31.3 Mit der Geburt wird der Mensch – ohne sich dessen zunächst bewusst zu sein – zum Teilnehmer an einem Kommunikationssystem, da sein Verhalten von anderen Menschen beobachtet und ihm Bedeutung zugeschrieben bzw. zwecks Informationsgewinn interpretiert wird.

Zur Illustration wieder die Schilderung der ersten Lebenswochen aus dem „Tagebuch eines Babys“ – des fiktiven Joey – von Daniel Stern. Er zeigt, dass mit der regelmäßigen (schönes Wort, das deutlich macht, was ihre Funktion ist) Wiederholung von Interaktionssequenzen zwischen Mutter und Kind beim Kind eine Erwartungshaltung entsteht. Und Erwartungen sind es, die dafür sorgen, dass Regeln erhalten werden. Denn die Mutter weiss (wahrscheinlich), dass ihr Kind erwartet, dass sie ihm die Brust gibt, wenn sie das schon etliche Male zuvor getan hat. Hier ist schon zu Beginn des sozialen Lebens zu studieren, wie soziale Spielregeln sich etablieren und erhalten (durch Erwartungs-Erwartungen).

 

Literatur:

„Joeys Hungerschrei verfehlt nicht seine Wirkung als Signal, seine Mutter kommt zu ihm. Noch bevor sie ihre Bluse aufknöpfen und Joey an die Brust legen kann, hat sie bereits vier neue Elemente in seine Welt eingebracht: Geräusche, Berührung, Bewegung und eine neue Körperhaltung. Diese vier Elemente überschneiden sich und bilden die »Hülle«, welche die »weiten, leeren Räume« wegschiebt.“ (S. 43)

[…]

„Bevor seine Mutter das Zimmer betrat, war Joeys subjektives Bewegungsgefühl vor allem durch Wellen bestimmt, die sich explosionsartig ausdehnten und dann in sich zusammenfielen. Durch die Lageveränderung im Raum läßt seine Mutter eine Gegenbewegung entstehen, die wiederum die Kraft der Schrei-»Bewegung« bricht.

Joey fängt an zu begreifen, daß diese durch das Eingreifen seiner Mutter eintretenden Veränderungen eine Erleichterung seines Unbehagens ankündigen. Er beginnt Erwartungen auszubilden über das, was kommen wird. Schließlich hatte er bereits ausreichend Gelegenheit zu lernen, daß das Auftauchen seiner Mutter und ihre Handlungen für ihn letzlich immer bedeuten, daß sein Hunger gestillt wird. Wenn wir annehmen, daß re im Schnitt fünfmal täglich trinkt, hat er im Alter noch sechs Wochen bereits zweihunderundzehn Gelegenheiten gehabt, diesen Zusammenhang herauszufinden. Er ist ein kluges Kind und wird allmählich zum Experten für derartige Erwartungen. Diese zunehmende Erwartungshaltung ist das »vage Versprechen«, das »hervorquillt«. Man kann beobachten, daß hungrige Säuglinge bereits im Alter von ein paar Wochen ruhiger werden, sobald ihre Mutter nur den Raum betritt. Ich vermute, daß dies zum Teil aufgrund deer konkurrierenden Reize geschieht, die sie auslöst. Aber es ist auch der Beginn einer Erwartungshaltung, die mit etwa drei Monaten deutlicher ausgeprägt sein wird.“ (S. 45f.)

Stern, Daniel N. (1990): Tagebuch eines Babys. München (Piper) 25. Auflage 2016.




Ein Gedanke zu „31.3 Mit der Geburt wird der Mensch – ohne sich dessen zunächst bewusst zu sein – zum Teilnehmer an einem Kommunikationssystem, da sein Verhalten von anderen Menschen beobachtet und ihm Bedeutung zugeschrieben bzw. zwecks Informationsgewinn interpretiert wird.“

  1. Kennen Sie auch:
    Die Lebenserfahrung des Säuglings, 18. November 2016, 418 Seiten, 45 Euro
    von Daniel Stern (Autor), Elisabeth Vorspohl (Bearbeitung), Wolfgang Krege (Übersetzer)
    Wie erleben Säuglinge ihre Welt, und wie erleben sie sich selbst darin? Auch von Kindern, die noch nicht sprechen, können wir etwas darüber erfahren. Und wir sind nicht ausschließlich auf die Rekonstruktionen der frühen Kindheit angewiesen, die Erwachsene mit Hilfe eines Psychoanalytikers leisten. Die moderne Säuglingsforschung hat experimentelle Methoden entwickelt, die es erlauben, schon dem Säugling Fragen zu stellen, die er beantworten kann, – nicht verbal, aber durch Blicke und Bewegungen, und speziell durch Saugen. Angeleitet durch solche Auskünfte unternimmt Daniel Stern den Versuch, sich in die innere Welt des Säuglings hineinzudenken: ein Vorgehen, das in der Geschichte der Psychologie ohne Beispiel ist.

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