32.5 Mit der Reifung der einzelnen (diakritischen) Sinnesorgane werden intrakorporal entweder gleichzeitig (=synchron) oder ungleichzeitig (=diachron) unterschiedliche Zustände (Reizung von Nervenzellen/1. Unterscheiden) generiert (selektive Kopplung an physische und soziale Umwelt) und als wahrgenommene/erlebte Unterschiede bezeichnet/korreliert (= Kopplung mit dem Bewusstsein/2. Unterscheiden).

Mit der zunehmenden Steigerung und Reifung der physischen Sensibilität der Sinnesorgane, d.h. der Möglichkeit unterschiedliche (diakritische) Sinneswahrnehmungen gleichzeitig und ungleichzeitig zu haben, wird dem Kind potenziell die Möglichkeit eröffnet, ein differenziertes Bewusstsein zu entwickeln und mit der Zeit – vor allem, wenn ein Gedächtnis für frühere Erfahrungen vorhanden ist – ein Weltbild als zusammengesetzte Einheit entwickelt sich (selbstorganisiert). Die Integration der diakritischen Wahrnehmungen ist aber aller Wahrscheinlichkeit an das gleichzeitige koinästhetische ganzkörperliche Erleben und Durchleben der jeweils aktuellen Affekte gebunden (s. Satz 25.6.2).

Dabei zeigen experimentelle Daten, dass Neugeborene schon mit der Fähigkeit geboren sind, nicht nur eine einzige Unterscheidung zu vollziehen, sondern mehrere, die es nebeneinander oder nacheinander wahrnimmt, und auch in ihre Zahl (wenn die klein sind). Es kann, mit anderen Worten, schon “zählen”.

 

Literatur:

“In sum, newborn babies have the ability to discern the number of discrete, seperate arrays of objects in space and the number of sounds produced sequentially (up to three or four). And at about five months they con distinguish correct form  incorrect  addition an subtraction of objects in space, for very small numbers.

The evidence that babies have these abilities ist robust, but many  questions remain open. What exactly are the mechanisms – neurophysiological, psychological, and others – underlying these abilities? What are the exact situational conditions under which these abilities can be confirmed experimentally?”

Lakoff, George, Rafael E.  Núnez (2000): Where Mathematics Comes From. New York (Basic Books), S. 18.

 

 




23 Gedanken zu „32.5 Mit der Reifung der einzelnen (diakritischen) Sinnesorgane werden intrakorporal entweder gleichzeitig (=synchron) oder ungleichzeitig (=diachron) unterschiedliche Zustände (Reizung von Nervenzellen/1. Unterscheiden) generiert (selektive Kopplung an physische und soziale Umwelt) und als wahrgenommene/erlebte Unterschiede bezeichnet/korreliert (= Kopplung mit dem Bewusstsein/2. Unterscheiden).“

  1. „ein Weltbild“, das das differenziert was in der „Welt“, dem sensorisch wahrnehmbaren „Außen“, erlebt wird.
    Wenn das Baby/ Kind auf dem Arm getragen werden möchte,
    wenn es lieber Apfelbrei statt Birne möchte ..
    wenn es lieber laufen als im Wagen gefahren werden möchte,
    wenn es lieber den Herbst von Vivaldi hört statt den Sommer,
    – ja, es gibt solche Bilderbüchet für die Kleinsten mit gekennzeichneten Stellen zum Drücken, dann spielt Vivaldi –
    und manchmal ist die Batterie leer, genauso wie die Brust ..

  2. @”vor allem, wenn ein Gedächtnis für frühere Erfahrungen vorhanden ist”

    Kürzlich haben Sie geschrieben:
    Gedächtnis gibt es nicht. Alles Gedachte wird vom Bewusstsein ad hoc konstruiert.
    Also was denn nun?

    Es scheint sich doch eher um eine aktuelle Rekonstruktion vergangener Bewusstseinsinhalte zu handeln. Wo kommen die plötzlich her, wenn nicht aus dem Gedächtnis?

  3. @2: Das Konzept der „gegenwärtigen Vergangenheit“ ist in der Soziologie seit langem eingeführt (siehe z.B. Luhmann).

  4. Ja, der Luhmann-Passus wurde an der betreffenden Stelle zitiert. Allerdings sprach Luhmann von “Ordnungsspeicher” oder so ähnlich (die Suchfunktion dieser Website ist mies).

    Wie ist es zu erklären, dass Musiker der Berliner Symphoniker gemeinschaftlich komplexe Symphonien intonieren können, wenn doch jeder einzelne Musiker jeden einzelnen Ton spontan konstruieren muss?

    Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt?
    Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen?
    Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas Verlorenem im Dunkel unterbringen
    an einer fremden stillen Stelle, die nicht weiterschwingt,
    wenn deine Tiefen schwingen.
    Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
    nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
    der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
    Auf welches Instrument sind wir gespannt?
    Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
    O süßes Lied.
    von Rainer Maria Rilke

  5. Erinnerung ist für mich nicht Hirnsubstanz sondern Formen der Verknüpfung im Zentralnervensystem, sensorisch vermittelte Muster, die ins Bewusstsein
    Kommen, so wie Worte oder auch Düfte diese Muster aktivieren können.
    Keine Substanz, kein Oberstübchen,
    nur Formen, Unterschiede (s.Bateson)

  6. ???
    Heilix Blechle,
    das geht ja mal wieder alles kreuz-und quer -wie Kraut und Rüben-durcheinander

    … sind wir eigentlich jetzt hier in einem Flohzirkus oder wie oder was?
    Oder hat nur irgendwer ein Floh im Ohr?

    Zur Info: Falls hier irgendwer mit den Genres und den entsprechenden Jahrgängen durcheinander geraten sollte, sei Eines klargestellt:

    Wir befinden uns mittlerweile im chin. Jahr der Ratte,
    Wenn überhaupt wäre jetzt Crèpe de Chine angesagt.
    Und außerdem gilt Folgendes
    (i.ü. auch für Drachen- bzw. deren pot. -töter*innen):

    “Die amerikanische Sozialhistorikerin Ann Carmichael kam bei der Untersuchung der Pest in Florenz im 14. Und 15. Jahrhundert […] zu dem Ergebnis, daß die Seuchen nicht durch den Menschenfloh, sondern durch den Rattenfloh übertragen wurden. Sie gesteht dem Menschenfloh allenfalls eine untergeordnete Bedeutung zu , weil nur im Blut der pestkranken Ratten die Bakterien in genügend großer Konzentration anzutreffen sei. Sie behauptet, daß „die meisten Fälle von Menschenpest eine direkte oder indirekte Folge von Nagerepidemien“ gewesen seien. Folgerichtig vertritt Carmichael auch die Auffassung, die Pest werde durch die Mobilität von Nagetieren – und nicht von Menschen weitergetragen.“ [FN 47]

    Exkurs: Der schwarze Tod – pestis vera?
    [[FN:47 -> 10]
    Ann G. Carmichael, Plague and the Poor in Renaissance Florence, Cambridge u.a. 1986 -9]…
    in
    M. Vasold, Pest, Not und schwere Plagen,
    Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute, S. 84

  7. @9″Erinnerung = Formen der Verknüpfung im Zentralnervensystem, sensorisch vermittelte Muster, die ins Bewusstsein kommen”

    In diesen “Formen der Verknüpfung im Zentralnervensystem, sensorisch vermittelte Muster, die ins Bewusstsein kommen” sind doch gelernte Inhalte gespeichert, die aktualisiert werden. Bei reproduktiven Aktivitäten wie beim Zusammenmusizieren von Orchestermusikern oder beim Gig einer Band müssen zeitlich extrem präzise exakt vorgegebene Töne reproduziert werden. Bei kreativen Aktivitäten wie beim Zusammenspielen von Bundesligafußballern oder beim Kampf zweier Florettfechter müssen jahrelang einstudierte artistische Körperbewegungen derart koordiniert werden, dass man den Gegner austricksen und einen Treffer landen kann.
    Erinnert sei an Kleists Darstellung der “allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Sprechen”, in der er den Vorteil an Reaktionsschnelligkeit bei Lebewesen mit weniger Reflektionsaktivität gegenüber den (zu viel) denkenden Intellektuellen hervorhob. Ähnliches drückt die Formel aus: “Dumm fickt gut”. Wenn er das bedacht hätte, hätte sich der Neurobiologe, der herausgefunden hat, dass das Gehirn schneller entscheidet als der Denkende denken kann, seinen Experimentieraufwand sparen können.

  8. @12
    Ein weiteres Beispiel für die Schnelligkeit der „Formen der Verknüpfung im Zentralnervensystem, sensorisch vermittelte Muster, die ins Bewusstsein kommen“ ist das Tischtennisspiel, das eine extrarapide Verarbeitung von Sinneseindrücken und deren Koordination mit einstudierten Körperbewegungen unter Ausschaltung des bewussten Denkens erfordert. Zu viel Wissensballast und Formenknobeleien schaden der Performance.
    Der Fußballtrickser Neymar bekam eine gelbe Karte, weil er in auswegloser Situation den Ball über seine Gegenspieler lupfte. Da er noch immer nicht französisch sprechen gelernt hat, konnte er sich nicht mal beim Schiedsrichter beschweren, der diesen Trick als “unsportlich” angesehen haben soll. https://www.mopo.de/sport/fussball/-franzoesisch–am-ar—–gab-schiedsrichter-neymar-gelb-wegen-trickserei–36182888

  9. @”operationale Geschlossenheit”

    “Luhmann versteht unter Operation die Reproduktion eines Elements eines autopoietischen Systems mit Hilfe der Elemente desselben Systems.[Soziale Systeme (1984), S. 79; Claudio Baraldi, Giancarlo Corsi, Elena Esposito: GLU : Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. 1226). Frankfurt am Main 1999, S. 123] Ein System entsteht und erhält sich dadurch, dass Operationen aneinander anschließen.[Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1992, S. 271 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1001)] Wenn organische Prozesse als Operationen aneinander anschließen, entsteht ein organisches System. Wenn Gedanken als Operationen aneinander anschließen, entsteht ein psychisches System (auch: „Bewusstseinssystem“). Wenn Kommunikationen als Operationen aneinander anschließen, entsteht ein soziales System (auch: „Kommunikationssystem“).
    Ein System besteht so lange, wie Operationen jeweils nächste gleichartige Operation ermöglichen. Operationen müssen anschlussfähig sein. Wie eine Operation abläuft, hängt von der jeweils vorangegangenen Operation ab. Deshalb werden diese Systeme als operational geschlossen aufgefasst. So schließt z. B. im psychischen System stets Bewusstsein an Bewusstsein an: Bewusstsein ist der Operationsmodus psychischer Systeme. Systemfremde Operationen wie Kommunikationen können daran nicht anschließen. Entsprechend können Bewusstseinsinhalte auch nicht an organische Operationen angeschlossen werden oder umgekehrt. „So wenig wie ein Organismus jenseits seiner Haut weiterleben…“ oder „ein Auge Nervenkontakt mit dem, was es sieht, herstellen kann“, so wenig kann „ein psychisches System sein Bewußtsein operativ in die Welt hinein verlängern“.[Soziale Systeme. 1984, S. 556.] Dieser Ausschluss gilt sogar für die Umwelt des eigenen Körpers. Damit ist allerdings nicht gesagt, dass jedes dieser Systeme unabhängig voneinander existieren könnte. „Selbstreferentielle Geschlossenheit ist (…) nur in einer Umwelt, ist nur unter ökologischen Bedingungen möglich.“[Soziale Systeme. 1984, S. 25.] Aufgabe der Systemtheorie ist es also, zu erklären wie es möglich ist, dass alle diese Systemtypen trotz irreduzibler Geschlossenheit zusammenhängen und in Kontakt stehen.”
    https://de.wikipedia.org/wiki/Systemtheorie_(Luhmann)#Geschlossenheit_der_Operationen

  10. @15: Das Problem der Leute, die das Konzept der operationellen Geschlossenheit nicht verstehen, ist die operationelle Geschlossenheit ihres Weltbilds: kommt nix Neues rein, was nicht schon drin war…

  11. @ 12/13
    Bateson hat sich in „Ökologie des Geistes“ dazu geäußert,
    und postuliert, dass gleichbleibende Aktivitäten schneller ohne Besusstsein funktionieren, was wir „in Fleisch und Blut übergegangen“ nennen,
    und sobald die Aktivität moduliert werden muss muß sie bewusst vollzogen werden und das braucht mehr Zeit, nennen wir heute „langsames Denken“.
    Wenn wir wollen, dass jemand von automatisch, unbewusst zu bewusst wechselt sagen wir „mach es mit Verstand“.

  12. @16
    “Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein.”
    Angeblich von Tucholsky stammendes Zitat.

    Siehe auch:
    “Sollte jedoch wider Erwarten jemand einen Nachweis dafür erbringen können, dass es sich bei einem der hier aufgeführten Beispiele tatsächlich um ein Tucholsky-Zitat handelt (und Nachweis meint hier: Mit exakter bibliographischer Angabe der Originalpublikation), so erhält der oder diejenige ein Exemplar unserer Tucholsky-Anthologie »Die Zeit schreit nach Satire« und eine Jahresmitgliedschaft in der Kurt Tucholsky-Gesellschaft.

    »Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind.«
    »Chanson ist Welttheater in drei Minuten.«
    »Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.«
    »Der Horizont des Berliners ist längst nicht so groß wie seine Stadt.«
    »Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik!« (findet sich zwar in einem Tucholsky-Text (»Französischer Witz«), aber als angebliches Zitat eines französischen Diplomaten)
    »Der Vorteil der Klugheit liegt darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.«
    (Oder auf Spanisch: La ventaja de ser inteligente es que así resulta más fácil pasar por tonto. Lo contrario es mucho más difícil.)
    »Deutsche – kauft deutsche Bananen!« (Das Original lautet: »Deutsche, kauft deutsche Zitronen!« Erschienen in dem Text »Europa«, in: Die Weltbühne, 12. Januar 1932, S. 73
    »›Die Juden sind an allem Schuld‹, meinte einer. ›Und die Radfahrer…‹ sagte ich. ›Wieso denn die Radfahrer?‹, antwortete er verdutzt. ›Wieso die Juden?‹, fragte ich zurück.«
    »Freiheit stirbt mit Sicherheit.«
    »Gesetze sind Jungfrauen im Parlament, aber Huren vor Gericht.«
    »Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.« (von Max Liebermann)
    »Lasst uns das Leben genießen, solange wir es nicht begreifen.«
    »Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben.«
    »Sie dachten, sie seien an der Macht, dabei waren sie nur an der Regierung.«
    »Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.« (vgl. hierzu Hans-Georg Gadamer: »Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte«)
    »Unterschätze nie die Macht dummer Leute die einer Meinung sind.«
    »Was unterscheidet Geschwister von wilden Indianerstämmen? Wilde Indianer sind entweder auf Kriegspfad oder rauchen Friedenspfeife – Geschwister jedoch können gleichzeitig beides.« (Die korrekte Version lautet: Die Familie weiß alles, mißbilligt es aber grundsätzlich. Andere wilde Indianerstämme leben entweder auf den Kriegsfüßen oder rauchen eine Friedenszigarre: die Familie kann gleichzeitig beides. Aus dem Text »Familie«, in: Die Weltbühne, 12.01.1923, Nr. 2, S. 53)
    »Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie längst verboten.«
    (Wird auch Emmy Goldman zugeschrieben: »If voting changed anything they would make it illegal.«)
    »Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein.«”
    https://tucholsky-gesellschaft.de/2016/03/17/angebliche-tucholsky-zitate/

  13. Hans Fallada:
    “Aba det möcht ick schon ma wissen, bloß, for so wat bin ick zu doof.”
    “Wir bleibn doof und sterbn dumm und ham et besser.”

  14. Die Koppelung von Sensor und Operator,
    wohl dem der eine Zentralheizung mit einem operationell geschlossenen Regelkreise hat und Sensoren, außen wie innen …

    wer hätte das gedacht, den MacyKonferenzen verdanken wir auch das …

  15. bin fürn Kachelofen,
    raumverbindend,
    mit Lüftungsklappe

    durch die im Zweifel auch
    en Klapperstorch
    passen könnte

    aber ohne Pellets, bitte

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