30.3.2 Verhaltens-, Interaktions- und Kommunikationsmuster, die im Laufe des individuellen Lebens erlernt wurden, sind, soweit sie automatisiert wurden, aktuell durch intrakorporale Prozessmuster (senso-motorische Muster / Muster der Hirnfunktion) zu erklären (=Somatisierung).

Hier sind auch all die Prozesse einzuordnen, die in der Psychoanalyse als unbewusst bezeichnet werden; vor allem die Gefühle, die mit bestimmten Beziehungskonstellationen verbunden sind.

Aber auch ganz simple Beispiele der Automatisierung von Verhaltensmustern wie etwa das Schalten beim Autofahren: In der Phase des Lernens erfordert es bewusste Entscheidungen, wenn die erst einmal eingeübt sind, werden die entsprechenden Verhaltensmuster automatisch abgerufen (sie sind, wie man so treffend sagt, „in Fleisch und Blut übergegangen“).

Wenn es um das eigene Verhalten in konkreten Beziehungssituationen geht, kann dies allerdings weit weniger ökonomisch und nützlich sein, als das unbewusste Wechseln von ersten in den zweiten Gang bei Beschleunigung des Autos. Wenn man immer dann, wenn man einer Autorität gegenüber steht, den „Gang einlegt“, den man in der Pubertät in der Beziehung zu seinem Vater „eingelegt“ hat, dann dürte es wahrscheinlich sein, dass das „Spiel“ einen ähnlichen Ausgang nimmt, wie damals… (was wahrscheinich damals irgendwie – wenn auch sehr subjektiv – als „rational“ zu bewerten gewesen sein dürfte, sich aber heute – ebenfalls subjektiv – als „irrational“ erweisen kann).

In solchen Fällen wäre es manchmal hilfreich, zu ent-lernen (was manchmal in Psychotherapien gelingt – manchmal aber auch einfach so…).

 

Literatur:

„Viele Schauspieler legen ihre Bühnenangst ihr Leben lang nicht ab, und ähnlich geht es Professoren mit ihren Vorlesungen oder Vorträgen. Dies spricht dafür, dass eine bewusste Kontrolle »von oben nach unten« (top-down) auf dieser Ebene nur beschränkt wirksam ist. Diese charakteristische Langsamkeit emotionalen Umlernens ähnelt sehr stark dem impliziten, subcortical vermittelten Lernen etwa von Fahrradfahren und Klavierspielen. Deshalb müssen wir davon ausgehen, dass emotionales Lernen selbst wenn es bewusst erfahren oder gar induziert wird, in seinem wesentlichen Teil subcortical-implizit abläuft.

Generell können wir also sagen, dass die Wirkungen von unten nach oben stärker sind als die in umgekehrter Richtung. Wir kommen also aufgrund der hier ausgebreiteten Kenntnis über die neuronalen Grundlagen affektiver Zustände zu der jedem Menschenkenner vertrauten Einsicht, dass Gefühle den Verstand eher beherrschen als der Verstand die Gefühle. Das ist auch gut so, denn unsere konditionierten Gefühle sind ja nichts anders als konzentrierte Lebenserfahrung.“

Roth, Gerhard (2001): Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt (Suhrkamp), S. 320f.




4 Gedanken zu „30.3.2 Verhaltens-, Interaktions- und Kommunikationsmuster, die im Laufe des individuellen Lebens erlernt wurden, sind, soweit sie automatisiert wurden, aktuell durch intrakorporale Prozessmuster (senso-motorische Muster / Muster der Hirnfunktion) zu erklären (=Somatisierung).“

  1. @“unsere konditionierten Gefühle sind ja nichts anders als konzentrierte Lebenserfahrung“

    KI empfindet keine Gefühle. Und KI versteht keinen Spaß. Künstliche Intelligenz kann keine Witze verstehen, da das Verständnis vieler Witze Jahrzehnte an Lebenserfahrung erfordert.

  2. @2: KI ist einfach ziemlich blöd – aber auch Blödheit kann ja zum Nutzen der Menschheit eingesetzt werden.

  3. Im vorigen Jahrtausend versuchten sowjetische 100-Meter-Läufer ihre muskuläre und mentale Leistungsfähigkeit zu steigern, indem sie sich von Autos ziehen ließen, was nicht ungefährlich war für die Muskeln, die Nerven und die Gelenke. Heute macht man das mit Anabolika- und Blut-Doping.

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