32.2 Das Erleben eines Mangels, das als basale Unterscheidung des psychischen Systems fungiert, durch welche der aktuelle Zustand des Organismus beobachtet (= bewertet) wird, soll Unlust genannt werden.

Begriffe, die das Erleben eines erwachsenen Menschen auf das Erleben von Säuglingen oder Kindern vor dem Spracherwerb anwenden, sind natürlich problematisch und im besten Fall als Analogie zu verstehen, da niemand sagen kann, wie das Erleben eines Neugeborenen tatsächlich ist; es könnte hier auch weniger aufgeladen statt „Unlust erleben“ abstrakter „als schlecht bewerten“ heißen…

Wichtig scheint hier aber, dass die – vermutlich – erste Unterscheidung die des Entgleisens eines Zustands der (automatischen) Befriedigung körperlicher Bedarfe ist, ein ganzheitliches Erleben von „Unlust“ – eines Gefühls, welches das Verhalten des Säuglings steuert.

In der Psychoanalyse wird heute dieses Regelungsprinzip als „Lustprinzip“ bezeichnet. Aus systemtheoretischer Sicht scheint diese Bezeichnung zumindest verwirrend, weil es nicht primär um Lustgewinn, sondern um Unlustvermeidung oder –beseitigung geht. Lustgewinn führt zwar auch zur Beseitigung von Unlust, ist aber nicht dasselbe wie Unlustvermeidung oder -beseitigung (zum Unterschied von „aktiver“ und „passiver Negation“ siehe Sätze 67.3.3ff.).

An dieser Stelle ist anzumerken, dass auch Simund Freud zunächst ein „Unlustprinzip“ postulierte, um es dann später in „Lustprinzip“ umzubenennen. Für ihn ist dieses Prinzip – der Zeit entsprechend  – in eine energetische Metaphorik eingebaut, in der es um Abfließen oder Hemmung des Abfließens von Besetzungsenergie geht (was in der hier favorisierten Logik von Unterscheidungen nicht als nützlich zu erachten ist).

 

Literatur:

„Wir erörterten dann die psychischen Folgen eines Befriedigungserlebnisses und häten dabei schon die zweit Annahme einfügen können, daß Anhäufung der Erregung – nach gewissen uns nicht bekümmernden Modalitäten – als Unlust empfungen wird und den Apparat in Tätigkeit versetzt, um das Befriedigungserlebnis, bei dem die Verringerung der Erregung als Lust verspürt wird, wieder herbeizuführen. Eine solche, von der Unlust ausgehende, auf die Lust zielende Strömung im Apparat heißen wir einen Wunsch; wir haben gesagt, daß nichts anderes als ein Wunsch sei imstande, den Apparat in Bewegung zu bringen, und der Ablauf der Erregung in ihm werden automatisch durch die Wahrnehmung von Lust und Unlust geregelt. Das erste Wünschen dürfte ein halluzinatorisches Besetzen der Befriedigungserinnerung gewesen sein. Diese Halluzinatrion erwies sich aber, wenn sie nicht bis zur Erschöpfung festgehalten werden sollte, als untüchtig, das Aufhören des Bedürfnisses, also die mit der Befriedigung verbundene Lust, herbeizuführen.

Es wurde so eine zweite Tätigkeit – in unserer Ausdrucksweise die Tätigkeit eines zweiten Systems – notwendig, welche nicht gestattete, daß die Erinnerungsbesetzung zur Wahrnehmung vordringe und von dort aus die psychischen Kräfte binde, onder die vom Bedürfnisreiz ausgehende Erregung auf einen Umweg leite[te], der endlich über die willkürliche Motilität die Außenwelt verändert, daß die reale Wahrnehmung des Befriedigungsobjekts eintreten kann.“

(…)

Es ergibt sich nun eine interessante Gedankenfolge, wenn man die Beziehungen dieser Abflußhemmung durch das zweite System zur Regulierung durch das Unlustprinzip ins Auge faßt. Suchen wir uns das Gegenstück zum primären Befriedigungserlebnis auf, das äußere Schreckerlebnis. Es wirke ein Wahrnehmungsreiz auf den primitiven Apparat ein, der die Quelle einer Schmerzerregung ist. Es werden dann so lange ungeordnete motorische Äußerungen erfolgen, bis eine derselben den Apparat der Wahrnehmung und gleichzeitig dem Schmerz entzieht, und diese wird bei Wiederauftreten der Wahrnehmugn sofort wiederholg werden (etwa als Fluchtbewegung), bis die Wahrnehmunge wieder verschwunden ist.“

Freud, Sigmund (1900): Die Traumdeutung. G.W. 2/3, S. 604f.; Studienausgabe, Frankfurt (Fischer) 1972,  S. 568f.




8 Gedanken zu „32.2 Das Erleben eines Mangels, das als basale Unterscheidung des psychischen Systems fungiert, durch welche der aktuelle Zustand des Organismus beobachtet (= bewertet) wird, soll Unlust genannt werden.“

  1. Der Mangel an Befriedigung (Gefühle von Durst, Hunger, Sehnsucht) bzw. der Wunsch nach Befriedigung aufgrund der Erinnerung an frühere Befriedigungen muss nicht unbedingt gleicht Unlust, Unglück oder Schmerz und Qual bedeuten. Deswegen ist nicht jede Abwesenheit von Lust als Unlust zu bezeichnen so wie nicht jede Abwesenheit von Glück als Unglück zu bezeichnen ist. Schließlich gibt es noch das berühmte Ideal der Mitte bzw. des Mittelmaßes (Aristoteles).

  2. Epistemologisch gesehen ist die Nutzung eines Begriffs, wie hier „Lust/Unlust“, der zur Benennung eines subjektiven Gefühls benutzt wird, mindestens verwirrend,
    für mich eher sogar missverständlich.

    Ein Säugling, dessen Alter nicht definiert wird, und da tut sich viel im 1. Lebensjahr,
    zeigt, lässt hören, ein Verhalten z.B. Schreien. Dieses Verhalten wird gesehen/ gehört. Das Kind kommuniziert, und Mütter verstehen diese Mitteilung.
    Wenn das Kind nahe der Mutterbrust ist, was in unserer Kultur immer seltener vorkommt, wird das Kind, so klein wie es ist, nicht schreien, keine Laute der Unlust hören lassen, sondern mit dem Mund die Brust ertasten und finden, in späteren Monaten wird es die Brust umfassen.
    Wenn dem Baby das gelungen ist, wenn es dann genug getrunken hat, wird es seine Mutter anschauen und selig lächeln.

    Von der Kommunikation, die zu beobachten ist, auf Lust/ Unlust, ein Gefühl, zu schließen ist für mich eine Verwechslung von Beobachtung mit Erklärung und Bewertung .

    Oder wir nennen diesen psychischen Zustand, den ich als Appetenz bezeichnen würde, Lust/ Unlust und sollten wissen, dass unsere persönliche Empfindung, die wir als Lust bezeichnen würden, vielleicht etwas ganz anderes sein könnte..

  3. @2: Ja, schon richtig. „Lust“ und „Unlust“ sind Begriffe, die beobachtbares Verhalten erklären. Aber wenn wir darüber spekulieren, was das Verhalten des Kindes leitet, dann kommen wir ja nicht umhin, irgendwelche Worte zu verwenden, die irgendwie die Bedeutung bzw. Affekte, Gedanken, Sensationen suggerieren, die wir unterstellen. Das machen die Eltern ähnlich und folgen in ihrem Verhalten ihren Hypothesen und schreiben dann entsprechend … zu.

  4. „das Erleben eines Mangels“

    siehe auch „Die Psychotischen Spiele in der Familie“ S.384
    Morin und sein Konzept der Computation …

    hier wird das zu Erklärende mit sich selbst erklärt ..

  5. @5: Mir scheint „Erleben eines Mangels“ zu harmlos. „Unlust“ sreht für affektive Reaktion, die nur einen kurzen Weg zum Verhalten hat…

  6. @ „Erleben eines Mangels“ oder „Unlust“ als Unterscheidung, Beobachtung und Bewertung

    „Mangel“ ist neutraler als „Unlust“; „Unlust“ spezifischer als „Mangel“.
    „Unlust“ ist negativer als „Mangel“; leidvoller, unangenehmer, schwieriger zu beheben.

    „Mangel 1“ = zu wenig, Knappheit, Defizit, zu geringe Quantität
    „Mangel 2“ = zu schlecht, fehlerhaft, Defekt, zu geringe Qualität
    „Unlust“ = Mangel an Lust, an innerem Antrieb; Abneigung, Abscheu, Ekel, Ärger

  7. Das „Problem/ Chance“ der Semantik von Worten ist hier im Blog ja schon mehrfach deutlich geworden.

    So kann „Formen“ auch genutzt werden, um diese formalen Definitionen zu akzeptieren, um sie nutzen zu können als Grundlage für Diskussionen über Sachverhalte, die ohne diese Definitionen eben nicht ausreichend definiert wären..

    Die Frage, worüber reden wir hier eigentlich, wäre dann per definitionem in diesem Kontext zumindest eingehegt.

    Ich erinnere an die Diskussion auf dem Marburger Schloss über die religiöse „Wahrheit“ von Brot und Wein „dies ist mein Leib“ /dies soll mein Leib sein“.

    Und FBS spricht ja von „soll“, was so verstanden werden kann, dass wir uns jetzt so abstimmen, dass wir den Sachverhalt semantisch definieren , den Gebrauch der Worte, um gezielt darüber reden zu können..

    Damit wir wissen worüber wir hier reden …,
    um die babylonische Sprachverwirrung zu beenden ..

    * Zustimmung zum Zweck …

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