30.9.2 Im Traum wird potenziell ein Zugang zu unbewussten, somatisierten Prozessmustern eröffnet, d.h. ihre Inszenierung kann erlebt (=Geschichten) und implizite Strukturmerkmale können beobachtet und analysiert werden (was nicht heißt, dass sie objektiv interpretiert werden könnten).

Die Selektionskriterien des Wach-Bewusstseins unterscheiden sich von denen des Schlaf-Bewusstseins. Das betrifft vor allem die Ordnungsmuster der  Gedanken und Gefühlen. Beim wachen Menschen wird das Denken durch die Erwartungsmuster des sozialen Umfeld (mit-) bestimmt. Man erzählt kein wirres Zeug, wenn man ernst genommen werden will. Man erzählt auch nichts, was von anderen Menschen als wahnsinnig oder unsinnig angesehen wird – selbst wenn im tiefsten Inneren fest davon überzeugt sein sollte.

Die Ontogenese des Inviduums zeigt, dass das Denken des Kindes zunächst in anderer Form geordnet ist, als beim Erwachsenen. (s. Sätze 32ff., 35ff.). Die Zurichtung des „wilden Denkens“ des Kindes hin zu dem des „zivilisierten Mitteleuropäers“ ist als langwieriger Entwicklungs- und Selektionsprozess zu betrachten. Bestimmte Denkweisen werden als nicht-gesellschaftsfähig zensiert und ausgeschlossen, andere als angepasst gefördert und gestärkt. Aber die alten Mustern sind im Prinzip weiter verfügbar und nutzbar. Im Traum können sie wieder praktiziert werden, da die soziale Kontrolle im Schlaf fehlt. Daher ist wohl wirklich der Traum, wie Sigmund Freud es formulierte, der „Königweg zum Unbewussten“. Überindividuell können im Traum wiederum (wie beim sogenannten „kollektiven Unbewussten“) lediglich formale Strukturen des Unbewussten beobachtbar werden, die aus Strukuren und Funktionsweisen des Organismus als relevanter Umwelt resultieren.

Freud spicht in seiner „Traumdeutung“  von „Leibreizen“ und zitiert Schopenhauers Theorie der Traumentstehung, nach welcher der Organismus bei Nacht eine größere Bedeutung gewinnt als bei Tag und im Wachbewusstsein, um die Funktion des Organismus bei der Gestaltung des Traums zu erklären. Allerdings hält Freud dies für eine Überschätzung der nicht aus der Psyche resultierenden Traumursachen (wobei er das Unbewusste nicht – wie hier vorgeschlagen – im Organismus lokalisiert). Hinzu kommt, dass er sich gegen die rein biologistischen Psychiater sein (und leider auch unserer) Zeit abgrenzen musste, wenn er der Psyche eine autonome Dynamik zubilligen wollte. Wenn man hingegen die Psyche als ein emergentes Sinnsystem betrachtet, das aus der Kopplung von Organismus und sozialem System resultiert, ist die Abgrenzung gegenüber den schlichten Modellen einer biologistischen Psychiatrie immer noch notwendig, aber sie kann und muss anders begründet werden.

 

Literatur:

„Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maßgebend, den der Philosoph Schopenhauer im  Jahre 1851 entwickelt hat. Das Weltbild entsteht uns dadurch, daß unser Intellekt die ihn von außen treffenden Eindrücke in die Form der Zeit, des Raums und der Kausalität umgießt. Die Reize aus dem Inneren des Organismus, vom sympathischen Nervensystem her, äußern bei Tag höchstens einen unbewußten Einfluß  auf unsere Stimmung. Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung der Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern heraufdringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen – ähnlich wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der Intellekt auf diese Reize reagieren, als indem er seine ihm eigentümliche Funktion vollzieht? Er wird also die Reize zu raum- und  zeiterfüllenden Gestalten, die sich am Leitfaden der Kausalität bewegen, umformen und so entsteht der Traum [vgl. Schopenhauer, 1862, Bd. 1,  249ff.].“ (S. 61f./G.W., S. 38)

[…]

„Vorläufig wollen wir uns über die Überschätzung der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung nicht verwundern. Nicht nur daß dise allein leicht aufzufinden und selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die somatische Auffassung der Traumentstehung durchwegs der heute in der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehirns über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber alles, was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren organischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Äußerungen erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, asl ob dessen Anerkennung die Zeiten der Naturphilosophie […] und des metaphysischen Seelenwesens wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters hat die Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und fordert nun, daß keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrate.“ (S. 66/G.W., S. 44)

Freud, Sigmund (1900): Die Traumdeutung. G.W. Bd. 2/3. zitiert nach Studienausgabe Bd. 2. Frankfurt (Fischer) 1972.




3 Gedanken zu „30.9.2 Im Traum wird potenziell ein Zugang zu unbewussten, somatisierten Prozessmustern eröffnet, d.h. ihre Inszenierung kann erlebt (=Geschichten) und implizite Strukturmerkmale können beobachtet und analysiert werden (was nicht heißt, dass sie objektiv interpretiert werden könnten).“

  1. @“Überindividuell können im Traum wiederum (wie beim sogenannten „kollektiven Unbewussten“) lediglich formale Strukturen des Unbewussten beobachtbar werden“

    Warum keine Inhalte? Die hat C. G. Jung analysiert. Oder bestreiten Sie dessen Theorien?

  2. @1: Weil ich keine Möglichkeit sehe, wie Inhalte von einer Generation auf die nächste qua Erbgut übertragen werden sollte, da lediglich die „Schnittmuster“ (DNA) biologischer Strukturen vererbt werden. Und die liefern ihrerseits nur den formalen Rahmen des Möglichkeitsraums von Bewusstseinsprozessen (z.B. durch die Funktionsweise des Gehirns bzw. von Neuronen).

  3. @2: Im Hirnstamm stecken urzeitliche Erfahrungen und reflexartige Reaktionsweisen, die unbewusst ablaufen – auch in unserer zivilisierten Gesellschaft. Der Hirnstamm oder das „Reptiliengehirn“ ist der älteste und tiefliegenste Teil des menschlichen Gehirns. Der Hirnstamm steuert die überlebenswichtigen Funktionen, zum Beispiel die Atmung, den Blutdruck, die Reflexe etc. Er hat sich bereits vor rund 500 Millionen Jahren im Laufe der Evolution entwickelt. Die anatomischen Grundstrukturen des Hirnstamms veränderten sich im Lauf der Evolution relativ wenig, verglichen mit der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Vorderhirns.
    Diese Art von Inhalten meinte ich. Die erfahrungswissenschaftliche Basis, auf der C. G. Jung das Konzept des kollektiven Unbewussten induktiv formulierte, bestand im Wesentlichen aus Träumen und Motiven aus der Kulturgeschichte (Religionen, Mythen, Märchen) im interkulturellen Vergleich, welche auf eine ähnliche psychische Grundlage aller Menschen schließen ließen. Der Begriff des Archetypus, der ein unumgängliches Korrelat zur Idee des kollektiven Unbewussten bildet, deutet das Vorhandensein bestimmter Formen in der Psyche an, die allgegenwärtig und überall verbreitet sind. Dem Bewusstsein erscheinen die Archetypen als typische, häufig zu beobachtende Verhaltensmotive und symbolische Vorstellungen, die sich in der Gesellschaft auch als kulturelle Narrative, Gegenstände und/oder Rituale manifestieren. Die Motive verschiedener Märchen, Mythen und ihr Auftreten in der Kunst und im Traum über verschiedene Epochen, Sprachen und Kulturen hindurch wurden von Jung als empirische Grundlage für seine Theorie der Archetypen herangeführt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektives_Unbewusstes

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