32.4.3 Der erlebte Affekt bewertet die ganze Welt des Kindes, da es (noch) keine Innen-außen-Unterscheidung vollzieht, die sich an den Grenzen des Organismus orientiert.

Aus der Außenperspektive gesehen: Das Kind abstrahiert in grandioser Weise von allen feinen, kleinen und konkreten Unterschieden, indem es die Welt in „böse“ (=Unlust) und „nicht-böse“ (=Nicht-Unlust) oder gar „gut“ (=Lust) unterteilt…

Darüber, ab wann das neugeborene Kind in der Lage ist, zwischen sich selbst und äußeren Objekten zu unterscheiden, gehen die Meinungen der Experten zwar auseinander, aber eines scheint klar: Dieser Unterschied muss erst konstruiert werden. Festzustellen ist aber, dass es aus einer funktionellen Perspektive durchaus „passend“ und „viabel“ wäre, wenn solch eine Selbst-Abgrenzung nicht erfolgt, solange das Kind auf die Übernahmen von Überlebensfunktionen durch andere Menschen angewiesen ist.

In den letzten Jahren wird von Baby-Watchern der Zeitpunkt solch einer Abgrenzung immer weiter nach vorn verlegt, und vor allem in Psychoanalyse populäre „Verschmelzungs“-Ideen werden zunehmend in Frage gestellt, ohne die objektive Regulationsfunktion des Anderen oder die Abhängigkeit zu leugnen.

 

Literatur:

„Es ist nämlich nicht so, daß der Säugling hilflos einem Strudel abstrahierbarer Erlebnisqualitäten ausgeliefert wäre: Allmählich und systematisch ordnet er diese Aspekte seines Erlebens, sa daß er invariante Konstellationen des Selbst und des Anderen identifizieren kann. Und wann immer sich eine Konstellation herausbidlet, erlbt der Säugling das Auftauchen von Organisation, nur daß die Elemente, aus denen diese auftauchende Organisationen bestehen, sich fon jenen sbjektiven Einheiten unterscheiden, die erwachsene Menschen in Form von Gedanken, Wahrnehmungen, Handlungen usw. subjektiv zu erleben glauben, weil sie ihr Erleben in diese Begriffe übersetzen müssen, um es verbal zu enkodieren.“ (S. 102f.)

[…]

„Aus unserer Sicht erscheinen diese wichtigen sozialen Erfahrungen weder als primäre noch als sekundäre Verschmelzungsvorgänge. Wir begreifen sie einfach als reales Erleben des Zusammenseins mit einem anderen (einem das Selbst regulierenden Anderen), das die Selbstempfindungen erheblich verändert. Durch einen solchen Vorgang erfährt das Empfinden des Kern-Selbst keinen Bruch: der Andere wird weiterhin als ein vom Selbst getrennter Kern-Anderer wahrgenommen. Die Veränderung des Selbstempfindens betrifft allein das Kern-Selbst. Das veränderte Kern-Selbst wird überdies zum Kern-Anderen in Beziehung gesetzt (aber es verschmilzt nicht mit ihm). DAs Selbstempfinden ist zwar von der Anwesenheit und dem Handeln des Anderen abhängig, gehört aber dennoch ganz und gar dem Selbst an.“ (S. 153)

Stern, Daniel N. (1985): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart (Klett-Cotta) 1992.




19 Gedanken zu „32.4.3 Der erlebte Affekt bewertet die ganze Welt des Kindes, da es (noch) keine Innen-außen-Unterscheidung vollzieht, die sich an den Grenzen des Organismus orientiert.“

  1. Die Populisten abstrahieren in grandioser Weise von allen feinen, kleinen und konkreten Unterschieden, indem es die Welt in „böse“ (=Unlust) und „nicht-böse“ (=Nicht-Unlust) oder gar „gut“ (=Lust) unterteilt – einfach kindisch.

  2. @1: Populisten abstrahieren, indem sie „Volk“ (= „gut“) dem „NichtVolk“ (= „böse“) entgegen setzt, wobei nur für „NichtVolk“ Merkmale der Unterscheidung angegeben werden. Ergebnis: Spaltung der Bevölkerung.

  3. Das alte Lied:
    polarisierend angelegte, wertende Sichtweisen bis hin zu Feindbilder entwickelnden Auswirkungen

    Ergebnisse der von hinten aufgezäumten Dressuren mit frühzeitigen Indoktrinierungen, vermittelt durch auf Erziehung programmierte Trivialisierungsanstalten?

    „Dem Gesagten zufolge wäre der Hauptpunkt in der Erziehung, daß die Bekanntschaft mit der Welt, deren Erlangung wir als den Zweck aller Erziehung bezeichnen können vom rechten Ende angefangen werde. Dies aber beruht, wie gezeigt darauf, daß in jeder Sache die ANSCHAUUNG dem Begriffe vorhergehe, ferner der engere Begriff dem weiteren, und so die ganze Belehrung in der Ordnung geschehe, wie die Begriffe der Dinge einander voraussetzen. Sobald aber in dieser Reihe etwas übersprungen ist entstehen mangelhafte, und aus diesen falsche Begriffe und endlich eine auf individuelle Art verschrobene Weltansicht, wie fast jeder sie lange Zeit, die meisten auf immer im Kopf herumträgt.
    […]. “

    „Die Hauptsache bliebe aber immer, daß die Anschauungen dem Begriffe vorhergingen, und nicht umgekehrt, wie dies der gewöhnlich, aber ebenso ungünstige Fall ist, als wenn ein Kind zuerst mit den Beinen, oder ein Vers zuerst mit dem Reim auf die Welt kommt.“

    Schopenhauer, Über Erziehung,
    in „Betrachtungen über die menschliche Seele und ihren Ausdruck“
    Insel-Bücherei Nr. 558, 1939

  4. @2″wobei nur für „NichtVolk“ Merkmale der Unterscheidung angegeben werden“

    Indirekt werden auch für das Volk Unterscheidungsmerkmale angegeben:
    Das NS-Bild des Juden (Hakennase, schwarze Haare, dunkle Augen) wird unterschieden vom Idealbild des Ariers (ebenförmige Nase, blond, blauäugig).
    Das waren eher ästhetisch-äußerliche Merkmale, hinter denen die Angst vor der vermeintlichen intellektuellen und finanziellen Übermacht steckte, die als volksbedrohlich und daher als böse betrachtet wurde.
    Heute herrscht eher Angst vor einem sozialdarwinistischen Verdrängungswettbewerb:
    Die AfD fürchtet eine schleichende Umvolkung der verweichlicht-verwöhnten, bumsfaulen Gut-Deutschen durch lebenstüchtige Araber und Moslems, die sich extrem vermehren und gewaltkriminell ausbreiten.
    Trump errichtet eine Mauer gegen verwahrloste Latinos, die den bürgerlichen Wohlstand des Mittelstands bedrohen.

  5. @5
    Populisten verfolgen eine sozialdarwinistische Generalstrategie: Sie kämpfen um ihr eigene Überleben, dass sie von den bösen Anderen, den Erz- und Fressfeinden bedroht sehen, die sich nicht an die von guten eingehaltenen Spielregeln bzw. Kampfregeln halten. Ihren Kampf, den sie als notwendige und berechtigte Selbstverteidigung betrachten, führen sie mit dem Ziel der Eliminierung des Antagonisten.

    Die Nazis fühlten sich im Recht, die Juden auszurotten, weil diese kollektiv als internationales Finanzkapital diffamiert wurden, das angeblich falsch gespielt hätte.
    Die AfD fühlt sich im Recht, muslimische Einwanderer an der Grenze zu erschießen, damit diese sich nicht extrem vermehren und gewaltkriminell ausbreiten können.
    Trump fühlt sich im Recht, Terroristen zu ermorden, weil diese sich nicht an die Menschenrechte halten. Er fühlt sich im Recht, aus dem Atomabkommen mit dem Iran auszusteigen, weil der Iran sich angeblich nicht daran hält. Er fühlt sich im Recht, einen Handelskrieg gegen China zu führen, weil China ihre Industriefirmen subventioniert, um die Marktpreise unterbieten zu können, weil China mit dem eingenommenen Geld die halbe Welt aufkauft und weil China sich nicht an Fairness im Patentschutz hält.

  6. @5: Nein, für „Volk“ bzw. seine Mitglieder darf es keine Merkmale geben, die überprüft werden könnten, weil sonst keine Mehrheiten zu finden wären. Es wird allein die Aussenseite der Unterscheidung definiert, d.h. Ausgrenzung ist identitätsstiftend.

  7. @7″allein die Aussenseite der Unterscheidung definiert“
    Definiert man die Außenseite, definiert man immer zugleich die Innenseite, nämlich als das Gegenteil, zumindest als das Andere – hier natürlich: als das Bessere.
    Wir sind nicht die, die ausgrenzen, sondern die, die besser sind und noch dazu im Recht. Die anderen grenzen sich selbst aus, indem sie sich nicht an DIE Regeln halten – nämlich nicht an unsere.

  8. @8
    Was Adorno in seinen „Reflexionen zur Klassentheorie“ den „Doppelcharakter der Klasse“ nannte, ist, dass sich Klasse (Heute: „linkes“ Gutmenschentum oder „rechte“ Rechthab-Mörder) nicht nur im Gegensatz zum Außen, sondern auch durch Kontrolle nach innen statuiert, und da sind die Bürgersleut’, allwo zuhaus eine sogenannte Bildung herrscht, nun mal obenauf, denn wer liest, ist gelassener und ausgeglichener, also geradezu resilienter, und arm und belesen zu sein wär’ immerhin besser als dumm und arm, so wie es nun mal all die ungebeten Zugewanderten sind.

  9. @8: Nein. Lesen Sie nochmal die Sätze über Beobachten. Die Aussenseite definiert die Innenseite nur insofern, als sie die Negation der Aussenseite ist. Das lässt alle Inhalte undefiniert.

  10. @7+8
    In den Berliner Lofts des linksgrünbürgerlichen Quartiers hat der Durchschnittsfernseher eine Bildschirmdiagonale von einsfünfzig, in den USA entwickeln sie jetzt erste Serienfomate speziell fürs Smartphone, und in Deutschland kann jedes fünfte Kind nicht gescheit lesen.
    Sei’s drum, Deutschland ist zwar das Land von Goethe und Schiller, von Saša Stanišić und Juli Zeh, doch wer beim Lesen gelassener und glücklicher werden möchte (so eine aktuelle Diskussion), der kann es, fragt man mich, der beim Lesen nicht Wellness, sondern Widerstand sucht, auch gleich bleiben lassen.

  11. Im linksgrünversifften Milieu der gehobenen Mittelschicht herrscht der gleiche Sozialdarwinismus wie im rechten Wirhabenrecht-Terrorismus der AfD. In Waldorfkindergärten und Waldorfkinderschulen werden Migrantenkinder ebenso gedisst wie in Elite-Gymnasien der Kinder von Meuthen, Alice Weidel und Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg. Abgrenzung (Differenzierung) ist alles.

  12. @12: Das mag so sein. Aber das ist m.E. ein weiterer Beleg, dass die „Abgrenzung gegen“ zwangsläufig leichter „Gemeinschaft“ und „Gemeinschaftsgefühl“ und so etwas ähnliches wie „Gruppenidentität“ schafft als die „Identifikation mit“… (= positiv definierten Merkmalen der Unterscheidung).

  13. @ „Gegen“ ist stärker als „mit“.
    Das folgt der evolutionären Notwendigkeit, zuerst den Feind besiegen zu müssen, um das schiere Überleben zu sichern, bevor man sich auf sich selbst besinnen kann.

  14. und wie würde für den Beobachter eine Selbstabgrenzung des Kindes aussehen,
    woran würde der Beobachter sehen/ merken, dass das Kind sich selbst abgrenzt ?

  15. @15: Die Babywatcher können ja nur das Verhalten beobachten und interpretieren. Sie deuten Mimik, Kopfwegdrehen u.Ä. in diesem Sinnen.

  16. Unser Babywatch:
    das Kind „schiebt“ mit der Hand/ Arm weg was es nicht will
    z.B. einen weiteren Löffel voll Brei
    oder ein Glas mit Tee .,
    sehr deutlich „weg da !“

  17. Selbstabgrenzung ist eine räumliche Unterscheidung,
    funktioniert taktil und wird visuell registriert.

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