31.2.2 Selektion: Nach Maßgabe der Nicht-Anpassung (Registrieren eines Mangels bzw. einer Bedarfslage) selektiert der Organismus, welche Wahrnehmungen/Wahrnehmungsmuster mit welchen Verhaltensmustern beantwortet werden (= Selektion spezifischer senso-motorischer Muster – der Organismus als lernender Beobachter).

Bei Selektionsprozessen kommt es stets zu einem Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit. In einer Situation der Nicht-Anpassung wird das Mittel gewählt, das aktuell verfügbar ist – nicht das theoretisch bzw. aus der Außensicht eines Beobachters optimale Mittel zu Zweck. Das Qualitätskriterium ist, dass die jeweils notwendige Funktion hinreichend erfüllt wird und zur Verfügung steht.

Der Biologe Francois Jacob, der sich intensiv mit der Logik evolutionärer Prozesse beschäftigt hat, vergleicht die Evolution und ihre „Konstruktionsprinzipien“ für Strukturen mit der von Bastlern, die all das für ihre Zwecke verwenden, was sie in ihre Kramkiste finden (s. unten). Aber – um es auch hier noch einmal zu betonen – die Prinzipien, nach denen die biologische Evolution abläuft und die Logik, nach der Weltbilder entstehen, sind zumindest ähnlich, wenn nicht dieselben.

 

Literatur:

„Die Evolution schafft ihre Neuheiten, anders als der Ingenieur, nicht aus dem Nichts. Sie arbeitet mit dem, was bereits vorhanden ist, sei es, daß sie ein älteres System abändert und ihm eine neue Funktion zuweist, sei es, daß sie mehrere Systeme zu einem komplexeren zusammenfaßt. Für den Prozeß der natürlichen Auslese findet sich im menschlichen Verhalten keinerlei Entsprechung. Wenn man jedoch einen Vergleich benutzen möchte, so müßte man sagen, daß die natürliche Auslese nicht wie ein Ingenieur, sondern wie ein Bastler arbeitet; wie ein Bastler, der noch nicht weiß, ws er herstellen wird, der aber alles sammelt, was im unter die Hände kommt, ganz bunt zusammengewürfelte Dinge wie Bindfadenenden, Holzstücke, alte Kartons, die ihm eventuell als Material dienen können; kurz, wie ein Bastler, der das, was er um sich herum findet, benutzt, um daraus einen brauchbaren Gegenstand zu machen. Der Ingenieur geht erst ans Werk, wenn die Rohstoffe, die exakt seinem Plan entsprechen, vorhanden sind. Dagegen weiß sich der Bastler mit irgendwelchen Abfällen zu helfen. Die Gegenstände, die er herstellt, sind in in den meisten Fällen nicht Bestandteil eines Gesamtplans. Sie sind das Resultat einer Reihe von zufälligen Ereignissen, das Ergebnis all jeder Gelegenheiten, bei denen der Bastler seinen Vorrat an Gerümpel erweitern konnte.“

Jacob, Francois (1981): Das Spiel der Möglichkeiten. Von der offenen Geschichte des Lebens. München (Piper) 1983, S. 50f.

„Weiter verändert sich, wenn man von komplexen Systemen handelt, der Begriff der Selektion. Selektion kann jetzt nich mehr als Veranlassung eines Subjekts, nicht handlungsanalog begriffen werden. Sie ist ein subjektloser Vorgang, eine Operatin, die durch Etablierung einer Differenz ausgelöst wird. Auch hierin ist Darwin der wichtigste Vorläufer dadurch, daß er die evolutionäre Selektion nicht von einem Ordnungswillen her, sondern von der Umwelt her begriffen hat. Die Kontingenzphilosophie und der Pragmatismus haben darauf aufgebaut und diesem Selektionsverständnis die größtmögliche ontologische Reichweite gegeben, und  auch die Soziologie hat sich dadurch beeindrucken lassen. Seitdem gilt Selektion als Grundbegriff jeder Ordnungstheorie, und man vermeidet dabei den Rückgriff auf ein System, das die Entstehung von Ordnung auf Grund überlegener eigener Ordnungsmacht erklärt. An die Stelle dieser Rückführung setzen wir die Rückführung auf Differenz. Zunächst scheint es dabei vor allem die System/Umwelt-Differenz zu sein, die erzwingt, daß das System sich durch eigene Komplexität selbst zur Selekton zwingt. Ähnlich wie im semantischen Raum von »Anpassung« ist also auch im semantischen Raum von »Selektion« die Theorie selbstreferentieller Systeme vorbereitet.“

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp), S. 56f.




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