29.5.4 Die Familie bzw. das soziale System, das ein Neugeborenes versorgt, reagiert auf die Zunahme der Zahl seiner Mitglieder zwar strukturdeterminiert, aber dennoch nicht vorhersehbar, sondern kulturabhängig und von Familie zu Familie unterschiedlich.

Wie mit Neugeborenen umgegangen wird und welche Folgen das für die Struktur der Famile hat, ist zum einen kulturabhängig, zum anderen von der psychischen Befindlichkeit der anderen Familienmitglieder bestimmt.

So ist eines der traditionellen Regelungsmuster der Umstrukturierung das der Seniorität, d.h. der oder die Erstgeborene hat eine hierarchisch übergeordnete Position gegenüber seinen/ihren jüngeren Geschwistern. Es ist im Prinzip wie auf dem Bau: der Jüngste holt das Bier; oder aber wie beim Schlangestehen: Wer zuletzt kommt, stellt sich hinten an. Ein Ordnungsprinzip, das schon durch die unterschiedliche körperliche Entwicklung der Kinder/Jugendlichen bzw. die damit verbundene Möglichkeit der Gewaltanwendung und Machtausübung gestützt wird. Im Allgemeinen werden die kleineren Geschwister von den größeren Geschwistern verhauen, nicht umgekehrt.

In Königs- und Adelshäusern wird das Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ auch heute noch praktiziert: der (neuerdings oft auch die) Erstgeborene ist Thronfolger/in und erbt den Titel. Generell spiegelt das Erbrecht zu einem guten Teil, welches die in einer Kultur vorgegebenen Muster des Umgangs mit Familienzuwachs sind.

Eine besonders originelle Methode mit der Geburt eines Kindes umzugehen, findet (oder fand) sich in Bali. Dort ändern die Eltern ihre Identität (was, nüchtern betrachtet, auch in westlichen Kulturen der Fall ist), aber in Bali wird dies dadurch verdeutllicht, dass sich die Anrede der Eltern ändert. Während in vielen Kulturen der Name des Vaters Bestandteil des Namens des Kindes ist (in Island endet der Name von Frauen üblicherweise auf „-dottir“ [-tochter“] und der von Männern auf „-son“ [-sohn], und in Arabien stehen „ben“ und „ibn“ für Sohn [wie in Hadschi Halef Omar ben Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud al Gossara]), folgt die Bezeichnung der Eltern in Bali der umgekehrten Logik: sie werden sozial durch den Namen bzw. als Eltern ihres Kindes  definiert. Durch die Geburt von Kindern ändert sich der soziale Status der Eltern, d.h. hier haben wir es mit einem gesellschaftlichen System zu tun, in dem die Produktion von Kindern mit einem Aufstieg in der sozialen Hierarchie verbunden ist – wenn man so will: ein zukunfstorientiertes Prinzip, im Gegensatz zu all den vergangenheitsorientierten Systemen, in denen die Vorfahren die Identität des Einzelnen (mit-)bestimmen.

 

Literatur:

„Sobald das erste Kind eines Ehepaares seinen Namen erhalten hat, redet man die Eltern als »Vater von« und »Mutter von« Regreg, Pula oder wie immer das Kind heißen mag, an und bezeichnet sie auch so vor Dritten. Diese Anredeform (und Form der Selbstbezeichnung) wird bis zur Geburt ihres ersten Enkelkindes beibehalten. Von da an werden sie mit »Großvater von« oder »Großmutter von« Suda, Lilir etc. angeredet und bezeichnet. Eine entsprechende weitere Änderung tritt ein, wenn sie die Geburt ihres ersten Urenkels noch erleben. Die Bezeichnung, unter der ein Mensch bekannt ist, verändert sich demnach in der »natürlichen« Lebensspanne von vier Generationen (…) dreimal: Nämlich zunächst dann, wenn er selbst, dann, wenn wenigstens eines seiner Kinder, und schließlich, wenn zumindest eines seiner Enkelkinder Nachkommen hervorbringt.“ (S. 153f)

[…]

„Dieser Abstufung entspricht nun ein allgemeines Bild vom Wesen der gesellschaftlichen Hierarchie: kinderlose Leute sind abhängige Unmündige; Väter-von-Jemandem aktive Bürger, mit der Leitung des Gemeinwesens betraut; Großväter-von-Jemandem respektierte Ältere, die aus dem Hintergrund weise Ratschläge erteilen; und die Urgroßväter-von-Jemandem abhängige Alte, schon halbwegs in die Welt der Götter zurückgekehrt. (…)

Es ist der »generative Status« eines Menschen, der sowohl in seinen eigenen Augen wie in denen aller anderen ein Hauptelement seiner sozialen Identität ist.“ (S.  156)

Geertz, Clifford (1966): Person, Zeit und Umgangsformen auf Bali. In: ders. (1983): Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt (Suhrkamp).




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