30.4.1 Da neugeborene Menschen nur als Mitglied eines sozialen Systems überleben können, müssen sie sich an die Spielregeln der Interaktion und Kommunikation dieses (=irgendeines) konkreten sozialen Systems anpassen, das heißt, sie müssen die Regeln des im System gebrauchten Unterscheidens und Bezeichnens anwenden lernen.

„Müssen“, „wollen“ usw. sind natürlich Worte, die der Situation des Neugeborenen nicht gerecht werden. Es sind ja keine bewussten Entscheidungen, da das Bewusstsein erst im Entstehen ist. Sie machen einfach das, was sie machen – und sie erleben die Reaktionen der Menschen, die um sie herum sind. Und dazu gehört, dass sie offenbar schon nach wenigen Wochen ihre Aufmerksamkeit auf andere Menschen, speziell deren Gesicht, richten.

So erlernen Neugeborene, Babies, Kleinkinder und größere Kinder im Laufe der Zeit in derselben Weise, wie sie ihre Muttersprache erwerben, die Spielregeln des sozialen Systems, indem sie an ihm teilnehmen. In der Kommunikation zwischen dem Kind und den Eltern geht es um die Verbundenheit, d.h. die Sicherheit in der Beziehung. Das ist vom Kind sicher nicht bewusst intendiert, aber es hat den Effekt auf Eltern wie Kind. Aber um diese Sicherheit in der Beziehung – im sozialen System – zu erhalten, ist langfristig die Anpassung an die Regeln des Systems notwendig.

Und es besteht ja auch gar keine Alternative: Was sollten neugeborene oder kleine Kinder allgemein denn sonst tun, als sich den sozialen Erwartungen entsprechend zu verhalten? Sie müssen das gar nicht entscheiden, denn es passiert einfach… unbewusst und bewusst. Die Möglichkeit zu sagen: Ich kündige, ich suche mir eine andere Kultur, wo ich mich besser verstanden fühle und es mir besser geht, haben Sie erst als Erwachsene (auch wenn manche Kinder das schon vorher gern tun würden und hoffen, dass sie eigentlich in eine andere Familie gehören, weil sie als Babies vertauscht wurden)…

Daniel Stern, Psychoanalytiker, Familientherapeut und Babywatcher, illustriert den Eintritt eines Babys ins soziale Leben  (=Teilnahme an Kommunikation) am Beispiel eines fiktiven viereinhalb Monate alten Jungen [„Joey“] (siehe unten).

 

Literatur:

„Joey ist nun in einen kurzen, aber außergewöhnlichen Zeitabschnitt seines Lebens eingetreten. Zwischen der achten bis zwölften Lebenswoche macht seine Entwicklung einen enormen Sprung. Die Fähigkeit, in sozialen Kontakt mit anderen Menschen zu treten, beginnt sich zu entfalten: Zum ersten Mal zeigt sich bei ihm das »soziale Lächeln«. Er beginnt Laute zu bilden, und hält bereits längere Zeit einen Blickkontakt aufrecht. Fast über Nacht ist aus ihm ein soziales Wesen geworden. Noch sind allerdings die ganz intensiven sozialen Interaktionen auf die allernächste Nähe beschränkt, das heißt  auf den Kontakt von Angesicht zu Angesicht und auf das »Hier und Jetzt zwischen uns«. Diese intensiver, unverfälschte Form seiner Beziehungen dauert etwa bis zu seinem sechsten Monat und wird alle seine künftigen Kontakte zu anderen Menschen und sein Verständnis für ihr Verhalten prägen.“ (S. 51)

[…]

„Das zweite bedeutsame Ereignis beim Eintritt in seine neue soziale Welt ist die neu erworbene Kontrolle seines Blicks. Nun bestimmt er selbst, wohin er seinen Blick richtet und was er wie lange betrachtet. Bereits mit en Monaten gelingt ihm das fast so gut wie einem Erwachsenen. Weil enger Kontakt sich stets nur über ein Sich-Anblicken entfaltet, kann er ihn nun eigenständig herstellen oder auch abbrechen. Er stellt den Kontakt zu seiner Mutter her, indem er sie ansieht, denn sie wird seinen Blick erwidern. Er kann den Kontakt vertiefen, indem er zu strahlen beginnt, und er beendet ihn, indem er den Kopf wegdreht und die Augen von ihr abwendet. Eine Aufforderung zum Kontakt mit seiner Mutter kann er dadurch ablehnen, daß er sie nicht ansieht. Will er den Kontakt vollständig beenden, schaut er endgültig weg. Was die mimische Interaktion mit anderen Menschen angeht, so ist er also bereits zu diesem frühen Zeitpunkt als echter Experte zu bezeichen.“ (S. 53)

[…]

„In diesem Alter geht es bei den sozialen Interaktionen zwischen Joey und seiner Mutter oder seinem Vater nicht um etwas Konkretes. Weder er noch seine Bezugspersonen sprechen über ein bestimmtes Thema wie das Wetter oder einen Gegenstand. Sie haben sich gegenseitig keinerlei Geständnisse zu machen und müssen sich weder Vergangenes erläutern noch zusammen ihre Zukunft planen. Ihr einziges »Thema« ist der Augenblick hier und jetzt, in welchen sie sich als zwei menschliche  Wesen intensiv miteinander verbunden fühlen. Ihre Interaktionen haben einzig zum Ziel, diese »Erfahrung« auszudehnen. Sie dienen nicht der Vorbereitung für etwas anderes – sie sind bereits das, worum es geht.“ (S. 55)

Stern, Daniel N. (1993): Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt. München (Piper) 25. Aufl. (2016).




3 Gedanken zu „30.4.1 Da neugeborene Menschen nur als Mitglied eines sozialen Systems überleben können, müssen sie sich an die Spielregeln der Interaktion und Kommunikation dieses (=irgendeines) konkreten sozialen Systems anpassen, das heißt, sie müssen die Regeln des im System gebrauchten Unterscheidens und Bezeichnens anwenden lernen.“

  1. @“Die Möglichkeit zu sagen: Ich kündige, ich suche mir eine andere Kultur, wo ich mich besser verstanden fühle und es mir besser geht, haben Sie erst später“

    Bleibt man nicht lebenslang freiwillig-unfreiwillig im gewohnten Kulturbereich, wenn man nicht gezwungen wird, auszuwandern? Die Möglichkeit, seine Kultur zu kündigen, besteht lediglich formal – inhaltlich kommt man aus seiner Haut nur schwer heraus.

  2. Vielleicht gelingt es ja Prinz Harry und seiner Meghan, der bequemen britischen Royal-Kultur zu kündigen und ein bürgerliches Leben als US-Sitcom-Stars zu starten?

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