30.4 Soziale Systeme: Es gibt allgemeine und spezielle Muster der unbewussten Verhaltenssteuerung des Individuums, die durch Muster der Spielregeln sozialer Systeme (=kulturelle Regeln) erklärt werden können.

Die primäre (meist familäre) und die sekundäre (z.B. schulische) Sozialisation vermittelt dem Individuum soziale Spielregeln, die es nach einiger Zeit unbewusst anwendet. Gelehrt werden derartige  kulturelle Regeln implizit durch die Kommunikation von Erwartungen. Man kennt die Regeln, wenn man erwartet, welches Verhalten von einem erwartet wird… (=Erwartungs-Erwartungen) – und dann erfüllt man üblicherweise diese Regeln gut genug, um nicht aus dem jeweiligen sozialen System ausgeschlossen zu werden (was für ein kleines Kind ja tödlich wäre – auch wenn ihm das nicht bewusst sein mag).

Solche, als „selbstverständlich“ erlebten und erwarteten Mustern der Interaktion und sozialer Strukturen, treten meist nicht ins Bewusstsein, eben weil sie als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Sie bleiben „latent“, d.h. unbeobachtet (außer durch Soziologen oder Ethnologen), und dadurch werden sie geschützt. Denn alle sozialen Regeln oder Institutionen, die bewusst wahrgenommen werden, können auch zum Gegenstand der Diskussion werden und gegebenenfalls negiert, abgelehnt, verändert, revolutioniert… (wahrscheinlich einer der Gründe, warum Soziologen häufig mit Mißtrauen begegnet wird). Das ist in einer Familie nicht anders als in einer Organisation oder einer politischen Einheit wie einem Staat.

Man sollte meinen, dass auch das von C. G. Jung in die psychoanalytische Diskussion eingeführte „kollektive Unbewusste“ sich durch die Muster der Sozialisation erklären lassen. Das ist von ihm aber nicht so gemeint, denn er hält das „kollektive Unbewusste“ für vererbt und die kulturellen Muster, wie sie sich etwa in Märchen und Mythen manifestieren, für Projektionen der Psyche – des Unbewussten als Subjekt – in die Außenwelt.Insofern sieht er auch keine differenzierende Funktion unterschiedlicher Kulturen, sondern im „kollektiven Unbewussten“ ein Verbindungsglied der Kulturen.

Aus einer systemtheoreitschen Perspektive erscheint diese Zuschreibung von Kausalität fragwürdig. Viel eher dürfte es umgekehrt sein, dass die Muster von Mythen etc. zu den „angeborenen“, d.h. den Strukturen des Organismus und des Bewusstsein zu passen, so dass sie als stabiler Faktor für alle psychischen Prozesse fungieren können. Das sogenannte „kollektive Unbewusste“ ist – wenn es tatsächlich solche überindividuell zu findenden, unabhängig von der jeweiligen Kulter bestehenden Muster psychischer Prozesse gibt – müsste dann, da es sich im individuellen Seelenleben ereignet – dem menschlichen Organismus, speziell wohl der Struktur und den Prozessen des Gehirns – kausal zugeschrieben werden. Aber, dass dies irgendwelche Märchen- oder Mythen produziert, passt nicht zur Funktion des Organismus, denn bei den unbewussten Gemeinsamkeiten kann es sich lediglich um rein formale Merkmale handeln, die sich wahrscheinlich aus dem Alles-oder-Nichts-Muster des „Feuerns“ von Neuronen ergeben. Märchen und Mythen passen allerdings in der Konstruktion ihrer Protagonisten zu solch einem Alles-oder-Nichts-Muster: das gute Aschenbrödel, die schöne Prinzessin, die böse Hexe, die böse Stiefmutter… usw.

 

Literatur:

„In der Regel begnügen sich Soziologen, soweit sie sich nicht einfach auf die Eingeführtheit und Selbstverständlichkeit des Begriffs verlassen, mit der Definition von Latenz als fehlende Bewusstheit. Of spitzt man stärker zu mit der These, daß es sich um Uneinsehbarkeit handele. Die Unmöglichkeit des Herstellens von Bewußtheit hat dann ihren Grund in der Funktion der Latenz selbst: oder es handelt sich um eine glückliche Symbiose von Unfähigkeit, alles zu sehen und alles zu wissen, mit ordnungspolitischen Verdunkelungen. Latenz hat dansch als fehlende Bewußtheit Bedeutung für die psychischen und für die sozialen Systeme. Der Zuammenhalt psychischer und sozialer Systeme wird so ins Unbewußte  verlagert. Soziologen, die nicht mehr an Natur und nicht mehr an Vernunft zu glauben wagen, glauben dann wenigstens noch an Latenz. Im Nichtwissen ist man unschuldig, ist man sich einig, und zugleich findet der Soziologe sich aaus diesem unbewußten Konsens des Unbewußten ausgeschlossen; Er finden sich an den Toren, durch die er das destruktive Wissen hineinlassen könnte. Er findet sich in der Position des Beobachters, der Wissen und Nichtwissen, manifeste und latente »Inhalte« zugleich wahrnehmen kann, was für den beobachteten Gegenstand nicht möglich ist. Als Beobachter benutzt er die Vorstellung , Latenz haben eine Funktion für das SYstem, um manifeste und latente Strukturen in einen Ordnungszusammenhang zu bringen und auch damit die Selbstbeobachtungsmöglichkeinten seines Gegenstands zu überschreiten.

Im Rahmen einer Theorie selbstreferentieller Sozialsysteme muß dieses Konzept in mehrfacher Hinsicht modifiziert werden.Vor allem zwingt die schärfere Trennung von psychischen und sozialen Systemen dazu, das Latenzproblem je nach Systemreferenz aufzubrechen. Man muß unterscheiden zwischen psychisch leistbarem Bewußtsein und Kommunikation. Entsprechend ist zwischen Bewußtseinslatenz und Kommunikationslatenz zu unterscheiden.“ (S. 457f.)

[…]

Es gibt (1) rein faktische Latenz im Sinne von Unkenntnis oder Nichtberücksichtigung bei der Themenwahl des Kommunikationsprozesses; ferner (2) faktische Latenz, die auf der Unmöglichkeit des wissen bzw. Kommunizierens beruht (so wie die Griechen über Orgeln nichts wußten und darüber auch nicht kommunizieren konnten); und es gibt (3) die strukturfunktionale Latenz, nämlich Latenz mit der Funktion des Strukturschutzes.“ (S. 459)

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp).

„Eine gewissermaßen oberflächliche Schicht des Unbewußten ist zweifellos persönlich. Wir nennen sie das persönliche Unbewußte. Dieses ruht aber auf einer tieferen Schicht, welch nicht mehr persänlicher Erfahrung und Erwerbung entstammt, sondern angeboren ist. Diese tiefere Schicht ist das sogenannte kollektive Unbewußte. Ich habe den Ausdruck »kollektiv« gewählt, weil dieses Unbewußte nicht individueller, sondern allgemeiner Natur ist, d.h. es hat im Gegensatz zur persönlichen Psyche Inhalte und Verhaltensweisen, welche überall und in allen Individuen cum grano salis dieselben sind. Es ist, mit anderen Worten, in allen Menschen sich selbst identiscch und bildet damit eine in jedermann vorhandene, allgemeine seelische Grundlage überpersönlicher Natur.“

Jung, Carl Gustav (1934): Archetypen des kollektiven Unbewußten. In: ders. (1957): Bewußtes und Unbewußtes. Frankfurt (Fischer), S . 11f.




5 Gedanken zu „30.4 Soziale Systeme: Es gibt allgemeine und spezielle Muster der unbewussten Verhaltenssteuerung des Individuums, die durch Muster der Spielregeln sozialer Systeme (=kulturelle Regeln) erklärt werden können.“

  1. @“Man kennt die Regeln, wenn man erwartet, welches Verhalten von einem erwartet wird“
    Erwartungserwartungen = soziale Normen (Niklas Luhmann: Soziale Systeme, 1984)
    Damit Kommunikation gelingt, müssen die Teilnehmer nicht nur Erwartungen, sondern auch Erwartungserwartungen bilden, also wissen, welche Erwartungen der anderen Teilnehmer zu erwarten sind. Auf diese Weise kann die Handlung des einen an die Handlung des anderen anschließen. Das System ist stabil.
    Beispiel: A und B begegnen sich im Treppenhaus und grüßen einander. A erwartet, dass B ihn grüßt, und B erwartet, dass A den Gruß erwidert. Aber A muss auch erwarten, dass B erwartet, zurückgegrüßt zu werden, so wie B erwarten muss, dass A erwartet, zuerst gegrüßt zu werden. Ohne Erwartungserwartung des jeweils anderen bleiben die eigentlichen Erwartungen von A und B unerfüllt.
    Erwartungserwartungen können generalisiert werden, im Beispiel als Höflichkeitsregel oder als Teil einer Rolle. Sie sind allerdings nicht bindend, eine Erwartung kann enttäuscht werden. https://de.wikipedia.org/wiki/Erwartungserwartung

  2. naja, das wäre schließlich alles nicht so tragisch gewesen, wäre dann nicht gleich und unmittelbar das „echte Frauentum“ -in quasi unsäglicher Penetranz an Generali insistierender Weise – dazwischen gekommen …
    🙂

    „Im Bereiche des Spezifisch-Weiblichen ist also, wie in der Wissenschaft und der Kunst, Platz für ein größeres oder geringeres Maß von Genialität. Das aber bedeutet, daß das echte Frauentum eine wesentliche Dimension der Kultur ist, daß es eine ausgesprochene weibliche Kultur gibt, mit Talenten und Genies, Versuchen und Mißerfolgen und Errungenschaften, eine weibliche Kultur, vermöge deren die Frau ihren unverwechselbaren Beitrag zur Geschichte leistet.“

    … nur damit auch jeder weiß, wo’s steht
    ( …und auch stramm seinen Mann zu stehen hat)

    Vom Einfluß der Frau auf die Geschichte
    – Die Frau soll anspruchsvoll sein
    1924
    Nachwort zu dem Buch
    [a.a.O.: hier: @10]
    -Epílogo al libro de Victorio Ocampo
    >>de Francesca a Beatrice<<

  3. Die „seelische Grundlage überpersönlicher Natur“, „welche überall und in allen Individuen cum grano salis dieselbe“ ist, scheint zunehmend verschüttet zu werden durch sozio-kulturelle Weiterentwicklungen der Menschheit und der einzelnen Menschen. Indigene Völker und buddhistische Mönche mögen dem kollektiven Unbewussten möglicherweise näher sein als viele zivilisierte Großstadtbewohner, die sich von ihrer seelischen Grundlage entfremdet haben.

  4. @ „allgemeine und spezielle Muster“

    und diese Muster gilt es zu finden, zu differenzieren, und auf ihre Funktionalität in den verschiedenen Kulturen zu beobachten …

    wobei, wie ich es bei meinem Lehrer Nosrat Peseschkian gelernt haben, der kulturelle Unterschied zwischen zwei Iranern oder zwischen 2 Preußen größer sein kann als zwischen Preußen und Iranern …

  5. Ja, wenn der Preuße und der Iraner beide sadistische Staatssicherheitsbeamte sind, die ihre Landsleute foltern.

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