32.2.1 Unlust als eine bewertende Sensation, die sich auf den gesamten Körper (in dieser Entwicklungsphase der Wirklichkeitskonstruktion wahrscheinlich die ganze kindliche Welt) als Einheit bezieht und nicht einzelnen Sinnesorganen zugeordnet werden kann, soll – wie später zu nennende andere Sensationen dieser Art – als Affekt – (= Gefühl, Emotion) bezeichnet werden.

Figur 38

Jeder Entwicklungspsychologe, der die kindliche Entwicklung studiert, schaut durch die Brille der von ihm zugrunde gelegten Theorie. Das heißt u. a. dass, er die zu dieser Theorie gehörenden Fachsprache verwendet. Beides – Theorie wie Sprache – sind zwangsläufig nicht angemessen, um das Erleben des noch nicht sprachfähigen Kindes zu beschreiben. Allerdings ist dies das Dilemma: Es gibt keine angemessene Sprache (s. unten Daniel Stern). Trotzdem kann man versuchen – im Bewusstsein dieses Ungenügens – Hypothesen über das Weltbild des Kindes bzw. dessen Strukturierung erstellen. Eine davon ist, dass das neugeborene Kind zunächst noch nicht oder zumindest nur sehr begrenzt glin der Lage ist, diakritische Wahrnehmungen nebeneinander zu ordnen und stattdessen Affekte als den gesamten Körper umfassende Wahrnehmungen als Integrator wirken.

 

Literatur:

„Das Problem bei all diesen Untersuchungsansätzen ist, daß Kleinkinder die Welt nicht entsprechend den Kategorien unserer akademischen Sugdisziplinen erfahren. Das frühkindliche Erleben ist einheitlicher und globaler. Den Säugling kümmert es nicht, in welchem Bereich seine Erfahrungen auftreten. Er nimmt Empfindungen, Wahrnehmungen, Aktionen, Kognitionen, innere motivationale und Verhaltenszustände unmittelbar wahr: als Intensität, Form, Zeitmuster, als Vitalitätseffekte, kategoriale Affekte, Lust oder Unlust. Dies sind die Grundelemente  des frühkindlichen subjektiven Erlebens, Erkenntnissse, Aktionen und Wahrnehmungen als solche gibt es nicht. Alle Erfahrungen werden u strukturierten Konstellationen sämtlicher Grundelemente des subjektiven Erlebens umgeformt.“

Stern, Daniel N. (1985): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart (Klett-Cotta) 1992, S. 102.




Ein Gedanke zu „32.2.1 Unlust als eine bewertende Sensation, die sich auf den gesamten Körper (in dieser Entwicklungsphase der Wirklichkeitskonstruktion wahrscheinlich die ganze kindliche Welt) als Einheit bezieht und nicht einzelnen Sinnesorganen zugeordnet werden kann, soll – wie später zu nennende andere Sensationen dieser Art – als Affekt – (= Gefühl, Emotion) bezeichnet werden.“

  1. @“kateforiale Affekte“
    „Im Gegensatz zu den sog. kategorialen Affekten, die bestimmte Affekte als Inhalt haben (Wut, Trauer, Freude etc.), besitzen Vitalitätsaffekte keine abgrenzbaren Kategorien, sondern sind am ehesten in Metaphern zu beschreiben („sich beschwingt fühlen“, „Vor Energie platzen“, „nicht in die Gänge kommen“, „am Boden zerstört sein“). Diese unterschiedlichen Gefühle, sich lebendig zu fühlen, sind von anderen durch Bewegung, Gestik, Mimik lesbar.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Stern_(Psychoanalytiker)

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