32.4 Soweit seine Hirnfunktionen hinreichend für die Bildung von Gedächtnis gereift sind, kann sich das Kind im Zustand der Unlust an deren Beseitigung bzw. die Lust erinnern (d. h. wiederholt sie in der Vorstellung) und konstruiert auf diese Weise die Dimension Zeit.

Ohne Gedächtnis kein Zeiterleben, und ohne Zeiterleben keine Welt, die Dauer besitzt. Die Zeit ist ein Konstrukt, das an die Differenz mindestens zweier Beobachtungen gebunden ist; da alle Beobacchtung immer nur hier und jetzt erfolgt, muss es eine Methode geben, vergangenes Geschehen in der aktuellen Gegenwart zu “erinnern”, d.h. zu re-inszenieren oder re-imaginieren usw. Dadurch wird es für das Kind/jeden Beobachter möglich  jetzt vs. früher oder auch jetzt vs. später (hoffentlich) zu untescheiden. Der Fokus der Aufmerksamkeit kann  zwischen erinnertem Erleben und aktuellem Erleben gespalten werden, und die aktuell erlebte und früher erlebte Welt kann mit Hilfe des Gedächtnis integriert werden.

 

Literatur:

Gedächtnis ist das Bindungssystem für die Einheit der Wahrnehmung, und zwar für alle diejenigen Wahrnehmungsinhalte, die nicht bereits durch die Konstruktion der Sinnesorgane und der phylogenetisch erworbenen Mechanismen zusammengefügt werden (auch dies ist natürlich eine Art Gedächtnis), sondern deren Zusammengehören frühkindlich oder im Erwachsenenalter erlernt werden muß. In das Gedächtnis geht das Begreifen der Welt durch Handeln, die erlebte Koinzidenz und Folgerichtigkeit von Ereignissen als »Erfahrung« ein (einschließlich stammesgeschichtlicher Erfahrung). Das Gedächtnis ist damit unser wichtigstes »Sinnesorgan«. Es ist zugleich aber, wie wir mehrfach gehört haben, nur ein Glied im Kreisprozeß von Wahrnehmung, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Erkennen, Handeln und Bewerten.”

Roth, Gerhard (1994): Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Frankfurt (Suhrkamp), S. 242.




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