31.3.1 Das Verhalten des Neugeborenen wird als Mitteilung (z.B. als Ausdruck eines Bedürfnisses wie Hunger, Durst etc.) verstanden (=Variation) und entsprechend der Spielregeln des jeweiligen sozialen Systems von einem jeweils unterschiedlichen Verhalten anderer Menschen beantwortet (=Selektion).

Das Verhalten des Kindes – so lässt sich vermuten – ist primär durch seine Affekte gesteuert. Es erlebt einen ganzkörperlichen Notstand, wenn es zu wenig zu trinken bekommt, und es schreit. Es  selbst ist zu diesem Zeitpunkt – in den ersten Wochen seines Lebens – nicht in der Lage zwischen unterschiedlichen Gründen für den erlebten Notstand zu unterscheiden. Das erlernt es erst, wenn die Menschen in seiner Umgebung solch eine Differenzierung anbieten.

Das Kind schreit, die Mutter spricht beruhigend mit ihm, nennt den Grund des Schreiens (z.B. „Hat meine Kleine Hunger? Die Mama ist ja schon da…“ usw.) und gibt dem Kind die Brust. Auf diese Weise „übersetzt“ sie das Schreien, das Ausdruck eines Globalgefühls des Kindes ist, in eine differenzierende Ursachen-Zuschreibung. So lernt das Kind, körperinterne Ungleichgewichtszustände bzw. durch sie ausgelöste Irritationen des Bewusstseins zu unterscheiden und zu bezeichnen.

Dies ist ein wesentlicher Schritt des Erlernens kultureller Interpretationsregeln und der Spielregeln des Umgangs mit individuellen Bedarfen. Er gelingt aber nur, wenn die Mutter (oder wer immer ihre Funktion übernimmt) empathisch genug ist, um das Verhalten des Babys „passend“ zu deuten. Und selbst dann gibt es große kulturelle Unterschiede, wie mit einem weinenden Kind umzugehen ist („Schreien ist gut für die Lungen…“).




8 Gedanken zu „31.3.1 Das Verhalten des Neugeborenen wird als Mitteilung (z.B. als Ausdruck eines Bedürfnisses wie Hunger, Durst etc.) verstanden (=Variation) und entsprechend der Spielregeln des jeweiligen sozialen Systems von einem jeweils unterschiedlichen Verhalten anderer Menschen beantwortet (=Selektion).“

  1. @“Hunge? Die Mama ist ja schon da…“ usw.) und gibt dem Kind die Brust. Auf diese Weise „übersetzt“ sie das Schreiben“

    Hunger
    Schreien

  2. @„Schreien ist gut für die Lungen…“
    Schon Neugeborenen kann man anhören, in welcher Sprache sie schreien. Das hat ein Forscherteam in Würzburg herausgefunden. Demzufolge schreien französische Babys mit ansteigendem, deutsche mit absteigendem Melodieverlauf. Sollte Ihr Baby aber den ganzen Tag extrem laut schreien, bis es 35 ist, und dann von zuhause ausziehen, ist es wahrscheinlich Italiener.

  3. Babys „schreien“ sehr differenziert…
    weinen, jammern, schreien …
    und das erfordert unterschiedliche Zuwendung, füttern, rumtragen, warm anziehen, hochnehmen …
    auch von unterschiedlichen Personen…
    Selvini hat berichtet wie kleinste Kinder schon soziale Verhältnisse unterscheiden ..

  4. @4
    https://www.zeit.de/1987/10/die-vertrackten-regeln-des-familienspiels/komplettansicht
    Darin u. a.: „Und bei der Beschäftigung mit den Familienspielen wurde fast unmerklich etwas Altes wiederentdeckt: das Individuum. Die Spiele haben nicht nur Regeln, sondern jeder Spieler hat auch eine Rolle und einigen Spielraum für ihre Interpretation. Das gilt vor allem für die Hauptrolle, die in der Regel dem Patienten zufällt. „Wir waren, wie alle Neubekehrten, zunächst katholischer gewesen als der Papst“, sagt Mara Selvini Palazzoli und nennt die neue Verbindung von systemischem und individualpsychologischem Denken den „komplexen Ansatz“. Ihre neue, vorläufig (das betont sie lachend) letzte Theorie zur Entstehung von Psychosen sieht so aus: Es begann mit Giusi, einem chronisch magersüchtigen, psychotischen Mädchen von 20 Jahren, das seine Mutter mit so ausgesuchter Grausamkeit quälte, daß Mara Selvini Palazzoli fand: da muß noch jemand dahinter stecken. Giusis Mutter war stolz auf ihre Karriere als Geschäftsfrau; der Vater, beruflich weniger erfolgreich, rächte sich mit beharrlichem Schweigen – eine Pattsituation gegenseitiger Provokation. Das ist gewöhnlich die Ausgangssituation. Das Kind beobachtet sie, liiert sich mit dem vermeintlichen „Verlierer“ gegen den vermeintlichen „Gewinner“. Es fängt an, sich auffällig zu benehmen, macht zum Beispiel keine Schulaufgaben mehr, um die Mutter zu zwingen, früher nach Hause zu kommen. Der „Verlierer“ versteht das in der Regel nicht, verbündet sich mit dem „Gewinner“, und beide bestrafen das Kind. Dies, mißverstanden und zurückgewiesen, verstärkt sein abweichendes Verhalten zur Psychose, von der zum Schluß alle Familienmitglieder annehmen, daß sie unheilbar sei. Damit wird sie zementiert.“

  5. entscheidend ist die doppelte Rolle, die der Elternteil spielt, der sich als Verlierer fühlt in der Partnerschaft,
    er/sie bietet sich dem Kind als „verständnisvoller, unterstützender Freund“ an, um dann wieder in die Rolle des Erziehenden zu wechseln als Vater/ Mutter..
    das ist der „Betrug“, die Verwirrung,
    da gibt es keinen Boden mehr unter den Füßen …
    das Kind verliert jede Orientierung …

  6. @7 … oder das Kind spielt die beiden Elternteile gegeneinander aus, weil es die Seiten wechseln kann, wenn der eine Elternteil etwas fordert oder zu streng oder strafend ist.

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