31.4 Durch die Einbindung des individuellen Verhaltens in einen interaktiven Kontext vollzieht sich für jeden Menschen die Schließung eines Rückkopplungskreises zwischen Sensorium und Motorik, d. h. zwischen individueller Wahrnehmung und individuellem Verhalten bzw. umgekehrt zwischen individuellem Verhalten und individueller Wahrnehmung.

Das gilt selbstverständlich nicht nur für Babys, wie Daniel Stern und andere „Baby Watcher“ es ausführlich studiert haben, sondern auch für alle Erwachsenen. Es geht immer um die operationale Schließung zwischen sensorischen „Input“ und motorischem „Output“ – wobei die beiden Begriffe In- und Output in Anführungsstriche gesetzt sind. Denn nur für einen Beobachter zweiter Ordnung ist der Organismus eine abgegrenzte Einheit mit „Ein-“ und „Ausgängen“. Für das Nervensystem ist das nicht der Fall, denn die vermeintliche Umwelt ist lediglich ein Verbindungsglied, das für die Schließung von des Nervensystems – die Kopplung des sogenannten Inputs an den Output bzw. umgekehrt – sorgt (vgl Maturana).

 

Literatur:

„Stellen wir uns (…) drei von mehreren möglichen nicht  veränderlichen (invarianten) Elemente einer Armbewegung vor. Das erste Element ist die Intention (der normalerweise unbewußte Entschluß, den Arm zu bewegen). Sie leitet die Bewegung ein und stellt sozisagen ihre Planung dar. Das zweite Element wäre dann das muskuläre Feedback während und nach der Ausführung der geplanten Bewegung, und das dritte Element besteht darin, daß das Kind die Bewegung des Armes sieht.

Auch im Beisein seiner Mutter erlebt Joey, wenn er seinen Arm bewegt, alle drei invarianten Elemente. Er spürt seinen Entschluß und die Rückkopplung seiner Muskeln, und er sieht, wie der Arm sich bewegt. Diese typische Konstellation von Invarianten läßt allmählich einen zu Joey gehörenden Selbstprozeß hervortreten. Bewegt dagegen die Mutter in seinem Beisein ihren Arm,d ann sieht er zwar die entsprechende Bewegung, erlebt aber weder den Entschluß noch die muskuläre Rückkopplung.“

Stern, Daniel N. (1990): Tagebuch eines Babys. München (Piper) 25. Auf. 2016, S. 59.

„Die Organisation des Nervensystems als eines finiten neuronalen Netzwerks ist (…) durch im Bereich der neuronalen Interaktionen geschlossene Relationen definiert. Sensorische oder Effektorneuronen, wie sie von einem Beobachter beschrieben würden, sind davon nicht ausgenommen, da alle sensorische Aktivität eines Organismus zur Aktivität seiner Effektoroberflächen führt und alle Effektoraktivität siene sensorischen Obeflächen verändert. Es ist an dieser Stelle irrelevant, daß ein Beobachter Umweltelemente zwischen den Effektoroberflächen und den sensorischen Oberflächen des Organismus erkennt, da das Nervensystem eben durch die Interaktionen seiner neuronalen Bestandteile und somit unabhängig von intervenierenden Elementen als ein Netzwerk neuronaler Interaktionen definiert ist. Solange daher das neuronale Netzwerk in sich geschlossen bleibt, ist seine Erscheinungswelt die Erscheinungswelt eines geschlossenen Systems, in dem neuronale Aktivität stets zu neuronaler Aktivität führt. Dies gitl auch dann, wenn das Milieu das Nervensystem beeinflußt und seinen Status dadurch verändert, daß es als unabhängiges Agens an irgendeiner neuronalen Rezeptoroberfläche eingreift. (…) Das Nervensystem hat als ein geschlossenes neuronales Netzwerk weder Input noch Output, und es gibt kein Merkmal seiner Organisation, das es ihm ermöglichte, in der Dynamik seiner Zustandsveränderungen zwischen möglichen internen und externen Ursachen für diese Zustandsveränderungen zu unterscheiden.“

Maturana, Humberto, Francisco J. Varela (1975): Autopoietische Systeme: Ein Bestimmung des Lebendigen.In: Maturana, Humberto (1982) Erkennen: Die Organisation und Verkörperung vn Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 228f.




Ein Gedanke zu „31.4 Durch die Einbindung des individuellen Verhaltens in einen interaktiven Kontext vollzieht sich für jeden Menschen die Schließung eines Rückkopplungskreises zwischen Sensorium und Motorik, d. h. zwischen individueller Wahrnehmung und individuellem Verhalten bzw. umgekehrt zwischen individuellem Verhalten und individueller Wahrnehmung.“

  1. @“interaktiver Kontext“
    Ist damit bereits die Kopplung an die Umwelt (soziales System) gemeint oder vollzieht sich die Schließung eines Rückkopplungskreises in jedem individuellen Menschen – auch unabhängig von seiner Umwelt (falls dieser dann überhaupt überlebensfähig sein sollte).
    Oder ist hier die soziale Interaktion gemeint?

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