30.3.3 Körperlich verankerte, individuell das äußere Verhalten (z. B. Mimik, Gestik, Gewohnheiten …) steuernde Prozesse laufen unbewusst ab, sind aber der Bewusstwerdung zugänglich.

Unbewusste Prozesse sorgen für die Ökonomisierung des Denkens. Alles, was als »bekannt« kategorisiert wird, wird nach den bis dato bewährten »Rezepten« bearbeitet. Man kann dies – verharmlosend – als Gewohnheitsbildung verstehen. Man kann es aber auch Rückgriff auf etabliertes Wissen oder Können nennen (mit der bekannten Nebenwirkung, dass dies zu einer Lernbehinderung führt). Solche im Gehirn »verdrahteten« (also körperlich fixierten) Muster ändern sich nur langsam, sind aber – qua Selbstbeobachtung – erkennbar und dann, wenn auch mit Schwierigkeiten, beeinflussbar (man kann aber nicht einfach beschließen, dass sie nicht mehr wirken).

Ein guter Teil solcher Prozessmuster ist bereits frühkindlich erworben worden und der persönlichen Erinnerung nicht zugänglich, da die Zellen des Gehirns, die mit Erinnerung gekoppelt sind, erst im Alter von mehr als zwei Jahren reifen.

Das ändert aber nichts an der Möglichkeit, sie sich – gewissermaßen durch den Blick von außen auf sich selbst und sein Verhalten – bewusst zu machen.

„Erkenne dich selbst!“ – war schon im klassischen Altertum ein guter Rat, denn man kann sich – seine psychodynamischen Muster und sein damit verbundenes Verhalten – immer nur selbst ändern (das ist die Konsequenz der „operationalen Schließung “ autopoietischer Systeme: Es gibt keine instruktive Interaktion, was auch für alle therapeutischene oder pädagogischen Interventionen gilt.

Um Interaktions- und Beziehungsmuster zu verändern, ist es nicht nötig, ihre Historie und Entstehungsgeschichte zu kennen (obwohl das auch nicht schadet), sondern man muss lediglich die Muster kennen – d. h. sich selbst auf „die Schliche kommen“. Dann hat man die Chance, die eigene Beteiligung an derartigen Mustern zu verändern und „einfach“ etwas anderes zu tun als sonst. Denn derartige Handlungsimpulse konnen – wenn sie dann bewusst sind -, trotz ihrer körperlichen Initiierung gestoppt werden.

 

Literatur:

„Nur wenn ein Geschehnis oder eine Aufgabe als neu und wichtig eingestuft wurde, z.B. im Zusammenhang mit dem Erfassen neuartiger Sachverhalte, neuer Bedeutungen vn Objekten, Geschehnissen, Sätzen, dem Erlernen neuer motorischer Fertigkeiten, dem Vorstellen und Erinnern neuer, komplexer Inhalte, dem Aussprechen neuer komplizierter Sätze, dem Ausführen neuer Bewegungen, dem Lösen schwieriger Probleme, einer verwickelten Handlungsplanun, dem aktiven Erinnern von »Wissen«, dann wird das langsam arbeitende Bewusstseins- und Aufmerksamkeitssystem eingeschaltet, und wir erleben die vollbrachten bewussten Leistungen als »Mühe« und »Arbeit«. Dies ist umso mehr der Fall, je ungewohnter das Geschehen oder die Aufgabe ist. Geistige Arbeit ist eben auch Arbeit und verbraucht entsprechend viel Stoffwechseleinergie. In dem Maße, in dem die Leistungen wiederholt werden, sich einübern und schließlich mehr oder weniger automatisiert und damit müheloser werden, schwindet auch der Aufwand an Bewusstsein und Aufmerksamkeit, bis schließlich – wenn überhaupt – nur ein begleitendes Bewusstsein übrigbleibt.“

Roth, Gerhard (2001): Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt (Suhrkamp), S. 230f.




7 Gedanken zu „30.3.3 Körperlich verankerte, individuell das äußere Verhalten (z. B. Mimik, Gestik, Gewohnheiten …) steuernde Prozesse laufen unbewusst ab, sind aber der Bewusstwerdung zugänglich.“

  1. @“das ändert aber nichts an der Möglichkeit, sie sich – gewissermaßen durch den Blick von außen auf sich selbst und sein Verhalten – bewusst zu machen“

    Sie meinen: durch Theorien? Oder durch Beobachtung von Säuglingen?

  2. … manch eine Neurose (dazu gehört auch das dauernde Beschlecken der eigenen Unterlippe) soll im Kleinkindalter seine Wurzeln haben …

  3. Nachsatz: Ich finde so etwas ja grundsätzlich ganz herzig. Wie langweilig wäre das Leben, gäbe es keine Menschen, die ihre eigenen Unterlippen beschlecken …

  4. Ja, das fällt, wenn es sich dauernd wiederholt, unter die Zwangsstörungen und damit unter die Neurosen.
    Kennen Sie wen, der seine Unterlippe beschleckt? Kann man gut in Videos sehen …

  5. @“begleitendes Bewusstsein“

    Das Bewusstsein kann ein hartnäckiger Begleiter sein: Denken – die ewige Wunde.
    Deswegen wurde die Happy hour erfunden: Alkohol hängt nervige Begleiter ab (daher der Ausdruck „abhängen“).

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