30.4.2 Zu unterscheiden sind die Spielregeln des unmittelbaren, das Überleben sichernden sozialen Systems (z. B. einer Familie) und anderer Typen sozialer Systeme (von der Organisation bis hin zur jeweiligen Kultur der Sprachgemeinschaft).

Jede Familie, der Ort der primären Sozialisation, stellt eine mehr oder weniger einzigartige Kultur dar. Deren Regeln können sehr stark von den Regeln der umgebenden Kultur abweichen, und sie werden dem in sie hineingeborenen Kinde erfahrungsgemäß erst bewusst, wenn es in anderen Familien zu Besuch ist. Bis dahin bestimmen sie seinen Welt. Üblicherweise bereitet die Familie mit ihren Regeln ihre Kinder auf die Spielregeln des umgebenden Gesellschaftssystems vor und schützt es auf diese Weise vor Ausgrenzungserfahrungen. Aber das muss nicht der Fall sein.

Das führt dann für ein in solch einer „nicht angepassten“ Familie sozialisierten Kind zu größeren Konflikten und eigenen Anpassungsproblemen, wenn, wie z.B. in manchen Migrantenfamilien Werte vermittelt werden, die im starken Gegensatz zu den Werten der Mehrheitsgesellschaft stehen.

 

Literatur:

„Die Familie ist nicht durch die Funktion der Sozialisation bestimmt, sondern der familialen Sozialisation kommt eine besondere Bedeutung zu, weil sie von einem System ausgelöst wird, das darauf eingestellt ist, die gesellschaftliche Inklusion ganzer Personen zu ermöglichen. Die Sozialisation läuft hier gleichsam im Schatten der Inklusionsproblematik ab. Sie reagiert auf die besondere (und unter modernen Bedingungen gesellschaftsuntypische) allseitige Relevanz von Personen. Und sie kommt deshalb mit einer erwartbaren Regelmäßigkeit in Schwierigkeiten in dem Maße, als die heranwachsenden Kinder selbst dem re-entry Problem ausgesetzt sind.

In der Familie ist man mit bekannten Personen konfrontiert. Ds erleichtert die Erwartungslast und das Lernen. Man kann vor dem Hintergrund dees Bekannten vergleichswese scharf beobachten, und dies schon als Kleinkind. Auch kann man das, was andere einem zumuten, als deren Eigenart auffassen, ohne daß die Zumutung immer gleich schon die Bifurkation von Konformität oder Abweichung auslöst. Es kann im Unklaren bleiben, ob eine Zumutung (Händewaschen, bevor man zu Tisch geht) eine Norm zum Ausdruck bringt oder eine pädogogische Absicht. Im Verein mit älteren oder jüngeren Geschwistern kann man die anderen beobachten und daran lernen, daß sie 8aber nicht man selbst) zurechtgewiesen werden. Die Kommunikationen sind fast ausschließlich an Einzelpersonen gerichtet, die sich als ganze gemein meinen können. So wächst man zunächst in eine Welt hinein, in der die Person zählt.“

Luhmann, Niklas (1988): Sozialsystem Familie. In: ders.(1990): Soziologische Aufklärung 5. Opladen (Westdeutscher Verlag),  S. 211f.




Ein Gedanke zu „30.4.2 Zu unterscheiden sind die Spielregeln des unmittelbaren, das Überleben sichernden sozialen Systems (z. B. einer Familie) und anderer Typen sozialer Systeme (von der Organisation bis hin zur jeweiligen Kultur der Sprachgemeinschaft).“

  1. Manche Migrantenfamilien entwickeln in der Aufnahmegesellschaft einen stärker behütenden und kontrollierenden Erziehungsstil als Familien in der Ursprungsgesellschaft, weil sie die rasche Akkulturation ihrer Kinder als eine Entfremdung von ihren herkunftskulturellen Bezügen empfinden.
    Gleichzeitig bilden Migrantenkinder für ihre Eltern Vermittler der neuen Kultur (z. B. im sprachlichen Bereich durch Übersetzerdienste), wodurch sich innerhalb der Familie eine Umkehrung der familialen Hierarchie zwischen den Generationen ergibt, die den üblichen Rollenerwartungen entgegengesetzt ist und die Autorität der Eltern untergräbt. Bidirektionale Sozialisationsverläufe, bei denen Kinder ihre Eltern sozialisieren, sind bei Migrantenfamilien häufig anzutreffen.

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