30.1 Die Verhaltenssteuerung eines menschlichen Individuums erfolgt zu einem großen Teil durch unbewusste Prozesse und nur zu einem kleinen Teil durch bewusstes Entscheiden eines psychischen Systems.

Die Überschrift des Kapitels lautet nicht „Das Unbewusste“, weil hier zwar thematisiert wird, was in der Psychoanalyse „das Unbewusste“ genannt wird, aber dieser Begriff ist so verdinglichend, dass eine weniger suggestive Wortwahl angeraten erscheint. Und  eigentlich  läge es nahe, sich hier ausführlich mit den Konzepten des Unbwussten der Psychoanalyse auseinander zu setzen.  Doch Sigmund Freuds Ansichten haben sich im Laufe seines Lebens geändert, und die Psychoanalyse mit ihrer Vielzahl von Schulen ist sich auch nicht einig darüber, welcher Status unbwußten Prozessen zuzuweisen ist. Während Freud zunächst in seiner ersten Topik im Unbewussten („Ubw“) einen besonderen Ort, ein System, innerhalb der Psyche sah – das Unbewusste („Ubw“) in Abgrenzung zum Vorbewussten („Vb“) und Bewussten („Bw“) sah – änderte er seine Sichtweise der psychischen Struktur zu einer anderen Unterteilung („Es“, „Ich“, „Über-Ich“) und schrieb, verbunden damit, in späteren Jahre „ubw“ nur noch in Kleinbuchstaben, d.h. er definierte nur noch Prozesse als unbewusst, ohne aber ein eigenes System zu postulieren.

Gegen die hier vertretene Ansicht, die Begriffe Psyche und Bewusstsein als synonym zu betrachten, wandte Freud sich explizit. Das heißt aber nicht, dass alle seine Beschreibungen unbewusster Prozesse zusammen mit den reifizierten Vorstellungen „des Unbewussten“ zu verwerfen sind; denn das psychoanalytische Standardverfahren (Hinter-Couch-Setting) samt der Methode freier Assoziationen eröffnet dem Analytiker einen unvergleichbaren Zugang zur Psychodynamik anderer Menschen, die sonst für Außenstehende unbeobachtbar bleibt.

Die von der modernen Hirnforschung vertretene Auffassung von unbwusster Verhaltenssteuerung des Individuums sind hingegen gut mit der hier vertretenen Konzeptualisierung kompatibel.

Von Niklas Luhmann wurde darauf hingewiesen, dass die Idee des Unbewussten in Europa zunächst im Roman auftauchte. Der Leser als Beobachter, der als Außenstehender (lesend) Zeuge des Geschehens wird, kann Motive der Protagonisten wahrnehmen, die denen selbst verborgen bleiben…

Wie immer man unbewusste Prozesse auch konzeptualisieren und wie die Idee des Unbewussten auch immer entstanden sein mag: Überweisungsdiagnosen wie „unbewusste Kopfschmerzen“, wie man sie als Psychosomtiker manchmal zu lesen bekommt, sind totaler Unsinn.

 

Literatur:

„Ich möchte mit wenigen Worten und so klar als möglich darlegen, welcher Sinn dem Ausdruck »Unbewußtes« zukommt.

Eine Vorstellung – oder jedes andere psychische Element – kann jetzt in meinem Bewußtsein gegenwärtig sein und im nächsten Augenblick daraus verschwinden; sie kann nach einer Zwischenzeit ganz unverändert wiederum auftauchen, und zwar, wie wir es ausdrücken, aus der Erinnerung, nicht als Folge einer neuen Sinneswahrnehmung. Um dieser Tatsache Rechnung zu tragen, sind wir zu der Annahme genötigt, daß die Vorstellung auch während der Zwischenzeit in unserem Geiste gegenwärtig gewesen sei, wenn sie auch im Bewußtsein latent blieb. In welcher Gestalt sie aber existiert haben kann, während sie im Seelenleben gegenwärtig und im Bewußtsein latent war, darüber können wir keine Vermutungen aufstellen.

An diesem Punkte müssen wir darauf gefaßt sein, dem philosophischen Einwurf zu begegnen, daß die latente Vorstellung nicht als Objekt der Psychologie vorhanden gewesen sei, sondern nur als physisches Disposition für den Wiederablauf desselben psychischen Phänomens, nämlich eben jener Vorstellung. Aber wir können darauf erwidern, daß eine solche Theorie das Gebiet der eigentlichen Psychologie weit überschreitet, daß sie das Problem einfach umgeht, indem sie daran festhält, daß »bewußt« und »psychisch« identische Begriffe sind, und daß sie offenbar im Unrecht ist, wenn sie der Psychologie das Recht bestreitet, eine ihrer gewöhnlichsten Tatsachen, wie das Gedächtnis, durch ihre eigenen Hilfsmittel zu erklären.

Wir wollen nun die Vorstellung, die in unserem Bewußtsein gegenwärtig ist und die wir wahrnehmen, »bewußt« nennen und nur dies als Sinn des Ausdrucks »bewußt« gelten lassen; hingegen sollen latente Vorstellugnen, wenn wir Grund zur Annahme haben, daß sie im Seelenleben enthalten sind – wie es beim Gedächtnis der Fall war -, mit dem Ausdruck »unbewußt« gekennzeichnet werden.“

Freud, Sigmund (1912): Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse. G.W., Bd. 8, S. 430 – 9, Studienausgabe Bd. III. Frankfurt (Fischer) S. 41.

„Sie fahren in Ihrem Wagen mit 50 km/h auf einer Straße in der Stadt. Plötzlich läuft ein Junge vor Ihrem Auto auf die Straße, der einem Ball nachrennt. Sie steigen mit voller Kraft aufs Bremspedal, um den Wagen unter Quietschen zum Stehen zu bringen. War Ihnen das Ereignis bewusst, bevor Sie auf die Bremse traten? Oder war das eine unbewusste Handlung, deren Sie sich bewusst wurden, nachdem Sie gebremst haben?

(…)

Unsere experimentellen Daten (…) zeigten, dass Aktivierungen des sensorischen Kortex bis zu 500 ms dauern müssen, um das Bewusstsein eines sensorischen Signals zu erzeugen. Wenn die Dauer des Schwellenreizes auf den sensorischen Kortex unter sies Schwelle verringert wurde – wie etwas 400 ms oder gar 450 ms -, wurde kein sensorisches Bewusstsein berichtet. Die Versuchspersonen sagten: »Ich empfinde nichts.« Eine ähnliche Situation fanden wir bei Folgen von Reizimpulsen, die auf die spezifisch aufsteigende sensorische Bahn im Gehirn gegeben wurden; das ist die schnelle Bahn von der Medulla zur Hirnrinde.

Trotz dieser vermutlisch tatsächlichen Verzögerung beim Bewusstwerden des Jungen und des Balls von bis zu 500 ms sind Sie in der Lage, binnen 150 ms nach Auftauchen des Jungen auf die Bremse zu treten (…).

Diese Handlung muss also unbewusst, ohne Bewusstsein ausgeführt werden.“

Libet, Benjamin  (2004): Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Frankfurt (Suhrkamp) 2005, S. 122f.

„Wenig später, zunächst ansaatzweise am Ende des 18. Jahrhunderts und endgültig in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, wird dafür ein neues Modell entwickelt: das Modell des zweiteiligen Selbst. Das Problem wird dem Roman abgekauft, es wird von verschiedenen Wissenschaften, vor allem Psychiatrie, Psychologie und Sozialpsychologie und schließlich von der Psychoanalyse als das ihre entdeckt. Seitdem gibt es eine Vielzahl von Beobachtungsanweisungen bis hin zu Therapieanweisungen, die auf der Unterscheidung von bewußt/unbewußt oder personaler und sozialer Identität (I/me) oder ähnlich gearbeiteten Schematismen aufbauen: Die Angebote sind inzwischen kaum noch zu überblicken.“

Luhmann, Niklas (1987): Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: ders. (1995): Soziologische Aufklärung 6. Opladen (Westdeutscher Verlag), S. 97.

 

 




4 Gedanken zu „30.1 Die Verhaltenssteuerung eines menschlichen Individuums erfolgt zu einem großen Teil durch unbewusste Prozesse und nur zu einem kleinen Teil durch bewusstes Entscheiden eines psychischen Systems.“

  1. Reifikation (auch Reifizierung, von lateinisch res „Sache“ und facere „machen“) bedeutet „Vergegenständlichung“, d. h., die Behandlung einer Vorstellung, einer metaphorischen Benennung oder eines Ausdrucks für einen komplexen Zusammenhang, als würde ein konkreter Sachverhalt oder Gegenstand beschrieben werden.
    Beispiel: „Sein Gewissen hielt ihn davon ab, in diesen Zug zu steigen.“
    Synonyme: verdinglichen, vergegenständlichen, objektivieren, konkretisieren, hypostasieren

  2. @“Verhaltenssteuerung eines menschlichen Individuums erfolgt zu einem großen Teil durch unbewusste Prozesse“
    @“die hier vertretene Ansicht, die Begriffe Psyche und Bewusstsein als synonym zu betrachten“
    @“Die von der modernen Hirnforschung vertretene Auffassung von unbewusster Verhaltenssteuerung des Individuums ist hingegen gut mit der hier vertretenen Konzeptualisierung kompatibel.“

    Früher hatten Sie geschrieben, dass Sie nichts über Unbewusstes sagen wollen, weil Sie darüber nichts Verifizierbares sagen könnten, da unbewusste Vorgänge für einen Außenstehenden nicht beobachtbar seinen.

    Könnten Sie bitte noch einmal Klarheit schaffen: Welche Konzeptualisierung von unbewusster Verhaltenssteuerung des Individuums vertreten Sie?

  3. Die Funktion des Unbewussten im sozialen Gefüge zeigt der französische Soziologe Pierre Bourdieu in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“. Es schildert das Leben als ständigen Kampf um soziale Vorteile, für den man je nach Klassenzugehörigkeit und entsprechendem Habitus besser oder schlechter gerüstet ist. Die Kämpfenden allerdings wissen nicht, was sie tun. Unbewusst stellen sie ihr Handeln – ob sie nun Gemüse kaufen, einen Radiosender einstellen oder eine Partei wählen – in den Dienst der Reproduktion sozialer Ungleichheit. Welche Gründe die Menschen auch immer für ihre Wahl dieses Gemüses, dieses Radiosenders oder dieser Partei angeben, Bourdieu verdeutlicht, dass das individuelle Handeln letztlich durch die Klassenlage bestimmt wird.

  4. @2: Lesen Sie das Buch. Oder warten Sie wenigstens, bis ich die Kommentierung dieses Kapitels abgeschlossen habe – dann kennen Sie die Antwort.

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