31.5 Die Selektion psychischer Funktionsmuster ist stets abhängig vom sozialen Kontext, ohne dass der Kontext detrminieren könnte, welche konkreten senso-motorischen bzw. allgemein: kognitiven Muster selektiert werden.

Genauso wenig wie der Organismus die Inhalte des Bewusstseins einseitig festlegen kann, kann diese der soziale Kontext. Die Frage nach der Sozio- oder Biogenese psychischer Phänomene (z.B. psychischer Auffälltigkeiten – wie immer die Diagnose lauten mag) ist daher in den meisten Fällen mit „weder-noch“ zu beantworten. Wenn man mal von nachweisbaren hirnorganischen Schädigungen absieht, gewinnt das Bewusstsein eines Individuums durch die Einzigartigkeit seiner Kopplung mit einem unverwechselbaren Körper und einem – letztlich auch immer einzigartigen – sozialen Kontext seine Form. Beide Umwelten bestimmen dabei lediglich die Grenzen der Möglichkeit der Formbildung, aber nicht die tatsächliche Selektion der konkret realisierten Denk- und Fühlmuster.




Ein Gedanke zu „31.5 Die Selektion psychischer Funktionsmuster ist stets abhängig vom sozialen Kontext, ohne dass der Kontext detrminieren könnte, welche konkreten senso-motorischen bzw. allgemein: kognitiven Muster selektiert werden.“

  1. „Patientin ist die dreizehnjährige Federica, ein dunkellockiges Mädchen mit stumpfem Gesichtsausdruck und albernem Gehaben. Sie gilt seit ihrer Kindheit als schizophren. In der ersten Sitzung erforschte Selvini das Familienspiel. Sie definiert es so: 1) Die Familie ist glücklich auf einem Sonntagsausflug. 2) Federica ist beim Picknick provokativ albern. 3) Der Vater schimpft mit Federica. 4) Die Mutter schimpft mit dem Vater, weil er mit der armen Federica schimpft, die ja nichts für ihren Zustand kann.
    In der zweiten Stunde geht es um die Familiengeschichte. Der Vater ist körperbehindert und erheblich älter als seine hübsche Frau, für die diese Heirat ein sozialer Aufstieg war. Sie hat, selbst noch ein halbes Kind, schnell hintereinander zwei Mädchen geboren. Anna und Federica, und war mit ihnen und dem Haushalt überfordert. Die Beziehung zu ihren eigenen Eltern war schlecht, ihre Schwiegereltern kritisierten ihre Haushaltsführung, obwohl sie sich viel Mühe gab, ihnen alles recht zu machen. Sie wurde nervös, bekam Schlafstörungen. Der Mann, anstatt zu helfen, machte Vorwürfe, daß das jüngste Kind nicht normal sei. Der eheliche Kampf begann, und Federica wurde langsam wirklich verrückt.
    Dann führt Mara Selvini Palazzoli ihre Schlußintervention vor. Dramatisch, sarkastisch, aber ohne alle Umschweife und Kniffe macht sie Federica im Beisein ihrer Eltern klar: „Deine Mutter benimmt sich fast wie eine Heilige, um deinen Großeltern zu gefallen. Sie haßt deinen Vater, aber sie kann’s ihm nur sagen, wenn du die Blöde spielst und er dich schimpft; dann kann sie Dampf ablassen. – Und für deinen Vater tust du auch etwas ganz Wichtiges. Deine Mutter ist eine schöne Frau und dein Vater ein Krüppel, alt und eifersüchtig. Deine Mutter würde so gern mal rauskommen und Freunde haben, aber sie muß zu Hause bleiben, weil sie ein verrücktes Kind hat. – Du bist ja so dumm, daß du dich in die Probleme deiner Eltern mischst. Du bist dumm, nicht, weil dir ein Psychiater gesagt hat, du seist verrückt, sondern weil du beschlossen hast, verrückt zu sein, um so mächtig zu sein. – Deine Schwester wird bald einen Freund haben und dann in einem weißen Schleier mit ihm in der Kirche stehen. Und du? Machst du dann immer noch ein blödes Gesicht und äh, äh?“
    Federica wirkt auf einmal ganz wach, ein hübsches kleines Teufelchen neben der engelhaften blonden Schwester. Sie sieht den Vater an. „Sehen Sie die Liaison zwischen den beiden?“ sagt Mara Selvini Palazzoli, „so etwas ist immer sehr wichtig“ und „ich würde mich wundern, wenn sich bei denen nicht einiges verändert“. Zur nächsten Sitzung will sie die Eltern allein bestellen, vermutlich bekommen sie dann die „unveränderliche Verschreibung“. Wenn es sich nicht um Mara Selvini Palazzoli handelte, könnte man sagen: sie schnurrt über diesen Fall wie eine sehr zufriedene Katze. „Unglaublich, daß die Familie diese Direktheit nicht übelnimmt. Der Vater hat mich in der ersten Stunde völlig abgelehnt. Jetzt liebt er mich!“
    Mir wird schwindelig bei der Vorstellung, daß diese Schizophrenie in zwei Sitzungen fast geheilt sein soll. Mara Selvini Palazzoli sagt: „Bei Magersuchtsfamilien gelingt mir die Heilung jetzt meist in ein bis zwei Stunden, bei Schizophrenie dauert es manchmal etwas länger.“
    https://www.zeit.de/1987/10/die-vertrackten-regeln-des-familienspiels/komplettansicht

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