31.2.1 Variation: Seine sensorische Ausstattung stellt dem Neugeborenen eine (zunächst: ungeordnete) Menge von Wahrnehmungen bzw. Wahrnehmungsmustern zur Verfügung, die entweder mit angeborenen motorischen Reaktionen gekoppelt sind (=Reflexe) oder aber aufgrund von Lernprozessen mit motorischen Aktionen gekoppelt werden können (=Bildung senso-motorischer Muster – der Organismus als Beobachter).

Auch hier wird wieder aus der Perspektive eines außenstehenden Beobachters 2. Ordnung gesprochen, der Hypothesen über nicht direkt beobachtbare Phänomene erstellt, was – eigentlich nicht extra zu erwähnen ist, da es klar sein dürfte, dass Neugeborene nicht nach ihren internen Prozessen befragt werden können (Erwachsene sind in der Hinsicht allerdings  auch nur begrenzt auskunftsfähig). Es geht – wenn solche Aussagen gemacht werden – immer um die Interpretation und Erklärung des beobachteten Verhaltens, die von Erwachsenen vorgenommen werden, also um Spekulation, im besten Fall um gut begründete Spekulation.

Die Schilderungen der ersten Tage des fiktiven Jungen Joey, die Daniel Stern (als Babywatcher) liefert, helfen, eine Vorstellung davon zu entwickeln, was in einem Neugeborenen vorgehen mag (eine kondensierende Schilderung, abgeleitet aus der Beobachtung des Verhaltens einer Vielzahl von Säuglingen) (s. unten).

Offenbar beginnt die Formung der subjektiven Außenwelt des Babys mit einer Menge nebeneinander geordneter Sinneseindrücke, die bereits als Selektion aus der Menge potenzieller sensorischer Reize aufgrund ihrer Intensität „ausgesiebt“ werden.

 

Literatur:

„Für Joey sind fast alle Begegnungen mit der Welt dramatisch und vom Gefühl bestimmt. Elemente und Wesen dieser dramatischen Zusammentreffen sind für uns Erwachsene nicht offensichtlich. Von allen Dingen im Zimmer erregt der Sonnenschein an der Wand Joeys Aufmerksamkeit am meistn und hält ihn in Bann. Die Helligkeit und Intensität fasziniert ihn . Im Alter von sechs Wochen ist seine Sehfähigkeit schon recht gut entwickelt, wenn auch zur Perfektion noch einiges fehlt. Er erkennt bereits verschiedene Farben, Formen und Intensitätsgrade. Von der Geburt an hat er starke Vorlieben für bestimmte Dinge, die er ansehen möchte, für Dinge, die ihm gefallen. An erster Stelle steht dabei die Intensität einer Wahrnehmung, sie stellt in dieser Szene das wichtigste Element dar. Das Nervensystem eines Säuglings ist in der Lage, sofort die Intensität eines Lichts, eines Geräuschs, einer Berührung zu bestimmen, also der Reize, für die seine Sinne bereits ausgebildet sind. Die Intensität eines Gefühls einem Objekt gegenüber ist vermutlich sein erster Anhaltspunkt dafür, ob er darauf zugehen oder sich davon fernhalten soll. Intensität kann ihn dazu bewegen, Schutz zu suchen. Sie kann seine Aufmerksamkeit und Neugier leiten und sein inneres Erregungsniveau bestimmen. Ein schwacher Reiz (z.B. eine bei Tag brennende Lampe) besitzt für ihn nur wenig Anziehungskraft. Ist er zu intensiv (wie direkte Sonneneinstrahlung), meidet er ihn. Ist der Reiz jedoch mäßig  intensiv, wie der Reflex des Sonnenlichts an der Wand, ist der Säugling wie verzaubert. Die gerade noch erträgliche Intensität erregt ihn, er reagiert sofort darauf.“

Stern, Daniel N. (1990): Tagebuch eines Baby. Was ein Kind, sieht, spürt, fühlt und denkt. München Piper (1993) 25. Aufl, 2016, S. 24f. 

 




Ein Gedanke zu „31.2.1 Variation: Seine sensorische Ausstattung stellt dem Neugeborenen eine (zunächst: ungeordnete) Menge von Wahrnehmungen bzw. Wahrnehmungsmustern zur Verfügung, die entweder mit angeborenen motorischen Reaktionen gekoppelt sind (=Reflexe) oder aber aufgrund von Lernprozessen mit motorischen Aktionen gekoppelt werden können (=Bildung senso-motorischer Muster – der Organismus als Beobachter).“

  1. stimmt … die muß man erst mal machen lassen,
    bis sie selbst herausgefunden haben, was man „digitalisiert“
    mit zwei Händen mit jeweils vier Fingern plus zwei Daumen als Opponens so alles anstellen kann; wobei Däumchen in den Mund, von Neugeborenen zur selbstorganisierten Beruhigung recht schnell gelernt wird, nutzen zehn linke Daumen, ins Erwachsenenalter transferiert, nicht so besonders viel. Im praktischen Sinne kriegt man dann halt nicht so viel hin und umgesetzt. Auch wenn -rein rational- dazu die Einsicht da ist, im Erwachsenenstadium …

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