32.7.2 Auch die unbelebte Welt wird analog der menschlichen Interaktion interpretiert, das heißt, wenn die Erfahrung des Widerstands, den Objekte leisten (= Gegenstände) gemacht wird, werden ihnen Merkmale menschlicher Akteure zugeschrieben (= Personalisierung).

Neugeborene Kinder zeigen das größte Interesse für Gesichter. Dies dürfte ein angeborender Mechanismus sein, der seine Funktionalität daraus gewinnt, dass das Überleben des Kindes an soziale Beziehungen und das Wohlwollen von Menschen gebunden ist. Daher sind menschliche Beziehungen ihr Fokus der Aufmerksamkeit. Und es ist nur wahrscheinlich, dass die so gewonnenen Interpretationen der Umwelt generalisiert und auch auf unbelebte Objekte übertragen werden.

Dies dürfte die Grundlage animistischer Weltbilder sein. Kleine Kinder neigen manchmal dazu, den Objekten, die sich tückisch verhalten, böse Absichten zuzuschreiben. Eine Paranoia, bei der Ereignisse der unbelebten Welt den Aktionen irgendwelcher Verfolger zugeschrieben werden, zeigt dasselbe Muster. Dass überhaupt in unbelebten Prozessen gedacht werden kann, deren Ursache nicht irgendeinem Täter zugeschrieben wird, ist ein Resultat der Aufklärung und menschheitsgeschichtlich eine junge Errungenschaft. Der Begriff Kausalität leitet sich ja nicht zufällig vom Lateinischen „causa“ ab, womit im alten Rom der Gerichtsprozess bezeichnet wurde.

 

Literatur:

„Ganz offensichtlich betrachtet das moderne Bewußtsein die Denkweisen früherer Zeiten nicht als andere legitime und mögliche Formen des Bewußtseins, sondern als fehlgeleitete Anschauungen von der Welt, die wir glücklicherweise überwunden haben. Man ist davon überzeugt, daß die Männer und Frauen jener Zeiten zwar glaubten, die Natur begriffen zu haben, daß dise Ansichten jedoch ohne unser naturwissenschaftliches Wissen einfach nciht weiter als kindischer Animismus waren. Der Reifungsprozeß, den der menschliche Intellekt über die Jahre hinweg durchgemacht hat, vor allem in diesem Jahrhundert, vermochte (wie es heißt) diese Anhäufung von Aberglauben und verwirrtem Denken fast völlig zu korrigieren.“

Berman, Morris (1981): Wiederverzauberung der Welt. Am Ende des Newtonschen Zeitalters. München (Dianus-Trikont) 1984, 60f.




Ein Gedanke zu „32.7.2 Auch die unbelebte Welt wird analog der menschlichen Interaktion interpretiert, das heißt, wenn die Erfahrung des Widerstands, den Objekte leisten (= Gegenstände) gemacht wird, werden ihnen Merkmale menschlicher Akteure zugeschrieben (= Personalisierung).“

  1. @“Ganz offensichtlich betrachtet das moderne Bewußtsein die Denkweisen früherer Zeiten nicht als andere legitime und mögliche Formen des Bewußtseins, sondern als fehlgeleitete Anschauungen von der Welt, die wir glücklicherweise überwunden haben.“

    Ganz offensichtlich lassen sich große Teile der Weltbevölkerung in Denkweisen früherer Zeiten gefangen halten, weil rationales Denken anstrengend ist. Zu beobachten bei Kundgebungen von Donald Trump und anderen populistischen oder religiösen Heils- und Hass-Predigern.

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