32.4.2 Wenn auch der bis dahin unmarkierte Zustand (als erlebter Unterschied des körperlichen Funktionierens, der weder die Merkmale von Unlust noch von Lust aufweist) markiert wird, entwickelt das kindliche Bewusstsein die Erwartung einer zeitlichen Prozessstruktur (= Oszillation), deren Bestätigung (= confirmation) stets an die kompensatorische Funktion des sozialen Systems für vom Körper selbst nicht zu behebende Mangelzustände gebunden ist.

Figur 40

 

Wenn die insuffizienten Fähigkeiten des Organismus, autonom seine Mangelzustände zu beseitigen, regelmäßig und zuverlässig durch die Funktion des sozialen System (durch Mutter/ Vater / wen immer) kompensiert werden, entwickelt sich beim Kind die Erwartung, dass dies geschieht. Dies wird von Entwicklungspsychologen dann als „Ur-Vertrauen“ bezeichnet.

 

Literatur:

„Als erste Komponente der gesunden Persönlichkeit nenne ich das Gefühl eines Ur-Vertrauens, worunter ich eine auf die Erfahrungen des ersten Lebensjahres zurückgehende Einstellung zu sich selbst und zur Welt  verstehen möchte. Mit »Vertrauen« meine ich das, was man im allgemeinen als ein Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens kennt, und zwar in bezug auf die Glaubwürdigkeit anderer wie die Zuverlässigkeit seiner selbst. Wenn ich davon als einer Ur-Erfahrung spreche, so meine ich damit, daß weder diese noch die später hinzutretenden Komponenten sonderlich bewußt sind, in der Kindheit so wenig wie iim Jugendalter.

(…)

Sobald das neugeborene Kind von der Symbiose mit dem Mutterleib getrennt ist, rifft seine angeborene und mehr oder weniger koordinierte Fähigkeit, Nahrung durch den Mund aufzunehmen, auf die ebenfalls mehr oder weniger koordinierte Fähigkeit und Bereitschaft der Mutter, es zu nähren und anzunehmen.“

Erikson, Erik H. (1950): Wachstum und Krisen der gesunden Persönlichkeit. In: ders. (1959): Identität und Lebneszyklus. Frankfurt (Suhrkamp) 1966, S. 62f.

 




11 Gedanken zu „32.4.2 Wenn auch der bis dahin unmarkierte Zustand (als erlebter Unterschied des körperlichen Funktionierens, der weder die Merkmale von Unlust noch von Lust aufweist) markiert wird, entwickelt das kindliche Bewusstsein die Erwartung einer zeitlichen Prozessstruktur (= Oszillation), deren Bestätigung (= confirmation) stets an die kompensatorische Funktion des sozialen Systems für vom Körper selbst nicht zu behebende Mangelzustände gebunden ist.“

  1. Diesmal wird das dritte psychische Stadium „Ruhezustand“ genannt, aber noch immer nicht „Befriedigung“.

  2. das Baby schreit, die Bezugsperson nimmt Kontakt auf, nimmt z.B. das Kind hoch,
    das Kind pausiert mit dem Schreien …

    dauert es dem Kind zu lange bis die Mutter in Position zum Stillen ist fängt es wieder an zu schreien …

    die formale Beschreibung, Satz 32.4.2, ist ziemlich trocken…

  3. @2″das Kind pausiert mit dem Schreien“ = kurzfristiger Ruhezustand (Schreipause)

    Während es gestillt wird, kann das Kind nicht schreien. = kurzfristiger Stillzustand

    Die eigentliche Ruhe, im Sinne von Befriedigung (die Unlust wurde durch die Lust gestillt), beginnt erst nach dem Stillen. Dann wird das Kind still und lässt die Mutter in Ruhe.

  4. @3: Ruhezustand – sag ich doch (für die Mutter).
    Befriedigung ist nicht nötig, sondern Befriedung.

  5. Daran erkennen Sie, dass Sie alt werden: Körperstellen, die früher trocken waren, sind heute feucht, und ehemals feuchte Körperstellen sind heute trocken.

  6. @ feucht 💦

    es wird hier im Satz „die Erwartung einer zeitlichen Prozessstruktur“ als psychisches „Ereignis“ fokussiert.

    Weniger, oder garnicht, wird fokussiert, dass auch der Körper diese zeitliche Prozessstruktur mitvollziehst..

    es beginnt zu tropfen 💦, die Milch …

  7. @“an die kompensatorische Funktion des sozialen Systems für vom Körper selbst nicht zu behebende Mangelzustände gebunden“

    Deshalb fallen das Abstillen und in der Pubertät die Abnabelung so schwer bzw. werden durch andere Elemente des sozialen Systems ersetzt.

  8. das ist schon eine ganz andere Sicht, die sozialen Bezugspersonen als rekursiv mit dem Kind zu betrachten ohne einseitig eine „Schuld“ zuzuweisen und den gesamten
    zeitlichen, diachronen, Prozess zu verfolgen ..

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