31.4.1 Die Beobachtung des eigenen Verhaltens und des Verhaltens der anderen Interaktionsteilnehmer sowie die jeweils gegenseitige Deutung (=Erklärung) der Verhaltensweisen als einerseits Mitteilung und andererseits Verstehen der Mitteilung ermöglicht die An- und Einpassung (Assimilation und/oder Akkomodation) eines Menschen an das soziale System, dessen Mitglied er ist, d.h. seine Teilnahme an der Kommunikation.

Es sind immer Beobachter, die andere Beobachter beobachten und unterstellen, dass sie von ihnen auch beobachtet werden. Da sie ihrem eigenen wie dem fremden Verhalten Sinn zuschreiben, können sie – die Ähnlichkeit zwischen sich und dem/den anderen voraussetzend – erwarten, dass die anderen es genauso machen und eigenem wie fremdem Verhalten Sinn zuschreiben. Die Koordination von Akteuren (bzw. ihrer Handlungen) wird dadurch möglich, dass sie als Beobachter nicht nur gegenseitig ihr Verhalten wahrnehmen, sondern dass sie es auf seinen Sinn hin „untersuchen“ (oder besser gesagt: einen Sinn erfinden, den sie dem beobachteten Verhalten zuschreiben). Die Funktion menschlicher Kommunikation – so lässt sich zusammenfassen – besteht nicht im Transport von Nachrichten, sondern in der Koordination von Akteuren und ihren Aktionen. Und sie erfolgt durch die wechselseitige Interpretation des beobachteten Verhaltens.

Etwas direkter formuliert: Man muss das Verhalten seiner Mitmenschen als Teilnahme an Kommunikation interpretieren, um sich an der Kommunikation beteiligen zu können.

 

Literatur:

[Die  Konsequenz all dieser Überlegungen ist,] „dassKommunikation nicht direkt beobachtet, sondern nur erschlossen werden kann. Um beobachtet werden oder um sich selbst beobachten zu können, muss ein Kommunikationssystem deshalb als Handlungssystem ausgeflaggt werden. Auch die mitlaufende Selbstkontrolle […], funktioniert nur, wenn man am Anschlusshandeln ablesen kann, ob man verstanden worden ist oder nicht.“

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp),  S. 226.

 




20 Gedanken zu “31.4.1 Die Beobachtung des eigenen Verhaltens und des Verhaltens der anderen Interaktionsteilnehmer sowie die jeweils gegenseitige Deutung (=Erklärung) der Verhaltensweisen als einerseits Mitteilung und andererseits Verstehen der Mitteilung ermöglicht die An- und Einpassung (Assimilation und/oder Akkomodation) eines Menschen an das soziale System, dessen Mitglied er ist, d.h. seine Teilnahme an der Kommunikation.”

  1. Die „Ähnlichkeit“ zwischen den Akteuren scheint mir unterbeleuchtet und doch zentral. Ähnlichkeit meint einerseits physiologische Ähnlichkeit, oder vorausgesetzte physiologische Ähnlichkeit – das Nichtwahrnehmen von physiologischen Unterschieden im Hier und Jetzt (man kann ja nicht in die Ohren des anderen schauen, sondern muss voraussetzten, dass da Flimmerhaare drinnen sind). Es meint aber vermutlich auch Ähnlichkeiten hinsichtlich der erlernten Regeln, die die Interpunktion des Lautstroms steuern. Und diese Regeln machen Sprache und Kommunikation zu einer öffentlichen Angelegenheit. Es geht mE gar nicht so sehr um einzelne Sprachsequenzen, es geht viel grundlegender um die Regeln, die das Hervorbringen dieser Sequenzen steuern. Und damit ist man bei Regeln des „Hervorbringens von etwas“ – beim Handeln.

  2. @1 sehe ich ähnlich …

    der Kontext setzt den Akzent oder die Akzente im Hier und Jetzt …

    wobei das „Nichtwahrnehmen physiologischer Unterschiede im Hier und Jetzt“ und
    ein gleichzeitiges „Hervorbringen von etwas“, sprich ein unmittelbares „ins Handeln springen“ , wobei der Kontext den aktuelle Fokus zwischen Wesentlich und Unwesentlich lenkt.
    Die unmittelbare Ansprechbarkeit resultiert dabei aus den erlernten Regeln, die allerdings bisweilen von obsoleten Mythen besetzt sein können.
    Im Notfall dreht es sich dann darum, möglichst klare Grenzen zu setzen, die eigenen Grenzen zu kennen und u.U. auch darum, Andere zurückzudrängen und in ihre Grenzen zu verweisen, die bestimmte Regeln nicht zu kennen scheinen bzw. diese ignorieren. (betrifft z.B. bestimmte Beobachter als sensationslüsterne Gaffer)

    Hier etwas zu den Mythen:
    https://www.youtube.com/watch?v=V52AsGVaReU

  3. sorry, zu früh abgeschickt ohne den Text nochmals zu lesen.

    Dieser Satz muß natürlich heißen:

    … wobei das „Nichtwahrnehmen physiologischer Unterschiede im Hier und Jetzt“ und
    ein gleichzeitiges „Hervorbringen von etwas“, sprich ein unmittelbares „ins Handeln springen“ durch erlernte Regeln gesteuert wird, sobald ein bestimmter Kontext den bislang aktuellen Fokus zum Umfokussieren zwingt und im anschließenden Handeln auch den Unterschied zwischen Wesentlich und Unwesentlich lenkt.

  4. Sitzen sich zwei Personen gegenüber (ob nun Mann und Frau oder Therapeut und Patient oder Chef und Mitarbeiter), und schauen sie sich gegenseitig in die Augen, dann werden sich im Lauf des Gespräch ihre Mimik und Gestik angleichen: Sie werden zur gleichen Zeit lächeln oder gähnen, gleichzeitig die Beine übereinander schlagen und sich z.B. in Gesprächen mit Slavoj Zizek zwanghaft an die Nase fassen.
    Das hängt mit den sogenannten Spiegelneuronen zusammen, den Gehirnzellen, die emotionale Empathie ermöglichen.

  5. Das „Nachmachen“ muss nicht mit Spiegelneuronen zusammenhängen. Es kann auch anders erklärt werden. Das ist nur eine mögliche Erklärungsform und ich halte sie für wenig plausibel. Im Gehirn gibt es keinen „Spiegel“, da drinnen ist es vollkommen neutral; wir sollten endlich damit aufhören, sozial Geformtes in Biologisches zu verfrachten. Eher denke ich, dass beim Beobachten von Verhaltensweisen jene sensomotorischen Muster/Neuronen feuern, die dieses Verhalten bei einem selbst auch produzieren und diese sensomotorischen Muster werden beobachtend aktiv. Nun liegt nichts näher, als dass sie das Verhalten auch bei mir produzieren. Wir haben eben alle Nasen, Hände und Ohren und auch alle (im Idealfall) einen sensomotorischen und somatosensorischen Cortex.

  6. Danke Andrea!
    Wie gesagt, die sog. Spiegelneuronen sind auch nur eines der Erklärungsmuster.

    Meines Erachtens kommt man in diesem gesamten Begriffschaos auch nur bei,
    wenn endlich mal klar wird (und dies entspricht auch der klaren eindeutigen und gleichermaßen vielfältigen Sprache in meinem Elternhaus

    1) Das Wunder des Lebens läßt sich für uns Menschen nicht ergründen. Punkt
    2) Wir alle sind endliche Menschen. Was danach kommt, wissen wir nicht.
    3) Für uns alle stellt sich die Herausforderung, das eigene Leben so anzunehmen, wie es nun einmal ist. Denn niemand kann jemals aus seiner Haut heraus.
    4) Der Tod gehört als natürlicher Prozeß zum Leben dazu und ist als solcher auch eher als Freund, denn als Feind zu betrachten, sofern er nicht in grausamster Weise „man made“ verursacht wurde.

    Friede den Hütten! Krieg den Palästen

    https://www.youtube.com/watch?v=5mDP59K1_70

  7. @ „ermöglicht die An- und Einpassung (Assimilation und/oder Akkomodation) eines Menschen an das soziale System, dessen Mitglied er ist, d.h. seine Teilnahme an der Kommunikation.“

    ermöglicht auch den Widerspruch
    s. Kehrwoche ..

  8. „Die von Männern gemachte Realgeschichte erweist sich letztlich nur als eine sinnlose Wiederholung von Gewalttätigkeiten im Gegenzug zu allem, vom Butt ursprünglich inspirierten Hoffnungen auf eine bessere Welt. Stets nur wird hier ein „männliches Herrschaftsprinzip“ (..) vertreten, das im Versuch der geschichtlichen Entwicklung einen Sinn abzugewinnen, vom Postulat eines lenkenden Geistes (..) über Hegels „Weltgeist“-Konstruktion (…) bis zu jenem „Fortschrittswahn“ reicht, der neuerdings „Raketen und Überraketen in den sinnlosen Weltraum schießt. (..) Als Initiator dieses destruktiven Prinzips der Weltgeschichte, die sich zugleich als Leidensgeschichte der Frauen enthüllt, steht deshalb der Butt auch in einer Art „Jüngstem Gericht“ (..) vor dem Berliner Tribunal. Indessen stellt spätestens hier sich die Frage, ob nach der ideologischen „Umfunktionierung“ des Fisches die Probleme sich wesentlich anders stellen-, ob also die Geschichte als „Gegengeschichte“ des Kochens und feministischer Emanzipationsbelange auf eine nunmehr humanere Menschheitsgeschichte zu hoffen erlaubt. Diese Frage wird zwar gestellt, aber nicht beantwortet. Der sonst allwissende Erzähler des Märchenromans will sich gerade hier nicht festlegen. Stattdessen vermerkt er – immer noch skeptisch – die Gefahr, daß in einer militant feministischen Frauenherrschaft durchaus das gleiche sich wiederholen könnte wie unter Männern. Denn indem die Geschichte sich invariant entfaltet, ist sie von einer potentiell gleich sinnlosen Folge von Unterdrückung und Destruktion bedroht. Emanzipation meint also nicht eine Kopie der Männer durch die Frauen, sondern die Suche nach einem dritten Weg, der sich negativ zunächst in einem solidarischen Widerstandgegen das männliche Prinzip, in welcher Rolle auch immer zu bewähren haben wird.“

    Karl Menges
    „Das Private und das Politische.
    Bemerkungen zur Studentenliteratur,
    zu Handke, Celan und Grass“
    Hans-Dieter Heinz Akademischer Verlag Stuttgart 1987, S.114 f

  9. 10) Sehr schöne Zeilen. Danke. Es ist doch auch die Qualität eines Textes, die das Herz zum Schwingen bringt. Meines zumindest. Es ist wichtig, wie (!) etwas geschrieben ist. Guten Abend in den Blog.

  10. @9: „auch den Widerspruch“
    Widerspruch ist Teil der Kommunikation, der sich zwar nicht völlig integriert oder gar assimiliert haben mag, aber sich immerhin den Spielregeln unterwirft.

  11. @ 9
    da bin ich mir nicht so sicher
    schon Widerspruch kann die Regel verletzen, dass Widerspruch nicht erlaubt ist
    und als Verrat oder Bedrohung erlebt wird ..

    s. Watzlawick & Weakland – Interaktion – die ruhige Familie

  12. „Auf die alte Goethesche Frage: warum aus liebenswürdigen Kindern so unausstehliche Erwachsene werden? lautete heute eine erste Antwort: dies geschähe aus dem Geiste des Widerspruchs von Lohnarbeit und Kapital.“ Peter Brückner (1922–1982), deutscher Sozialpsychologe und Psychoanalytiker, 1972
    Peter Brückner war ein deutscher Kritischer Sozialpsychologe und Hochschullehrer. Wegen seines politischen Engagements wurde er in den 1970er Jahren zu einer Symbolfigur der Neuen Linken in Westdeutschland.

  13. dieses in diesem FBS Satz beschriebene Lernen
    konnte der Hirbel perfekt
    „Das war der Hirbel“ von Peter Härtling

    unvergessen, wunderbar 😀

  14. Der Hirbel ist ein kleiner Junge mit dünnem Haar und viel zu klein ist er für sein Alter, denn er sieht wie sechsjährig aus, ist aber schon fast 10 Jahre alt. Bei seiner Geburt ist irgendwas passiert, der Arzt hat ihn am Kopf verletzt, als er ihn mit der Zange aus dem Leib der Mutter geholt hat. Seine Mutter will ihn nicht und so kommt er schließlich in ein Heim. Aber auch dort weiß man nicht richtig mit ihm umzugehen, denn der Hirbel ist nicht so wie die anderen. Er hat Schwierigkeiten, die Worte für Sachen zu finden und aus den Worten Sätze zu machen, er hat viele Kopfschmerzen und oft weiß er sich anders nicht zu helfen als in den Schrank zu kriechen und dort im Dunkeln Schutz zu suchen. Und schreien kann er laut und lang, so laut und lang, dass alle anderen davon fürchterlich genervt sind. Manchmal prügelt er sich auch und der Hirbel ist so stark wie er klein ist, er macht den anderen Kindern Angst. Das Fräulein Maier aus dem Heim, das mag ihn, sie kümmert sich ein wenig um ihn, aber der Hirbel ist misstrauisch, zu oft hat er schon gemerkt, wie oberflächlich Erwachsene sein können, wenn sie freundlich zu ihm sind.
    Der Hirbel ist nicht dumm, er ist nur anders schlau als die anderen. Schnell lernt er, was die Psychologinnen von ihm hören wollen, damit sie zufrieden sind mit ihm. Und er merkt schnell, wer ihn leiden kann oder nicht, und dann weiß er sich auch zu wehren, nicht mit Schlägen, sondern indem er die anderen entlarvt, ihnen Fallen stellt, in denen sie sich verheddern. Und so lernt er all die Sachen, mit denen er in einem Heim überleben kann. Und singen kann er, der Hirbel, besser als alle anderen, singen kann er wie ein Engel….
    Der „Hirbel“ ist ein trauriges Buch ohne Happy End, ganz im Gegenteil. Härtling lässt an keiner Stelle des Buches Zweifel daran, dass die Umwelt des Hirbel, damit also unsere ganze Gesellschaft (das Buch wurde 1973 erstmals veröffentlicht), nicht in der Lage ist – oder auch willens – mit Menschen, die wegen einer Behinderung oder Krankheit anders sind, umzugehen. Die gesellschaftliche Lösung ist es eben, diese in ein Heim zu bringen, wegzusperren, zu verwalten, damit Ruhe ist. Für die menschliche Lösung, mit Liebe und Geduld sich dieser Menschen anzunehmen, steht Karolus, der für kurze Zeit ein Hoffnungsschimmer für den Hirbel ist, weil dieser schon andere Kinder aus Heimen zu sich geholt und zu seinen gemacht hat. Aber Karolus hat keinen Platz mehr für noch mehr Kinder und so verfliegt die Hoffnung des Hirbel auf ein besseres, liebevolleres Leben.
    Menschen, die anders sind, machen Angst, weil oft auch einfach die Kommunikation schwierig ist, man versteht nicht, was sie wollen, was sie fühlen, wie sie denken. Und das, was Angst macht, will man weghaben, nicht mehr sehen…. so wie die Edith in dem Buch versucht, dem Hirbel was anzuhängen, damit er endlich weggebracht wird.
    Einmal läuft der Hirbel weg (also, weglaufen tut er schon öfters…) aber dieses eine mal stößt er auf eine Herde Schafe und er versteckt sich bei ihnen in der Nacht und er schläft inmitten der Tiere und die wütend kläffenden Hunde finden ihn nicht, nur am Morgen dann der Schäfer. Er fühlt sich geborgen in dessen Armen, da dieser den federleichten Knaben den Weg in das Heim zurückträgt. Bedenkt man, dass das Lamm immer auch ein christliches Symbol ist für Jesus, das Lamm Gottes und Christus selbst als der „gute Hirte“ bezeichnet wird, könnte man in dieser Szene einen Bezug dazu herstellen, dass eine Rückbesinnung auf die Werte des Christentums notwendig ist, um den „Hirbels“ Geborgenheit und Schutz geben zu können…..
    Fazit: Das Buch ist wunderschön geschrieben, in einer erwachsenen Sprache, die aber für Kinder verständlich ist. Der Inhalt wird für Kinder schon schwieriger sein, auch muss man vielleicht berücksichtigen, dass seit dem Erscheinen des Buches und heute knapp 40 Jahre vergangen sind. Jedenfalls denke ich, dass das Buch von Kindern nur mit gründlicher Begleitung gelesen werden sollte.
    https://www.youtube.com/watch?v=yODS4cx50nY

  15. @ 17

    das Icon ist ein Fehler und ich kenne dessen Bedeutung nicht ..
    gemeint war ein lächelndes Gesicht ..

  16. @17+18: Sieht aus wie errötete Backen – ob aus Scham oder Erregung errötet, muss sich der Beobachter konstruieren.

  17. ja mit den Icons ist es wie mit den Wappen (bzw. wie mit Protz-Uhren)
    Man muß schon wissen zu welchen Gelegenheiten man sie anzieht und womit man sie aufzuziehen pflegt
    🎩, 🧜‍♂️

    habe die Ehre … ;

    Darf ich bitten?

    …. auch im Namen der 🌹

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