31.4.2 Aufgrund der Rückmeldungen/Reaktionen der anderen an der Interaktion beteiligten Menschen findet auf individueller Ebene eine Selektion der senso-motorischen Muster statt, die nur zum Teil (nach Maßgabe der Nicht-Anpassung) bewusst werden.

Jedes senso-motorische Muster, das aktiviert wird, fungiert de facto wie eine Hypothese, die dem Handeln zugrunde gelegt ist. Wenn die gewählten (selektierten) Aktionen zum Ziel oder zumindest nicht zu irgendwelche negativ bewerteten Reaktionen führen, wird das Handeln unbewusst in seiner Funktionalität bestätigt und weiter praktiziert, wenn nicht, dann gelangt zumindest ins Bewusstsein, dass es nicht (mehr) funktioniert.Das alte „Wisssen“ oder „Können“ ist in Frage gestellt. Der erste Schritt, etwas Neues zu probieren, der erste Schritt zum Lernen.

Das von Edouard Claparède in Bezug auf das Denken formulierte „Gesetz der Bewusstwerdung“ bringt es auf den Punkt: Die angewandten Regeln werden nur bewusst, wenn sie nicht funktionieren.

Das ist so ähnlich, als ob man jeden Tag mit seinem Auto denselben Weg zur Arbeit fährt, ihn aber einem Fremden nicht beschreiben könnte, weil man unbewusst an jeder Kreuzung die richtige Strasse wählt. Das wird einem aber erst bewusst, wenn die normalerweise gewählte Route gesperrt ist…

 

Literatur:

„Wenn wir eine neue Situation zu klären versuchen, stellen wir uns eine Frage, diese ruft eine Hypothese herbei, und dann bemühen wir uns, diese Hypothese zu verifizieren. – Unser Ziel war es, herauszufinden, was das Auftauchen der Hypothese bestimmt. Sicherlich ist es die Frage, die die Hypothese hervorbring. Die Frage drückt einen Zustand der Unangepaßtheit des Verhaltens aus, und die Hypothese ist ihre Folge, wie die Vernarbung die der Wunde. Oder, um ein anderes Bild zu verwenden, die Frage verrät eine Störung des Gleichgewichtes, und das Denken verläuft in Richtung der schiefen Ebene; dieser Denkverlauf ist das Suchen nach einer Hypothese.

Die Hypothese hat eine deutliche Funktion; sie ist ein Versuch der Wiederanpassung. Jedoch sagt uns dies nichts über die Art, wie unser Denken dazu kommt, diese bestimmte Hypothese zu bilden.“

Claparède; Edouard (1932): Die Entdeckung der Hypothese. In: Graumann, Carl Friedrich (Hrsg.) (1965): Denken. Köln (Kiepenheuer & Witsch), S. 109.




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