualunsion z konzipieren – es sei denn, man geht davon aus, daß »Symbiose« gleichbedeutend ist mit der Wahrnehmung einer Erregung, die gegen Null abfällt, so daß ein subjektives Erleben, der überhaupt Bedeutung beizumessen wäre, gar nicht mehr stattfindet; eine solche Betrachtungsweise entspricht dem Konzept des Lustprinzips.“

Stern, Daniel N. (1985): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart (Klett-Cotta) 1982, S. 150.




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