31.2.4 Die selektierten und retendierten/bestätigten senso-motorischen Muster sind als kognitive Muster bzw. als verkörpertes Wissen zu betrachten: Sie beschreiben die Lebenswelt des Kindes, d. h. seinen Organismus in Interaktion mit seinen physischen und sozialen Umwelten.

Hier wird wieder die oben bereits gegebene, vom üblichen Sprachgebrauch abweichende Definition von Kognition (s. Sätze 28ff.) gebraucht. Insofern können Aussagen über die Evolution der Strukturen des Organismus (über die Generationenfolge) und Aussagen über die Evolution individueller kognitiver bzw. senso-motorischer Strukturen (über Phasen der individuellen Entwicklung) als der gleichen Dreischritt-Logik evolutionärer Prozesse folgend betrachtet werden.

 

Literatur:

„Ebensogut könnte man sich durch die Tatsache, daß das Denken bei seinen Bemühungen um Erklärung ständig auf glückliche oder unglückliche Zufälle stößt, und dadurch, daß seine Hypothesen und Versuche zwangsläufig einer Selektion durch die Ergebnisse der Erfahrung unterliegen, zu dem Schluß verleiten lassen, nicht nur diese mehr oder weniger endogenen Hypothesen, sondern auch das Denken als solches hänge allein von diesen Zufällen und Selektionen ab. Dabei bliebe erstens unberücksichtigt, daß nur diejenigen Zufälle als glücklich zu bezeichnen sind, die das Subjekt zu nutzen weiß, und zweitens, daß sich nur diejenigen Hypothesen durchsetzen, die aus einer guten Organisation der Erfahrung resultieren. Zweifellos ist der Organismus weniger aktiv als das Denken, so daß unser Vergleich quantitativ nicht ganz symmetrisch ist. Doch qualitativ ist er richtig, was im Hinblick auf die zwischen der des Organismus und der des Denkens leigenden Ebene des Instinkts ganz deutlich wird.“

Piaget, Jean (1967): Biologie der Erkenntnis. Über die Beziehungen zwischen organischen Regulationen und kognitiven Prozessen. Frankfurt (Fischer), 1983,  S. 284.

„Evolutionen sind eine weitere Sinnfunktion der Kommunikation, in der Unsicherheiten der Kommunikation ausgebreitet werden, in der Unsicherheiten der Kommunikation ausgeweitet werden, indem unklar gehalten wird, wie Selektionen  mit Variationen umgehen, positiv, negativ oder indifferent. Die Unklarheit kommt ins Spiel, indem die Selektion sich nicht an der Variation und ihrer möglichen Attraktivität, sondern an der Restabilisierung des evolutionären Zusammenhangs (oder Systems) misst. Dabei geht es nicht nur darum, dass sich die Variation bewähren, sondern auch darum, dass der Rest des Systems die Selektion der Variation verarbeiten können muss. Was nutzt es, sich einen neuen Zuchtbullen auf den Hof zu stellen, wenn die Kühe nicht mit ihm zurande kommen (falls sie die Wahl haben)?

(…)

Wir haben es hier erstmals mit einem Dreierschema zu tun. Die Variation ist dreifach bestimmt, nämlich durch ihren eigenen Unterschied und durch die beiden Unterscheidungen zu Selektion und zur Retention, ganz im Gegensatz zur verbreiteten Auffassung, es handle sich bei ihr um Zufall. Die Selektion ist doppelt bestimmt, als Selektionsmechanismus, der sich bewähren muss, und im Unterschied zum System, das stabilisiert werden soll. Und die Retention ist einfach bestimmt, nämlich nur im Blick auf das System, das sich evolutionär in der Auseinandersetzugn mit einer Umwelt reproduzieren muss.“

Baecker, Dirk (2005): Form und Formen der Kommunikation. Frankfurt (Suhrkamp), S. 238f.




2 Gedanken zu „31.2.4 Die selektierten und retendierten/bestätigten senso-motorischen Muster sind als kognitive Muster bzw. als verkörpertes Wissen zu betrachten: Sie beschreiben die Lebenswelt des Kindes, d. h. seinen Organismus in Interaktion mit seinen physischen und sozialen Umwelten.“

  1. @“Was nutzt es, sich einen neuen Zuchtbullen auf den Hof zu stellen, wenn die Kühe nicht mit ihm zurande kommen (falls sie die Wahl haben)?“

    Die Kühe würden sich an die senso-motorischen Muster des Zuchtbullen zu gewöhnen haben. Alternativ zum Natursprung wäre die künstliche Besamung die Methode der Wahl, wobei es wiederum zwei Wahlmöglichkeiten gibt: Frisch- oder Gefriersperma. In der Rinderzucht wird vor allem Gefriersperma verwendet. Dann wissen weder die Kuh noch das Kalb, wer der Papa ist. https://www.sueddeutsche.de/muenchen/wolfratshausen/rinderzucht-die-sackschaukler-von-greifenberg-1.1024701

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