31.2 Die Bildung und Erhaltung konkreter psychischer Strukturen bzw. des bewussten Beobachtens erfolgt – analog zur Logik evolutionärer Prozesse im Bereich lebender Systeme – in drei Schritten: Variation, Selektion, Retention.

In der Psychologie und Philosophie wird vielfach auch vom Aufbau des Weltbildes oder von seiner Konstruktion gesprochen. Das scheint aber eine fragwürdige Metaphorik, da sie suggeriert, hier sein ein planender Ingenieur am Werke, der aufgrund irgendwelcher mehr oder weniger bewusster Qualitätskriterien sein Bauwerk entwirft. Die angemessenere Metapher ist die der Evolution, bei der sich selbstorganisiert bestimmte Strukturen entwickeln und am Leben erhalten werden, ohne dass es dazu eines intelligenten Designers bedürfte.

Der Evolutionsbegriff  (synonym mit „Entwicklung“ gebraucht) lässt sich aus systemtheoretischer Perspektive auf eine Vielzahl von Wandlungs-Prozessen anwenden, auch wenn er zunächst in der Biologie kreiert wurde. Abstrakt gesehen sind es fast immer die genannten drei Schritte, wenn es um Kreativität im allgemeinen, die Entwicklung von Strukturen im besonderen geht – sei es die Entwickllung des Weltbildes eines Kindes, die Strukturen eines sozialen Systems wie einer Familie oder einer Organisation oder gar eines Staates, oder eben die Entstehung der biologischen Arten. Man kann diese drei Schritte auch als eine Logik des Lernens (wenn es nicht mit Hilfe von Lehrbüchern, sondern durch Erfahrung geschieht) betrachten.

Gregory Bateson überträgt  diese in der Entwicklung der Arten (Biologie) wirksamen Prinzipien evolutionären Wandels auch auf die Veränderungen psychischer Systeme (=Lernen), Karl Weick auf den Wandel von Organisationen. Ihnen folgen etliche Autoren, u.a. Niklas Luhmann, der im evolutionären Dreischritt ein generelles Entwicklungsprinzip sozialer Systeme sieht.

 

Literatur:

„Es gehört zu den allgemeinen Annahmen dieses Buches, daß sowohl die genetische Veränderung als auch der Prozeß, der als Lernen (einschließlich der durch Gewohnheit und Umgebung induzierten Veränderungen) bezeichnet wird, stochastische Prozesse sind. In beiden Fällen handelt es sich meiner Ansicht nach um einen Strom von Ereignissen, der unter gewissen Aspekten zufällig ist, und in beiden Fällen haben wir einen nicht-zufälligen Selektionsprozeß, der verursacht, daß bestimmte unter den zufälligen Komponenten länger »überleben« als andere. Ohne das Zufällige gibt es nichts Neues.“

Bateson, Gregory (1979): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt (Suhrkamp) 1982, S. 181.

„1. drei Prozesse – Variation, Selektion und Retention – sind für Evolutionverantwortlich; 2. Verhaltensänderungen und genetische Mutationen sind zufällig und die Variationen, die für den Augenblick die Anpassung
fördern, werden ausgelesen und beibehalten; 3. die Prozesse der Variation und der Retention stehen im Gegensatz zueinander; 4. ein Rückgriff auf Begriffe wie Plan oder Außenleitung ist für die Erklärung des Evolutionsverlaufs nicht erforderlich; 5. mäßig hohe Mutationsraten sind für das Überleben und für evolutionäre Vorteile notwendig; 6. in komplexen Systemen führt die Mehrzahl der jeweils wirkenden Mechanismen eher zur Beschneidung als zur Förderung von Variation; 7. jegliche Ordnung, die erscheinen mag, verdankt sich der nachträglichen Erkenntnis eines Selektionssystems, nicht vorausschauender Variation; 8. Evolution ist wesentlich opportunistisch – gegenwärtige Vorteile
wiegen bei der Determination des Überlebens mehr als langfristige Nachteile; 9. Eigenschaften werden in der biologischen Evolution dann als adaptiv angesehen, wenn sie die Reproduktionschancen ihres Besitzers vergrößern; 10. Evolution kann als Aussiebungsmodell angesehen werden.“

Weick, Karl (1979): Der Prozeß des Organisierens. Frankfurt (Suhrkamp) 1985, S. 179.

 




3 Gedanken zu “31.2 Die Bildung und Erhaltung konkreter psychischer Strukturen bzw. des bewussten Beobachtens erfolgt – analog zur Logik evolutionärer Prozesse im Bereich lebender Systeme – in drei Schritten: Variation, Selektion, Retention.”

  1. Die Formulierung „selbstorganisiert“ suggeriert Kreativität. Die Systeme jedoch, von Masse und Energie zu Materie und deren Organisation zu organischer Materie ist ein genuiner Prozess kosmischer Natur. Der Generator ist die Sonne als Energiedonator, die so, gemäß E=mxc², zu Masse, bzw. zu Materie als einem differenzierten Ausdruck der Gravitation wird. Die Algorithmen der Organisationsprinzipien werden durch die Natürlichkeit der Kräfte der elektromagnetischen Wirkungen der Sonnenstrahlen genauso wirksam wie durch die der künstlichen Animation kraft der künstlichen Elektrizität.

  2. @1: Der Ausdruck „Generator Sonne“ macht m.E. verständlich, dass kein planender Ingenieur mit einer „kreativen“ Konstruktionsabsicht zu Werke geht, sondern dass durch die gegebene „Energiedonation“ ein „genuiner Prozess kosmischer Natur“ generiert wird, der sich evolutionär und autopoietisch selbst organisiert. Die Systeme sind also in einem intentionslosen und natürlichen Schöpfungsprozess aus sich selbst heraus „kreativ“ und „kreatürlich“.

  3. … „es werde Sicht“ (HvF);
    und „lernen lernen…“ bringt es mit sich,
    in weiser Voraussicht, nicht nur innerhalb des Konstrukts des eigenen Planquadrates,
    sondern angesichts unerwarteter Entwicklungen, „auf Sicht“ entscheiden zu lernen …

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